ZUZWIL: Vermisster wird zum Obdachlosen

Vor fast einem Jahr ist der Zuzwiler Cornel H. auf mysteriöse Art spurlos verschwunden. Jetzt wurde die Wohnung geräumt, sein Hab und Gut versteigert.

Andrea Häusler
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Zuzwils Gemeindepräsident Roland Hardegger (re.) versteigert den Hausrat des Vermissten: die Bieterschaft wartet ab. (Bild: Andrea Häusler)

Zuzwils Gemeindepräsident Roland Hardegger (re.) versteigert den Hausrat des Vermissten: die Bieterschaft wartet ab. (Bild: Andrea Häusler)

H. ist unauffindbar. Seit dem 27. Oktober 2015 gibt es weder ein Lebenszeichen noch Hinweise auf den Tod des damals 41-Jährigen. Ein unbeschriebenes Blatt war der Zuzwiler nicht, hatte wegen diverser Delikte mehrere Jahre im Gefängnis gesessen und 2008 wegen des Mordes vor dem Bezirksgericht Bischofszell gestanden. Ihm und seinem Komplizen war vorgeworfen worden, 1997 in Buhwil einen 27jährigen Herisauer getötet zu haben. Der Prozess endete allerdings mit einem Freispruch: Es fehlte der Nachweis, wer von den beiden Tatbeteiligten die tödlichen Schüsse abgegeben hatte.

Nach wie vor steht H.s Bild zuoberst auf der publizierten Vermisstenliste der Kantonspolizei St. Gallen. Ansonsten haben sich die Spuren seines Lebens verloren. Denn die Gemeinde Zuzwil hat seinen Besitz im Auftrag öffentlich versteigert. Der Verwertung liegt ein Mieterausweisungsverfahren des Vermieters der 4¹/2-Zimmer-Wohnung im Industriequartier bzw. letztlich ein gerichtlicher Beschluss zugrunde.

Ein Bärenfell für 170 Franken

Vollzogen wurde die Haushaltauflösung, mit deren Erlös aufgelaufene Kosten gedeckt werden sollen, von Mitarbeitenden der Gemeindeverwaltung: «Von A bis Z», wie Gemeindepräsident Roland Hardegger sagt, «vom Ausräumen verdorbener Lebensmittel bis zum Ausruf der Auktionslose.»

Das Mobiliar, das unter dem Vordach des Industriebaus angeboten wird, ist hochwertig und hochpreisig. Vage lässt sich erahnen, wer dessen Eigentümer ist oder war. Eine schwarze Designer-Lederpolstergruppe gelangt zum Ausruf, ein Hüsler Nest aus Massivholz, ein runder Konferenztisch mit Drehstühlen. Dann ein Stapel Teppiche – Orientteppiche aus Seide und moderne Wohnteppiche – zufällig zum Lot gemischt. 400 Franken kosten drei Stück: ein Schnäppchen. Hart umkämpft ist der Flachbild-Fernseher mit Verstärkeranlage und «Bella Luna»-Lautsprechern von Duevel. Allein Letztere werden im Handel für 7200 Euro angeboten. 20 000 Franken seien dafür einst bezahlt worden, sagt jemand. Ein Bekannter H.s wohl. Denn seine Familie fehlt – mit dieser hatte Cornel H. längst gebrochen. Die TV-/Musikanlage wechselt den Besitzer für 1020 Franken. Dieser strahlt. Das tut auch der Käufer des Bärenfells mit präpariertem Kopf: 170 Franken blättert er dafür hin.

Vermisst – nicht für tot erklärt

Stück für Stück bietet Roland Hardegger den rund 50 Interessierten den verlassenen Besitz des Vermissten an. Ein Stapel Herrenhemden in XL? Kein Interesse. Die Endstation heisst Kleidersammlung. Dorthin gelangen auch die Hosen, nicht aber die noch verpackte Unterwäsche von ISA. Die findet Käufer. Ungeöffnet sind auch die Spirituosen – um die zehn Flaschen gibt es für 60 Franken. Der Haushalt sei, sagt Hardegger später, sehr ordentlich, der Räumungsaufwand aber gleichwohl hoch gewesen. Nebst der Auktionsvorbereitung habe man die persönlichen Effekten, bzw. Dokumente sichergestellt: «Die hat die Gemeinde nun aufzubewahren», sagt Hardegger.

Als letztes Los gelangt das Mercedes CLK-Cabrio unter den Hammer. 150 000 Kilometer hat es auf dem Tacho, 15 Jahre ist es alt. «Gantrufer»Hardegger startet mit 3000 Franken – für gut 6000 geht es mit seinem neuen Besitzer auf die Strasse. Zweieinhalb Stunden sind inzwischen um. Der Platz leert sich. Einige räumen ihre Trouvaillen in die Autos. Grösseres wird bis zur Abholung in die Lagerhalle zurückgeschoben.

Der Status Cornel H.s bleibt «vermisst». Es wird noch mindestens vier Jahre dauern, bis ihn das Gericht – auf Gesuch derer, die aus seinem Tod Rechte ableiten – für verschollen erklären kann.