Werdenberg
Naturbeobachtungen im Juni: Den Neuntöter zu sichten gleicht einem Secher im Lotto

Leider sind in der Region Werdenberg die insektenreichen Wiesen und Dornbüsche verschwunden, die Nahrungs- und Brutgrundlage der Neuntöter. Den Neuntöter zu sichten ist deshalb äusserst selten. Dem Verein Natur- und Vogelschutz Buchs-Werdenberg ist es dennoch auf seiner Velotour gelungen.

Edith Altenburger
Drucken
Der Neuntöter: ein kleiner, aufrechtstehender Würger.

Der Neuntöter: ein kleiner, aufrechtstehender Würger.

Bild: Fredy Buchmann

«Von zentraler Bedeutung für die Vogelwelt ist das Angebot an Lebensräumen, Brutplätzen und Nahrung», sagt Dr. phil. II Felix Liechti von der Schweizerischen Vogelwarte in Sempach. «Das entscheidet langfristig über das Überleben und das Ausmass der Biodiversität. Vor allem durch die intensive Landwirtschaft kommen die Lebensräume, die Insekten und damit auch die Vögel unter Druck.» Allerdings könne auch die Erderwärmung Lebensräume zerstören; sie spiele also durchaus eine Rolle.

Leider sind die insektenreichen Wiesen und Dornbüsche verschwunden, die Nahrungs- und Brutgrundlage der Neuntöter. Den Neuntöter zu sichten gleicht einem Sechser im Lotto. Dieses Glück hatte der Verein Natur- und Vogelschutz Buchs-Werdenberg auf seiner Velotour in der Region.

Zwischendurch Jagdflüge auf Grossinsekten

Ein Neuntöter Männchen sitzt weithin sichtbar auf seiner Warte, von der er sein Revier gut überblicken kann. Dies können Sträucher, junge Bäume, Zaunpfähle, Heuballen oder andere exponierte Orte sein. Vor der Bebrütung des Geleges ist das Weibchen meist in der Nähe des Männchens zu finden.

In der Regel wird ohne einen Ortswechsel lange Zeit auf der gleichen Warte verharrt, auf welcher der Vogel auch längere Zeit ruht, sich putzt oder sonnt. Wird es ihm dabei zu heiss, sucht der Neuntöter kurzfristig Schatten auf. Zwischendurch werden immer wieder Jagdflüge, z. B. auf Grossinsekten unternommen.

Ein rostbrauner Rücken

Neuntöter sind etwa so gross wie ein Star. Der graue Kopf mit dem schwarzen Band von einem Ohr zum andern, dazu der rostbraune Rücken im Gegensatz zur weissen Unterseite macht ihn auffällig. Das Nest wird in dichtem Dornengestrüpp gebaut, Heckenrosen, Schwarzdorn und Berberitze kommen auch in Frage.

Ihre Nahrung besteht aus Grossinsekten wie Heuschrecken, Grillen und Käfer. Kleine Eidechsen oder Mäuse, auch Vogeljunge werden gefressen.

Unverdauliches wird als Speiballen ausgewürgt

Nach erfolgreicher Jagd wird die Beute meist mehr oder weniger umständlich zum Verzehr aufbereitet und von schlecht verdaulichen Bestandteilen befreit. Unverdauliche Bestandteile werden als Speiballen ausgewürgt. Diese haben bei einer ungefähren Länge von 25 Millimetern meist 8 bis 9 Millimeter Durchmesser und zerfallen in trockenem Zustand leicht. Gewölle mit Mäusebestandteilen sind meist kompakter und können grösser sein.

Der Name Neuntöter, aus der weltweit verbreiteten Familie der Würger, tönen nicht eben freundliche. Sie dürften vom Verhalten herkommen. Für schlechte Tage wird Futtervorrat angelegt, in dem Beutetiere an Dornen aufgespiesst werden.

Altgras bietet bessere Bedingungen

Der Pflegeplan der Gemeinde Buchs für den Erhalt der Fauna und Flora an der wasserseitigen Dammböschung des Rheins hat Pioniercharakter. Seit 1998 führt das Rheinunternehmen die mosaikartige Sommer- und Herbstmad vorbildlich aus. Für Insekten sind so Überwinterungsmöglichkeiten in verholzten Pflanzenteilen und trockenen Blütenständen möglich. Einige Arten überwintern in einem hohlen Stängel als Ei, Larve oder adult Tier. Andere Arten suchen einen guten Überwinterungsschutz im und auf dem Boden. Das Altgras bietet bessere Bedingungen als die kahl geschnittenen Flächen.

Von der nachhaltigen Bewirtschaftung profitiert auch die Blumenvielfalt, wie die Orchideen Helm Knabenkraut, Spitzorchis, Hummel-Ragwurz und das weisse Waldvögelein. Die ganze Vielfalt erfreut die Spaziergänger.