Reportage
«Ich erteile dem Bundesrat Hausverbot für 30 Jahre»: Thurgauer Wirte kochen vor Wut

Im Kampf gegen die Coronapandemie schliessen die Behörden vermutlich nächstens die Restaurants. Die Thurgauer Regierung drängt gar darauf. Eine Beizentour durch den Kanton am Vorabend des nächsten Zapfenstreichs zeigt, wie es den Gastronomen in diesem struben Winter ergeht.

Sebastian Keller
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Remo und Sandra Güntensperger, Wirtepaar im Restaurant Sonne in Wilen.

Remo und Sandra Güntensperger, Wirtepaar im Restaurant Sonne in Wilen.

Reto Martin

Die Sonne ist an diesem Dezembermorgen zu Gast in Wilen, südlicher Thurgau, schon fast St.Gallen. Zwei Wagen von Handwerkern stehen auf dem Parkplatz. Znüni. Die Wintersonne bescheint die Stufen zum Restaurant. Nachdem der Gast die Wirtschaft betreten, die Hände desinfiziert hat, wähnt er sich in einer weihnächtlichen Stube mit Zapfhahn. Ein Zug fährt um einen mit Kugeln und Schokolade dekorierten Christbaum, Weihnachtsmänner hängen in den Vorhängen. Das Radio spielt schmissige Musik. Doch die Laune der Gastgeber passt weder zum sonnigen Winterwetter noch zur Adventszeit. Corona vermiest das Geschäft. Corona verdirbt die Laune.

Remo Güntensperger sitzt im Säli – eine Plexiglasscheibe baumelt zwischen ihm und dem Journalisten. «Ein Jahr zum Abschreiben und Vergessen», sagt der Wirt und wischt sich mit der flachen Hand über die schwarze Kochbluse. Derzeit erwirtschaftet die «Sonne» 20 Prozent des Umsatzes im Vergleich zum Vorjahr. Schon länger schmeissen er und seine Frau Sandra den Restaurantbetrieb alleine; die Servicekräfte sind in Kurzarbeit. «Es ist ein Dasein, aber kein Leben», sagt Güntensperger. Und serviert gleich ein Beispiel: 20 Weihnachtsessen waren in diesem Jahr gebucht. Alle abgesagt.

Reservation für Nachtessen: Alle annulliert.

Reservation für Nachtessen: Alle annulliert.

Reto Martin

Seit Samstag gilt die Sperrstunde um 19 Uhr. «Die Nachtessen sind völlig weggebrochen», sagt Güntensperger. Davon zeugt auch das Reservationsbuch: alles durchgestrichen. «Der Abend ist unser Hauptgeschäft.» An einem Mittagsmenü für 17.50 oder 18.50 Franken sei kaum etwas zu verdienen.

Die Gäste sind treu

Ein Gast tritt in die «Sonne». «Komm nur!», begrüsst ihn Güntensperger. «Kaffee?», fragt Sandra Güntensperger. Die Antwort kennt sie. Ein Stammgast. Die treuen Gäste sind es, die das Ehepaar zum Weitermachen motivieren. Sobald es Lockerungen gebe, kommen die Gäste. Und doch: «Wirtschaftlich hätten wir schon aufhören müssen», sagt der Wirt und fügt hinzu: «Uns trifft es doppelt hart!» Im Sommer 2019 erst übernahmen sie das Restaurant im Ortskern von Wilen. Viel haben sie investiert. In die Küche, in den Tiefkühler. Es lief gut an. Und dann kam ein ungebetener Gast, der einfach nicht verschwinden will: Corona. Der Name eines Virus, aber auch der Titel eines traurigen Kapitels der Gastronomiegeschichte.

Adventskalender für die Gäste des Restaurants Sonne.

Adventskalender für die Gäste des Restaurants Sonne.

Reto Martin

Güntensperger beklagt, dass die staatliche Soforthilfe nicht komme. Die Liquidität schmilzt wie Schnee an einem Föhntag. Nicht nur das: Auch die Informationen fliessen nur so spärlich wie das Wasser in einem ausgetrockneten Bach. Eine Mietreduktion gebe es nicht – weder von seiner Vermieterin noch institutionell vom Staat. «Obwohl wir wegen der Auflagen nur 45 Prozent der Sitzplätze anbieten können.»

Polizist in der eigenen Gaststube

Das Hin und Her zwischen Bund und Kantonen, die immer neuen Massnahmen, die Unplanbarkeit der Planung. «Das ist zermürbend», sagt Güntensperger. Dennoch hätten sie «alles mitgemacht», wie er sagt. Er zieht die Maske an und wieder ab, rüttelt am Plexiglas. Insgesamt gaben sie rund 20'000 Franken für Schutzmassnahmen aus. Man soll ihn nicht falsch verstehen: «Das Virus ist schlimm, ich verharmlose es nicht.» Eben deshalb setzen sie das Schutzkonzept rigoros um.

Doch das Geld ist nur ein Aspekt. «Wir sind seit bald einem Jahr Polizisten für Bundesrat Berset.» So müssten sie Gäste ermahnen, die Maske auf dem Weg zum Tisch zu tragen. Darauf achten, dass nur vier Personen aus maximal zwei Haushalten an einem Tisch sitzen. Der Gastgeber als Aufpasser. Dem Ehepaar Güntensperger missfällt die coronabedingte Entwicklung des Berufsstandes.

Toilette des Restaurants: Rund 20'000 Franken haben die Wirte der «Sonne» für Coronaschutzmassnahmen investiert.

Toilette des Restaurants: Rund 20'000 Franken haben die Wirte der «Sonne» für Coronaschutzmassnahmen investiert.

Reto Martin

Gesundheitsminister Alain Berset ist das Gesicht der eidgenössischen Pandemiebekämpfung. An diesem Gesicht kumuliert sich der Unmut Güntenspergers. Lange gärte in ihm eine Idee, die er in Deutschland abgekupfert hat. Nun ist er entschlossen, spricht sie aus:

«Ich erteile dem Bundesrat Hausverbot für 30 Jahre.»

Galgenhumor? Ein Scherz? Der Gesichtsausdruck des Wirtes unterstreicht, wie ernst es ihm damit ist. Er konkretisiert: «Das Verbot gilt für Berset, Sommaruga und Keller-Sutter.» Der Wirt appelliert an Berufskollegen und andere Geschäfte, sich ihm anzuschliessen. «Dann können die Bundesräte schauen, wo sie noch einkehren können.»

Weihnachtlich dekoriert: Restaurant Sonne in Wilen.

Weihnachtlich dekoriert: Restaurant Sonne in Wilen.

Reto Martin

Nun droht bereits die nächste Zäsur: Die komplette Schliessung der Gastronomie; auch das Schreckgespenst Lockdown geistert durch die Vorweihnachtszeit. Güntensperger zeigt sich unbeeindruckt. Die Zukunft ist momentan so zuverlässig wie das Wetter im April. Er montiert die Maske, schwarz wie seine momentane Stimmung. Hebt die Hand zum Gruss, geht in die Küche. Menü 1, Älplermagronen, 17 Franken und 50 Rappen.

Sommerdestination Romanshorn

Mittagszeit. Romanshorn am Bodensee. Am Hafen ist es gespenstisch still. Der Nebel verbietet den Blick aufs deutsche Seeufer. Nur die Wasservögel durchbrechen die Stille, foutieren sich um das Versammlungsverbot. Wenig los ist im Restaurant Schiff, das am Hafen liegt. «Das Gebäude zählt aufgrund seiner geschichtlichen, gestalterischen und ortsbaulichen Eigenschaften zu den bedeutenden Bauten vom Ort.» So steht es im Hinweisinventar des Kantons. Das Haus hat schon viel erlebt. Krisen und Kriege.

Thomas Schwarz, Restaurant Schiff in Romanshorn.

Thomas Schwarz, Restaurant Schiff in Romanshorn.

Sebastian Keller

Im Eingang preist das «Schiff» Rösti- und Fischspezialitäten an. Drinnen: Weihnachtskugeln in einer Blumenvase, weisse Tischtücher. Thomas Schwarz serviert einen dampfenden Teller. Siedfleisch mit Salsa verde ist heute das Tagesmenü. Dann setzt sich der Wirt dem Journalisten gegenüber in den Wintergarten. Ohne die erste Frage abzuwarten, serviert Schwarz sein Urteil zur eidgenössischen Coronapolitik: «Planlos, konzeptlos, absolute Katastrophe.»

«Dann machen wir halt wieder Take-away»

Im Winter sei es im «Schiff» zwar sowieso ruhig, sagt Schwarz. Der Personalbestand werde heruntergefahren. Der Sommer, dann ist im «Schiff» Hochsaison. Das gereichte dem Restaurant heuer zum Vorteil: In der warmen Jahreszeit überfluteten die Schweizer die touristischen Hotspots des eigenen Landes. So auch das Schweizer Bodenseeufer. Doch im Herbst brach das Geschäft ein, befeuert durch den Massnahmencocktail namens Corona. Frischeste Zutat: Sperrstunde um 19 Uhr. «Wieso nicht 20 Uhr? Wieso nicht 18 Uhr?», fragt Schwarz und zuckt mit den Schultern. Für ein gepflegtes Nachtessen auswärts: eine unmögliche Zeit. Wenige gibt es, die um 17 Uhr kommen. Zu wenige.

Restaurant Schiff, Romanshorn.

Restaurant Schiff, Romanshorn.

Sebastian Keller

Und eine neuerliche behördliche Schliessung der Restaurants oder gar ein Lockdown? «Dann machen wir halt wieder Take-away», sagt Schwarz. Auch wenn es sich nicht rechne, sei es doch ein «Dienst am Kunden». Den Stammgästen munde es. «Wir in der Gastronomie sind es uns gewohnt, schnell zu handeln», sagt Schwarz, der seit 20 Jahren in den stürmischen Gewässern der Gastronomie unterwegs ist.

Im Gespräch zeigt sich, dass der Wirt weniger in Sorge ist um sich und seinen Betrieb, sondern mehr um die Mitmenschen. Um Familien, welche die Rechnung nicht mehr bezahlen können. Er sagt zum Schluss:

«Wir warten auf den nächsten Sommer, dann ist das Virus wieder kein Problem mehr.»