Steuern
In der Stadt St.Gallen zahlen wenige Einwohner sehr viele Steuern und sehr viele keinen Rappen – schon vor der Abstimmung über die 99-Prozent-Initiative

Mit ihrem Volksbegehren, über das am 26. September abgestimmt wird, wollen die Jungsozialisten Kapitalgewinne der Reichen stärker besteuern und dadurch Menschen mit durchschnittlichem Einkommen entlasten. Ein Blick in die Steuerstatistik der Stadt St.Gallen zeigt: Vermögende Leute haben schon heute eine starke Steuerbelastung.

Daniel Wirth 4 Kommentare
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Die Stadt St.Gallen hat aktuell einen Steuerfuss von 141 Prozentpunkten, in den umliegenden Gemeinden ist er zum Teil markant tiefer. Das gibt immer wieder Anlass zu Diskussionen im Stadtparlament. Die Bürgerlichen plädieren für einen tieferen Steuerfuss, damit gut verdienende und vermögende Steuerzahler nicht abwandern. Die Linken, allen voran die SP, wehren sich dagegen. Und jetzt wollen die Juso mit ihrer 99-Prozent-Initiative, über die in gut zehn Tagen abgestimmt wird, Einkommen aus Kapital, etwa Dividenden, Zinsen, oder Börsengewinne massiv höher versteuern und dafür die Arbeitseinkommen entlasten.

Ende 2018 waren in der Stadt St.Gallen 50'722 Steuerpflichtige registriert (ohne Unternehmen), wie aus einem Papier der Fachstelle für Statistik des Kantons St.Gallen hervorgeht. 3344 Personen, was 6,6 Prozent aller Steuerpflichtigen entspricht, hatten Ende 2018 kein steuerbares Einkommen. Heisst: Sie zahlten keinen Rappen Steuern in die Stadtkasse.

St.Gallen ist ganz schweizerisch

Am anderen Ende der Skala stehen diejenigen Steuerpflichtigen mit einem jährlichen steuerbaren Einkommen von mehr als einer halben Million Franken. Das waren 330 Steuerpflichtige (0,7 Prozent). Sie lieferten zusammen 14,512 Millionen Franken in die Stadtkasse ab, was 10,1 Prozent der gesamten Einkommenssteuern von 144 Millionen Franken ausmachte.

Michael Urech, Leiter des Finanzamts der Stadt St.Gallen, sagt, dieses Verhältnis sei nicht ungewöhnlich. Im Gegenteil. Die Stadt St.Gallen sei sehr durchschnittlich und wohl repräsentativ für die Schweiz. In Städten wie Genf oder Zug oder in kleinen Gemeinden mit einem hohen Anteil an Einkommensmillionären gehe diese Schere deutlich weiter auseinander.

Michael Urech bei der Präsentation der Rechnung 2020 im Waaghaus.

Michael Urech bei der Präsentation der Rechnung 2020 im Waaghaus.

Bild: Ralph Ribi

Mit 34,1 Millionen Franken, was 23,7 Prozent der gesamten Erträge aus Einkommenssteuern entspricht, trugen 2018 die 4831 Steuerpflichtigen (9,5 Prozent) mit einem steuerbaren Einkommen zwischen 100'000 und 200'000 Franken bei. Mit 23,2 Prozent stellten die 11'763 Steuerpflichtigen mit einem steuerbaren Einkommen zwischen 40'000 und 60'000 Franken die grösste Gruppe dar; sie lieferte 25,6 Millionen Franken in die Stadtkasse ab, was 17,7 Prozent sämtlicher Einkommensteuern ausmachte.

Michael Urech sagt, in der Gruppe mit mehr als 500'000 Franken Einkommen im Jahr gebe es auch Steuerzahler, die ihren Wohnsitz nicht in der Stadt hätten, beispielsweise Besitzer von Liegenschaften, die in der Stadt Mietzinsen generierten und diese hier als Einkommen versteuerten.

Abwanderung von Reichen statistisch nicht belegbar

Dass in den vergangenen zehn Jahren gut verdienende Steuerzahler die Stadt verlassen haben, bestätigt die Statistik nicht. Im Gegenteil. Während vor drei Jahren 330 Steuerpflichtige ein steuerbares Einkommen von mehr als einer halben Million Franken hatten in der Stadt, so waren das im Jahr 2010 mit 229 ziemlich genau 100 Steuerpflichtige weniger. Das zeigt deutlich: Der Steuerfuss oder die steuerliche Belastung ist nicht das einzige Kriterium für oder gegen einen Wohnort; es gibt viele andere Argumente. Zum Vergleich: Die Zahl derjenigen Einwohnerinnen und Einwohner, die kein steuerbares Einkommen hatten, veränderte sich zwischen 2010 und 2018 etwas gleich; sie stieg von 2272 (5,8 Prozent) auf 3344 (6,6 Prozent).

Beim Vermögen, das versteuert werden muss, kommt noch deutlicher zum Ausdruck, wie die Steuerbelastung auseinanderklafft: Ende 2018 gab es in der Stadt St.Gallen 775 Steuerpflichtige, die ein Vermögen von mehr als fünf Millionen Franken versteuerten; das sind 1,5 Prozent. Sie lieferten knapp 14,2 Millionen Franken in die Stadtkasse ab, was mit 51,5 Prozent etwas mehr als die Hälfte der Erträge aus Vermögenssteuern ausmachte.

Steuerpflichtige mit einem steuerbaren Vermögen von mehr als einer Million Franken gab es Ende 2018 in der Stadt St.Gallen 3928, was 7,7 Prozent aller Steuerpflichtigen gleichkommt. Sie zahlten insgesamt 22 Millionen Franken Vermögenssteuern bei einem Satz von 5 Promille. Diese rund 22 Millionen Franken machten vier Fünftel der gesamten Einkommenssteuern aus, die die Stadt im Jahr 2018 in Rechnung stellte.

Zwei Drittel ohne steuerbares Vermögen

Knapp zwei Drittel aller gut 50'000 Steuerpflichtigen in der Stadt St.Gallen zahlten 2018 keine Vermögenssteuern. Die Zahl der Vermögensmillionäre ist volatiler als diejenige der Einkommensmillionäre. Das hat zum einen mit der Konjunktur zu tun, zum anderen mit den Gewinnen, die Vermögende an den Finanzmärkten machen. Michael Urech sagt dazu:

Bei einem Crash an den Finanzmärkten sinkt diese Zahl unweigerlich und mit ihr die Erträge bei den Vermögenssteuern,

«Bei einem Crash an der Börse sinkt diese Zahl unweigerlich und mit ihr die Erträge bei den Vermögenssteuern.»

Die Vermögenssteuern machen einen relativ kleinen Teil der gesamten Steuererträge einer Stadt oder einer Gemeinde aus. Ein Vergleich: 2018 nahm St.Gallen 144 Millionen Franken Einkommenssteuern ein. Die Vermögenssteuern betrugen 27,5 Millionen Franken, fast fünfmal weniger.

Michael Urech sagt, bei den Unternehmen in der Stadt St.Gallen sei das Verhältnis von stark und weniger belasteten Firmen noch ausgeprägter als bei natürlichen Personen. Ganz wenige Firmen mit Sitz oder Filialen in der Stadt zahlten einen wesentlichen Teil der Unternehmenssteuern, ganz viele Firmen zahlten sehr wenig Unternehmenssteuern. Gemäss Urech ist auch das nicht aussergewöhnlich.

4 Kommentare
Simone Kessler

@Herr Kobel: Das ist nicht korrekt: Wenn jemand 5% Kapitaleinkommen (Zinsen, Dividenden) generiert, zahlt er ganz normal Einkommensteuer (reduziert falls ihm/ihr mehr als 10 % eines Unternehmens gehören). Zudem zahlt diese Person Vermögenssteuern, wie im Bericht korrekt wiedergegeben. Sollte "ihre" Rendite ein sog. Kapitalgewinn sein, stimmt ein Teil Ihrer Interpretation... wobei demgegenüber Kapitalverluste natürlich von den Befürwortern immer ausgeklammert werden. 

reto rohner

die initiative ist geschaffen von ‚links-denkenden’ leuten, welche studiert aber oftmals noch nie richtig gearbeitet haben und schon gar nicht irgendein finanzielles risiko eingegangen sind. mit der initiative sollen diejenigen, welche ausserordentliches geleistet und überdurchschnittlich viel arbeiten bestraft werden… sind wir froh, dass es noch solche leute gibt! unser steuersystem ist nicht perfekt aber  funktioniert gut und hat für uns alle wohlstand gebracht. das sozialistische system ist in der regel in allen ländern gescheitert.

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