Gezeichnet fürs Leben

Sie ist in behüteten Verhältnissen in St.Gallen aufgewachsen, heute hilft Monika Hauser in ihren Therapiezentren vom Krieg traumatisierten Frauen. Dafür bekommt sie nun den Alternativen Nobelpreis – und freut sich.

Sarah Jäggi
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Monika Hauser kennt genügend Gründe, wütend zu sein. Dennoch ist sie in ihrer Arbeit für vergewaltigte Frauen optimistisch. (Bild: ky/Oliver Berg)

Monika Hauser kennt genügend Gründe, wütend zu sein. Dennoch ist sie in ihrer Arbeit für vergewaltigte Frauen optimistisch. (Bild: ky/Oliver Berg)

Frau Hauser, sind Sie eine Mutter Teresa?

Monika Hauser: Um Gottes willen!

Nein?

Hauser: Nein, davon müsste ich mich in aller Form distanzieren.

Warum?

Hauser: Mutter Teresa steht für den puren, caritativen Gedanken. Mir geht es um die Veränderung von Verhältnissen. Das Ziel ist, dass Frauen ihr Schicksal selber in die Hände nehmen.

Schockiert von den Medienberichten über Massenvergewaltigungen im Bosnienkrieg, sind Sie 1992 ins Kriegsgebiet aufgebrochen und haben ein Zentrum aufgebaut, in dem vergewaltigte Frauen behandelt wurden. Was hat Sie dazu gebracht?

Hauser: Vielleicht hat es mit meinen Wurzeln in St. Gallen zu tun, wo ich einerseits eine behütete Kindheit in einem bürgerlichen Umfeld verbracht habe und andererseits über meine Familiengeschichte schon früh mit den Themen sexualisierte Gewalt und Krieg konfrontiert wurde. Schon als kleines Mädchen haben sich mir Frauen aus der Südtiroler Verwandtschaft mit ihren Geschichten anvertraut – woher sie dieses Vertrauen nahmen, weiss ich nicht. Vielleicht ist es dieses Aufwachsen in einem Umfeld, das halb lädiert, halb heil war, das mich sensibilisiert hat. Ausserdem war ich frauenpolitisch engagiert, solange ich denken kann, und habe mit dieser Haltung schon in der Facharztausbildung zur Gynäkologin gearbeitet.

Im Krieg traumatisierte Frauen erhalten bei Ihrer Organisation Medica Mondiale psychosoziale Unterstützung bei der Aufarbeitung ihrer Traumata. Werden Frauen anders traumatisiert?

Hauser: Ja. Frauen erleben im Krieg alle Verbrechen und Menschenrechtsverletzung, die Männer und Kinder auch erleben. Hinzu kommen die gegen Frauen gerichteten, spezifischen Verbrechen. Zum Hunger, zum Verlust der Heimat, zur Zeugenschaft von Menschenrechtsverletzungen erleben sie sexualisierte Gewalt, Vergewaltigung, sexuelle Versklavung, Zwangsschwängerung. Häufig ist es so, dass die Traumatisierung nach dem Krieg weiter- geht, weil die Frauen, die Vergewaltigungen erlebt haben, stigmatisiert werden.

Vergewaltigung als Stigma?

Hauser: Genau. Ein Mann, der um seinen Bruder trauert, weil dieser im Krieg abgeschlachtet wurde, kann sofort darüber reden. Alle trauern mit ihm und sagen – oh, wie schrecklich! Eine Frau nicht. Häufig zieht sie sich zurück oder wird von der Familie oder der Dorfgemeinschaft isoliert.

Woran leiden denn die Frauen, wenn sie in Ihre Zentren kommen?

Hauser: Viele sind extrem suizidgefährdet, haben körperliche Beschwerden oder leiden an sogenannten posttraumatischen Belastungsstörungen, wo es zum Beispiel zu Flashbacks kommt: Die Frau geht durch die Strasse, riecht einen bestimmten Männergeruch, der sie an all das erinnert, was sie erlebt hat, und sofort läuft der innere Film wieder ab: Das Erlebnis ist wieder enorm präsent und bedrängt sie derart, dass es zu heftigen Reaktionen kommt.

Wie kann ihnen geholfen werden?

Hauser: Erstmal geht es darum, ihnen zu erklären, was die Symptome bedeuten: Hey, du bist nicht verrückt! Das, was du erlebt hast, war ein Wahnsinn. Deine Reaktion – egal, ob ausgedrückt als Aggression, Rückzug oder was auch immer –, deine Reaktion ist völlig normal. Schon das kann Erleichterung bringen.

Wie verläuft die weitere Arbeit?

Hauser: Im Umgang mit den Flashbacks kann es helfen, wenn unsere Kolleginnen vor Ort den Frauen sogenannte Stop-Techniken vermitteln. Dabei lernen sie zu erkennen, wenn der Film anfängt zu laufen und auch, wie sie den Prozess stoppen können. Dies kann zum Beispiel mit Hilfe einer imaginierten Fernsteuerung gelingen: Die Frau stellt sich vor, wie sie vor einem Fernseher sitzt und dann – wenn das Flashback kommt – den Film bewusst stoppt. Irgendwann ist sie vielleicht so weit, dass sie sich den Film bewusst anschaut, um das Trauma zu bearbeiten und anschliessend imaginativ die Kassette herausholt und in einen Schrank legt, den sie abschliessen kann. Das Schreckliche hat dann einen Platz. Weg ist es aber nie.

Die politische Arbeit ist ein wichtiger Teil Ihres Engagements.

Hauser: Letztlich geht es darum, die patriarchalen Gesellschaften zu verändern und Gewalt gegen Frauen als ein globales Problem zu bekämpfen. Auf internationalen Konferenzen setzen wir uns dafür ein, dass Frauen stärker in Friedensverhandlungen einbezogen werden.

Sie werden nun mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Die Erfolge Ihrer Arbeit werden sichtbar. Es wird aber auch klar, dass die Situation von Frauen in vielen Ländern schwierig geblieben ist. Was motiviert Sie? Ist es Wut oder Hoffnung?

Hauser: Ich spreche lieber von Optimismus, aber es gibt leider immer noch genügend Gründe, um wütend zu sein. Natürlich sehe ich die realen Erfolge.

Sie treten in Talkshows auf, üben aber auch Kritik an den Medien.

Hauser: Ich habe Mühe, wenn Medien sensationslüstern berichten, was in Kriegsgebieten mit Frauen geschieht. Gegen diese Form von Voyeurismus wehre ich mich. Gleichzeitig profitiert unsere Organisation von der Berichterstattung.