Die sinnlichen Zwanzigerjahre

Der Kulturverein Widnau startete am Sonntagmorgen mit einem durchaus passenden Liedprogramm in den Wonne- monat Mai. Der Oberrieter Bariton Samuel Zünd präsentierte Freches und Frivoles aus dem Berlin der Zwanzigerjahre.

Max Pflüger
Drucken

WIDNAU. Nicht wenige Zuhörer folgten am Sonntagmorgen einer Einladung des Kulturvereins Widnau. Bis auf den letzten Platz, ja sogar darüber hinaus füllten sie das evangelische Kirchgemeindehaus. Das Programm versprach eine frech-frivole Musikrevue aus der Berliner Kabarettszene der guten alten Zeit.

Gestaltet wurde der Morgen vom talentierten Bariton und beliebten Entertainer Samuel Zünd. Zusammen mit der Violinistin Nina Eleta und dem Pianisten Edward Rushton entführte er das Publikum hinaus in die Weltstadt Berlin und ihr lebenslustiges aber bisweilen auch sündiges Nachtleben in den goldenen Zwanzigern. Nicht zuletzt war die Auswahl als Hommage an den genialen Sänger und Kabarettisten jener Zeit, Max Hansen, gedacht.

Frivol, aber nicht obszön

Samuel Zünd erinnerte mit seinen humorvollen Moderationen immer wieder an die damalige Weltstadt Berlin. Aber auch im Outfit der drei Künstler spiegelte sich der Look der Zwanziger. Die Herren im Frack, die Dame im langen Abendkleid, schlank und knabenhaft. So hatten die Partygirls damals zu sein. Die Mieder, welche die Frauen vorher in der Bewegungsfreiheit eingeengt hatten, wurden an den Nagel gehängt und machten Kleidern mit tiefer Taille Platz. Die Zigarettenspitze gehörte zum guten Ton.

Das Liedprogramm ergänzte das optische Bild perfekt. Frivol, frech, aber nie obszön zeichnete es ein humorvolles Bild von den damals unkonventionellen Beziehungen zwischen den Männern und den Frauen: Von «Ich küsse ihre Hand, Madame» über «Die schöne Josefine in der Badekabine» und «Wenn die Elisabeth nicht so schöne Beine hätt'» bis zu «Ich bin von Kopf bis Fuss auf Liebe eingestellt» sang Samuel Zünd bekannte und beliebte, aber auch weniger oft gehörte Melodien von damals.

Theatralik und Mimik

Die drei Künstler begeisterten aber nicht allein mit ihrem musikalischen Können. Auch die Theatralik, die Gestik und die lebendige Mimik waren grossartig. Besonders Samuel Zünd setzte sein Talent als Musicaldarsteller perfekt in Szene. Galant rückte sich die Violinistin mit ihrer langen, goldenen Zigarettenspitze in einer Spielpause ins Bild.

Der optische Eindruck, verbunden mit der dazugehörigen kraftvollen Baritonstimme des Sängers, zeichneten bis ins Detail die weltmännische, verrauchte, bisweilen aber auch etwas verruchte Bar-Atmosphäre der goldenen Berliner Zwanzigerjahre nach und begeisterten das Publikum.

Der tosende Schlussapplaus war wohlverdient. Er galt sicher auch den zwischen die Lieder eingestreuten Instrumentalstücken, zum Beispiel dem auf der Geige eindrücklich temperamentvoll vorgetragenen Czardas von Vittorio Monti.