Impfoffensive Ostschweiz
Kurzhypnose, Pop-up-Impfstellen, Impftaxis: So wollen die Ostschweizer Kantone Ungeimpfte doch noch überzeugen

Die Ostschweizer Kantone hatten die Vorschläge des Bundes für eine Impfoffensive in Bausch und Bogen verworfen. Nun präsentieren sie ihre Ideen für die nationale Impfwoche: Mit Impfnächten, zusätzlichen Walk-in-Angeboten und sogar Kurzhypnosen wollen sie Unentschlossene von der Impfung gegen das Coronavirus überzeugen.

Regula Weik und Michael Genova
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Die Ostschweizer Gesundheitschefinnen und -chefs werben in Trogen für eine höhere Impfquote: Monika Rüegg-Bless (AI), Yves Noël Balmer (AR), Bruno Damann (SG) und Karin Frischknecht, Chefin des Thurgauer Amts für Gesundheit.

Die Ostschweizer Gesundheitschefinnen und -chefs werben in Trogen für eine höhere Impfquote: Monika Rüegg-Bless (AI), Yves Noël Balmer (AR), Bruno Damann (SG) und Karin Frischknecht, Chefin des Thurgauer Amts für Gesundheit.

Bild: Tobias Garcia

«Schlussspurt» – unter dieses Motto hat St.Gallen die nationale Impfwoche im Kanton gestellt. Schlussspurt? Beim Blick auf die Impfquoten in der Ostschweiz fällt einem eher Schlusslicht ein. Die Kantone Appenzell Ausserrhoden und Innerrhoden, St.Gallen und Thurgau liegen mit ihren Impfquoten im Landesvergleich auf den hintersten Rängen. Wie wollen sie die Zögernden von den Vorteilen der Impfung überzeugen? Am Mittwoch haben sie in Trogen ihre Pläne vorgestellt. Noch niederschwelliger, noch näher bei der Bevölkerung, noch ausgedehntere Impfzeiten – so lassen sich ihre Massnahmen zusammenfassen.

St.Gallen: Ein Pieks für Nachtschwärmer

Alle Angabe ohne Gewähr. Weitere Infos gibt es hier.

Die St.Galler Impfverantwortlichen werden nachtaktiv: Der Kanton plant Impfnächte in Wil, St.Gallen, Rapperswil-Jona und Buchs. Nachtschwärmerinnen und Nachtschwärmer können sich bis Mitternacht impfen lassen – vor oder nach dem Ausgang. Zu den bestehenden vier Impfzentren eröffnet der Kanton neu drei Pop-up-Impfstellen – und zwar in Altstätten, Walenstadt und Wattwil; später sollen weitere Standorte folgen. Den Toggenburgerinnen und Toggenburgern liefert der Kanton die Impfung quasi frei Haus: Mobile Impfteams werden die ganze nächste Woche im Toggenburg unterwegs sein, um der Bevölkerung den Anfahrtsweg zur Spritze zu verkürzen. Die spezielle Offensive kommt nicht von ungefähr: Das Toggenburg ist jene St.Galler Region mit der tiefsten Impfquote.

Thurgau: Freie Wahl des Impfstoffs

Pfizer, Moderna oder Johnson&Johnson? Eine Woche lang herrscht im Thurgau die freie Impfstoffwahl. In Weinfelden können sich Thurgauerinnen und Thurgauer an ausgewählten Tagen ohne Anmeldung mit einem bestimmten Impfstoff impfen lassen. Zudem macht der Kanton einen Schritt auf Migrantinnen und Migranten zu: Er informiert über die sozialen Medien in sieben Sprachen. Neu gibt es zudem im Rahmen der sogenannten «Femmes-Tische» Impfberatungen für Migrantinnen. Darüber hinaus geplant sind Impfnächte, tägliche Walk-in-Impfungen, und der Impfbus tourt verstärkt durch die fünf Bezirke.

Ausserrhoden: Mit dem Taxi zum Impfzentrum

Ohne Stress nach der Arbeit zum Impfen: Während der Impfwoche ist dies in Appenzell Ausserrhoden problemlos möglich. Die Impfzentren in Herisau und Heiden sind täglich von 13.30 Uhr bis 21.30 Uhr geöffnet, am 12. November sogar bis Mitternacht. Eine Voranmeldung ist nicht notwendig. Während der ganzen Woche fährt ein Taxi Impfwillige aus Herisau oder Heiden kostenlos ins jeweilige Impfzentrum. Der kantonsärztliche Dienst hat zudem ein eigenes Beratungstelefon für Unentschlossene eingerichtet.

Innerrhoden: Spontan impfen beim Hausarzt

Sich spontan impfen zu lassen, ist in Appenzell Innerrhoden neu auch bei mehreren Hausärztinnen und Hausärzten möglich – dies neben dem bestehenden Walk-in-Angebot im kantonalen Impfzentrum. Und es gibt neu ein medizinisches Beratungstelefon: Unentschlossene können sich gratis beraten lassen, Bürgerinnen und Bürger sich mit Fragen an einen Arzt wenden. «Es kursieren viele Unwahrheiten. Wir wollen versuchen, diese mit Fachleuten auszuräumen», so die Innerrhoder Gesundheitschefin Monika Rüegg-Bless.

Die kreativste Idee

Appenzell Ausserrhoden lässt nichts unversucht und denkt sogar an Personen, die extreme Angst vor Spritzen haben. Diese Impfwilligen können sich an zwei Abenden in Gais unter Hypnose impfen lassen.

Das ehrgeizige Impfziel

Welche Impfquote peilt der Bundesrat mit der Impfwoche an? Der Bundesrat möchte diese Woche keine Zahl nennen. Der St.Galler Gesundheitschef Bruno Damann zögert dagegen nicht: 80 Prozent – ein ambitioniertes Ziel. Aktuell sind im grössten Ostschweizer Kanton gut 58 Prozent vollständig geimpft.

Monika Rüegg-Bless, Innerrhoder Gesundheitsdirektorin.

Monika Rüegg-Bless, Innerrhoder Gesundheitsdirektorin.

Bild: Tobias Garcia

Nationales Schlusslicht ist Appenzell Innerrhoden mit 53 Prozent vollständig Geimpfter. «Wir sind nicht dort, wo wir sein wollen», sagt Gesundheitsdirektorin Monika Rüegg-Bless. Bei den über 65-Jährigen betrage die Impfquote derzeit 80 Prozent, da strebe der Kanton 90 Prozent an. Und sie gibt zu bedenken: Innerrhoden habe eine hohe Zahl Genesener – wohl höher als manch anderer Kanton.

Der neue Elan

Karin Frischknecht, Chefin des Thurgauer Amts für Gesundheit.

Karin Frischknecht, Chefin des Thurgauer Amts für Gesundheit.

Bild: Tobias Garcia

Die erste Reaktion der Ostschweizer Kantone auf die bundesrätliche Impfoffensive war kühl. Die Vorschläge des Bundes seien schlicht «urban geprägt» gewesen, sagt Monika Rüegg-Bless. «Die Massnahmen müssen zu den Menschen passen – und die ticken überall anders.» Am härtesten war das Verdikt der Thurgauer Regierung. Sie hatte die Vorschläge des Bundes als «realitätsfern und wenig praxistauglich» bezeichnet. Ganz anders klingt es zum Auftakt der Ostschweizer Offensive. Die Kantonsvertreter betonen staatstragend ihre Einigkeit. «Wichtig ist, dass wir nun gemeinsam ein Zeichen setzen», sagt Monika Rüegg-Bless. Offenbar haben die gemeinsamen Vorbereitungsarbeiten zu einem Umdenken geführt. «Wir haben Ideen gesammelt und uns gegenseitig nochmals motiviert. Das hat uns neuen Antrieb gegeben», sagt Karin Frischknecht, Chefin des Thurgauer Amts für Gesundheit.

Der heikle Balanceakt

Yves Noël Balmer, Ausserrhoder Gesundheitsdirektor.

Yves Noël Balmer, Ausserrhoder Gesundheitsdirektor.

Bild: Tobias Garcia

Der Auftritt der vier Kantone machte deutlich: Für die Impfung zu werben, ist ein Balanceakt – wo hört die Information auf, wo beginnt der Druck? Letzteres soll vermieden werden, denn: «Auf Druck wird mit Gegendruck reagiert», sagt die Innerrhoder Gesundheitsdirektorin Monika Rüegg-Bless. Auch ihr Ausserrhoder Kollege Yves Noël Balmer betont, wie wichtig das motivierende Element sei. «Wir wollen nicht anprangern, und definitiv kein Impfmobbing». Ziel der verschiedenen Massnahmen sei es, «faktenbasiert und emotionslos zu informieren».

Die zusätzlichen Kosten

Bruno Damann, St.Galler Gesundheitsdirektor.

Bruno Damann, St.Galler Gesundheitsdirektor.

Bild: Tobias Garcia

Maximal 100 Millionen Franken will der Bundesrat für die Impfoffensive einsetzen. Wie viel davon in die Ostschweiz fliesst, ist noch unklar. Der St.Galler Gesundheitsdirektor Bruno Damann geht davon aus, dass die Bundesgelder für die geplanten Massnahmen reichen werden.

Die regionalen Zugpferde

80 Prominente aus der ganzen Schweiz hat der Bund für eine nationale Plakat- und Onlinekampagne rekrutiert, die am 7. November startet. Unter den Köpfen sind auch bekannte Ostschweizerinnen und Ostschweizer zu finden: Sängerin Lind Fäh, alt Bundesrätin Ruth Metzler-Arnold, Slam-Poetin Lara Stoll, Olma-Direktorin Christine Bolt, Show-Legende Pepe Lienhard oder Musiker Alexander Frei alias Crimer. Auch Bauernpräsident Markus Ritter richtet sich in offizieller Impfmission an die Nation. Zum Kampagnenauftakt appelliert er im «Blick» überraschend direkt an seinen Berufsstand: «Die Landwirte wüssten von der Tierhaltung, dass viele Krankheiten am besten durch eine Impfung bekämpft würden.»

Der grosse Auftritt

Am Donnerstag gehörte die Bühne den Kantonen. Doch der grosse Auftritt während der Impfwoche wird ihnen streitig gemacht – von Stefanie Heinzmann, Stress, Dabu Fantastic, Danitsa und Baschi. Die Musikstars treten nächste Woche in fünf Schweizer Städten auf, so auch nächsten Freitag in St.Gallen. Hinter der Open-Air-Konzertreihe steht der Bund. Musikbegeisterte können denn gleich auch den Arm hinhalten – für die Impfung. Doch: So wie der Run auf die Impfung anfangs gross war, so war er es auch auf die Tickets. Es sind bereits alle weg.

Die detaillierten Informationen

Die Ostschweizer Kantone informieren über ihre Aktivitäten in der Impfwoche auf gedruckten Flyer und über folgende Websites:

Anteil geimpfter Personen der Gesamtbevölkerung pro Kanton:

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