Kinder und Jugendliche werden am Smartphone schnell zu "Sklaven ihrer Reize"

Die Digitalisierung hat direkten Einfluss auf die Gehirne von Kindern. Der deutsche Neuropsychologe Lutz Jäncke erklärte den St.Galler Schulpsychologen, was das für Auswirkungen haben kann.

Urs-Peter Zwingli
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Erwachsene haben durch ihr Vorbild entscheidenden Einfluss auf die Kinder.

Erwachsene haben durch ihr Vorbild entscheidenden Einfluss auf die Kinder.

Christof Schuerpf, KEYSTONE

Esse ich den Marshmallow, der vor mir auf dem Tisch liegt, oder nicht? Vor diese Aufgabe stellte der US-amerikanische Psychologe Walter Mischel um 1970 vierjährigen Kindern. Wenn sich diese während 15 Minuten zusammenreissen konnten, erhielten sie danach einen zweiten Marshmallow dazu. Diese Fähigkeit, in Hinblick auf ein Ziel zu verzichten, heisst Belohnungsaufschub. Sie unterscheidet den Menschen in entscheidender Weise von allen anderen Tieren und ist die Grundlage seines wirtschaftlichen und sozialen Fortschritts. Die Nutzung digitaler Medien droht, diese Fähigkeit zu schwächen und uns zu «Sklaven unserer Reize» zu machen, wie der deutsche Neuropsychologe Lutz Jäncke sagte. Er sprach am Freitagabend vor Vertretern des Schulpsychologischen Dienstes (SPD) des Kantons St.Gallen zur Feier dessen 80-jährigen Bestehens (siehe Kasten). Im Fokus stand eine Frage, die die Psychologinnen und Psychologen an den Schulen derzeit stark beschäftigt: Welchen Einfluss hat die Digitalisierung auf die (Gehirn-)Entwicklung von Kindern und Jugendlichen? Der 62-jährige Jäncke ist Ordinarius für Neuropsychologie an der Universität Zürich und einer der weltweit meistzitierten Wissenschaftler.

Das Fazit seines eineinhalbstündigen Vortrages, in den Jäncke immer wieder witzige bis schräge Anekdoten einbaute, scheint simpel, ist aber nicht einfach umzusetzen. Es gilt übrigens auch für Erwachsene: Wir brauchen weniger Informationsgewitter über die digitalen Kanäle. Wir müssen uns auf einige wesentliche Dinge konzentrieren. Das braucht Selbstdisziplin und diese muss trainiert werden. Und wir müssen unsere Kommunikation im analogen Raum pflegen. Den wichtigsten Punkt stellte Jäncke ganz an den Schluss: Erwachsene haben durch ihr Vorbild entscheidenden Einfluss auf die Kinder.

Was Kinder tun, formt ihr Gehirn

Die Vorbild- und Steuerungsrolle der Eltern ist auch deshalb so wichtig, weil bei Kindern und Jugendlichen das Gehirn in einem wichtigen Aufbauprozess steht: Der Frontalkortex, das Stirnhirn, ist bei ihnen unvollständig ausgebildet. Dieses Hirnareal ist zuständig für Dinge wie Impulskontrolle, Planung und den Aufbau von langfristigen Beziehungen und Kooperationen. «Kinder und Jugendliche können also für ihr seltsames Verhalten nichts dafür», sagte Jäncke, der selber zweifacher Vater ist.

Der Frontalkortex wird entscheidend davon geprägt, was die Kinder und Jugendlichen tun und unterlassen. «Während ein Kind ein Musikinstrument spielt und Bücher liest, werden Fähigkeiten wie etwa Selbstdisziplin geschult. Während es am Smartphone spielt, geschieht das eher weniger», sagte Jäncke, der auch betonte, er sei nicht gegen die Digitalisierung. «Begrenzungen des Medienkonsums sind aber wichtig.» Gerade auch, weil Kinder und Jugendliche aufgrund ihrer schwachen Impulskontrolle anfällige für Süchte seien.

Die Manipulierbarkeit steigt

Zwar hat das Gehirn von Erwachsenen diesen Umbauprozess bereits vollzogen, doch auch sie werden von digitalen Medien beeinflusst: Das Internet gibt es seit 25, Smartphones seit gut zehn Jahren - der Mensch aber feilt seit dem Aufkommen der ersten Urmenschen vor 70'000 Jahren an seiner Kommunikation. «Das bedeutet, unser Gehirn ist von der täglichen Menge an Informationen, die plötzlich auf uns einprasseln, überfordert», sagte Jäncke. Das führe dazu, dass Menschen den Fokus verlieren und sich von Stimulus zu Stimulus treiben lassen. «Es ist ihnen sicher auch schon passiert, dass sie nur kurz etwas googeln wollten und eine Stunde später fragen Sie sich: Wie bin ich jetzt auf dieser Website gelandet?!», beschrieb Jäncke die Auswirkungen. Diese Anfälligkeit auf Informationshäppchen mache die Menschen zudem leichter manipulierbar, was politisch ausgenutzt werde. Das Gehirn könne sich zudem nicht an Multitasking gewöhnen, wie mehrere Studien gezeigt hätten.

St.Galler Schulpsychologie ist 80 Jahre alt

Der Schulpsychologische Dienst (SPD) des Kantons St.Gallen wurde 1939 gegründet, damals als «Fürsorgestelle für anormale Jugendliche». Heute liegt der Fokus des Beratungsdienstes, der sieben Regionalstellen im Kanton betreibt, auf der individuellen Förderung der Kinder. «Das Kind steht im Zentrum und nicht die Interessen des Kantons oder der Schule», sagte SPD-Präsidentin Katrin Glaus an der Feier. Jährlich zählt der SPD 3500 Kontakte zu Themen wie Schulabsentismus, Legasthenie, Verhaltensauffälligkeit, Sonderbegabung etc. Der SPD wird im Verbund vom Kanton und den Gemeinden betrieben, was laut Glaus ein Garant für seine Unabhängigkeit ist. (upz)