Thurprojekt
Deutlich mehr Flächen für Landwirte: Drei Gemeinden präsentieren ihre Gewässerraumlinien entlang der Thur

Das Thurprojekt 2014 für einen verbesserten Hochwasserschutz und eine ökologische Aufwertung zwischen Bürglen und Weinfelden liegt bewilligt parat. Bevor es aber in Angriff genommen werden kann, müssen die drei beteiligten Gemeinden nun den Gewässerraum definieren.

Mario Testa
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Die Gewässerraumlinie soll auf der Weinfelder Seite der Thur nicht dem Damm entlang (ganz rechts), sondern dem Waldweg entlang führen. So bleibt mehr Ackerland.

Die Gewässerraumlinie soll auf der Weinfelder Seite der Thur nicht dem Damm entlang (ganz rechts), sondern dem Waldweg entlang führen. So bleibt mehr Ackerland.

Bild: Mario Testa

Bis hierhin und nicht weiter. Das definiert die Gewässerlinie – sowohl für den Fluss und seine maximale Ausdehnung bei Hochwasser als auch für die Menschen und bis wohin sie Ackerbau betreiben und Anlagen bauen dürfen. Wo die eigentümerverbindliche Gewässerlinie entlang der Thur von Weinfelden und Bussnang bis Bürglen verlaufen soll, ist nun klar. Im Rahmen eines öffentlichen Informationsanlasses haben die drei beteiligten Gemeinden am Mittwochabend in der Badi Weinfelden den Entwurf der Gewässerraumlinien vorgestellt.

Stadtrat Daniel Engeli führt durch den Informationsanlass in der Badi Weinfelden.

Stadtrat Daniel Engeli führt durch den Informationsanlass in der Badi Weinfelden.

Bild: Mario Testa

Dazu bewegt hat sie ein Verwaltungsgerichtsentscheid aus dem Jahr 2018. «Er besagt, die Festlegung der eigentümerverbindlichen Gewässerraumlinien sei Sache der Gemeinden. Das haben wir nun gemacht», sagt Weinfeldens Stadtrat Daniel Engeli zu den rund drei Dutzend Interessierten.

«Für die Gemeinden ist die Thurkorrektion und damit der Hochwasserschutz wichtig. Bussnang, Bürglen und Weinfelden übernehmen Verantwortung.»

Innerhalb der Gewässerraumlinie dürfen Landwirte ihre dortigen Flächen nur extensiv bewirtschaften – also beispielsweise als Weide- oder Wiesland ohne den Einsatz von Dünger oder Pflanzenschutzmitteln – und es dürfen ausser Fusswegen, Flusskraftwerken oder Brücken keine Anlagen gebaut werden. Für bestehende Anlagen wie die Weinfelder Badi oder den Bürgler Spielplatz und das Armbrustschützenhaus besteht jedoch eine Bestandsgarantie, sie dürfen also bleiben.

Sonderlösung für den Exerzierplatz

Südlich der Thur verläuft die Linie grösstenteils an der oberen Kante des Bussnanger und Bürgler Waldes am Hang. Nördlich gibt der Damm, welcher sich als eine Linie vom Weinfelder Wehr bis nach Bürglen zieht, eine logische Grenze des Gewässerraums vor. Innerhalb dieses Gebiets befindet sich mit dem ehemaligen Exerzierplatz aber auch eine grosse Landwirtschaftsfläche. «Der Exerzierplatz war der grosse Knackpunkt. Er soll als Landwirtschaftsland bestmöglich erhalten werden, Neubauten sind hier aber nicht erlaubt», sagt Planer Benjamin Müller bei der Erläuterung der Linien. Auf Intervention beim Bund sei es gelungen, eine Sonderlösung zu bekommen.

Planer Benjamin Müller erläutert die Gewässerraumlinien.

Planer Benjamin Müller erläutert die Gewässerraumlinien.

Bild: Mario Testa
«So können rund 20 Hektaren Ackerland auch künftig als solche genutzt werden.»

Der Bund sei damit einverstanden, dass der Exerzierplatz ausserhalb des Gewässerraums bleibt. «Diese Landwirtschaftsfläche ist somit aber nicht vor einem 100-Jahr-Hochwasser geschützt und nach unseren Schätzungen wird sie etwa alle zehn Jahre überflutet werden», sagt Müller.

Gemeinden beantworten Fragen

«Muss denn immer zuerst etwas passieren?», fragt der zuständige Weinfelder Stadtrat Daniel Engeli und erinnert an die überschwemmte Badi am 1. Juni 2013 und die bereits im folgenden Jahr erfolgten, vorgezogenen Hochwasserschutzmassnahmen in diesem Bereich. «Damit der Hochwasserschutz für Weinfelden nachhaltig gewährleistet werden kann, soll die Thurkorrektion realisiert werden.» Das Bauprojekt 2014 überzeuge den Stadtrat, es sei ausgeglichen punkto Schutz, Landwirtschaft und ökologischer Aufwertung. «Wir hoffen deshalb auch, dass das Projekt in absehbarer Zeit realisiert wird.»

Kilian Germann, Gemeindepräsident Bürglen.

Kilian Germann, Gemeindepräsident Bürglen.

Bild: Mario Testa

Bürglen stehe dem Entwurf der Gewässerraumlinien positiv gegenüber, sagt Gemeindepräsident Kilian Germann. «Für uns sprechen drei Punkte dafür: der Hochwasserschutz, der Schutz des Grundwassers und die Aufwertung der Thur als Naherholungsgebiet.» Gefährdet sei das Grundwasser, weil sich der Fluss immer tiefer eingrabe ins Land und so immer näher ans Grundwasser komme, was es unbedingt zu stoppen gelte, um eine Verschmutzung zu verhindern. «Wir beziehen 90 Prozent unseres Trinkwassers aus dem Grundwasser.» Und der Hochwasserschutz werde verbessert, indem das Flussbett verbreitert werde und so die Dämme entlastet würden.

Ruedi Zbinden, Gemeindepräsident Bussnang.

Ruedi Zbinden, Gemeindepräsident Bussnang.

Bild: Mario Testa

Der Bussnanger Gemeinderat steht ebenfalls hinter dem Entwurf der Gewässerraumlinie. Auch wenn in diesem Flussabschnitt die Bussnanger auch bei Hochwasser «nicht so schnell nasse Füsse bekommen», wie Gemeindepräsident Ruedi Zbinden sagt, den das Projekt Thurkorrektion schon seit 16 Jahren begleitet. «Für uns war der Erhalt möglichst vieler Fruchtfolgeflächen wichtig. Dafür haben wir auch bei den anderen Gemeinden gekämpft und hatten mit dem Exerzierplatz auch Erfolg.» Die Festlegung der Linien sei ein Auftrag, den man auch nicht einfach ablehnen könne. «Der Hochwasserschutz ist eine Gesetzesaufgabe und das Stimmvolk hat das Wasserbaugesetz auch angenommen. Das müssen wir umsetzen – wir machen das nicht einfach aus Spass an der Sache.»

Kritiker rasseln mit dem Säbel

In der abschliessenden Diskussion melden sich vor allem Bauern und Vertreter der IG Thur zu Wort. Hans Stalder aus Puppikon sagt beispielsweise, er sei nicht grundsätzlich gegen die Thurkorrektion, auch wenn es kaum besseres Ackerland gebe als jenes entlang der Thur. «Aber seit 15 Jahren habe ich immer wieder Anfragen gestellt an die zuständigen Stellen und kaum je Antworten erhalten. Es ist auch störend, wenn so gutes Landwirtschaftsland geopfert wird und wir dann an Hanglagen ausweichen müssen.» Der Weinfelder Unternehmer Heinrich Frei zeigt sich kampfbereit. «Wir werden das jetzt ganz genau studieren. Und wenn wir Fehler finden, dann starten wir mit der IG Thur halt wieder eine Initiative gegen das Projekt.»

Mit kritischem Blick beäugt Heinrich Frei den Plan für das «Thur-Bauprojekt 2014».

Mit kritischem Blick beäugt Heinrich Frei den Plan für das «Thur-Bauprojekt 2014».

Bild: Mario Testa

Von den Umweltverbänden meldet sich niemand zu Wort. Dafür der Weinfelder Unternehmer Beat Curau. «Ihr seid als Landwirte nicht die einzigen, deren Interessen in diesem Projekt vertreten sein sollen. Ihr habt euch jetzt schon den ganzen Exerzierplatz gesichert, es gibt aber auch die Interessen der Vogelschützer, der Touristiker, der Fischer und vieler anderer. Wenn immer alle nur auf ihren Interessen beharren, geht das nicht.»

Das weitere Vorgehen bezüglich Festsetzung der Gewässerlinien erläutert der Weinfelder Bauamtchef Martin Belz. «Bis Ende August nehmen die drei Gemeinden noch Fragen und Voten zu Detailpunkten entgegen. Danach werden die Behörden die Pläne beschliessen und im September werden sie öffentlich aufgelegt mit einer Einsprachefrist von 20 Tagen.»

Geschichte des Thurkorrektionsprojekts Bürglen-Weinfelden

  • 2002 haben die Planungen und Variantenstudien begonnen, Machbarkeitsstudien und Vorprojekte wurden erstellt
  • 2010 präsentiert der Kanton das erste Projekt Bürglerau
  • 2011 wird das Projekt Bürglerau öffentlich aufgelegt
  • Nach diversen Rechtsmittelverfahren zieht der Kanton das Projekt Bürglerau zurück
  • 2014 Kanton präsentiert neues «Bauprojekt 2014» für den Abschnitt Bürglen-Weinfelden
  • 2014 Der Thurgauer Grosse Rat genehmigt den 28-Millionen-Kredit für das «Bauprojekt 2014»
  • Nach diversen Einsprachen entscheidet das Verwaltungsgericht im November 2018, dass das Bauprojekt koordiniert mit dem Gewässerraum weiterverfolgt werden muss. Weinfelden, Bürglen und Bussnang müssen daher die eigentümerverbindlichen Gewässerrumlinien definieren

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