Coronavirus
Innovative Inspiration für die ganze Schweiz: So verlief die Eröffnung des Thurgauer Impfschiffs mit Bundesrat Berset

Im Beisein des Bundesrates Alain Berset hat der Kanton Thurgau am Dienstag auf einem Bodenseeschiff das zweite Impfzentrum eröffnet. Der SP-Magistrat bezeichnet das Impfschiff als «innovativ». Pro Tag sollen auf der MS Thurgau 168 Dosen Coronaimpfstoff verabreicht werden.

Sebastian Keller
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Bundesrat Alain Berset (rechts) mit dem Thurgauer Regierungsrat Urs Martin auf der MS Thurgau.

Bundesrat Alain Berset (rechts) mit dem Thurgauer Regierungsrat Urs Martin auf der MS Thurgau.

Donato Caspari

Graue Wolken hängen über dem Bodensee, der sich an diesem Tag gebärdet wie das Meer. Die sanften Hügel Süddeutschlands lassen sich mehr erahnen als erkennen. Leichter Regen fällt auf das Sonnensegel des Restaurants Hafen. Eine Möwe krächzt. Die Kursschiffe der SBS AG sind an den Anlegestellen festgemacht. Winterschlaf.

Doch auf einem Schiff herrscht reges Treiben. Sicherheitsleute kontrollieren am Steg den Zugang zur MS Thurgau. Das Kursschiff ist mit einer Thurgauer und einer Schweizer Fahne beflaggt. Es dient für die nächsten Wochen, vielleicht für die nächsten Monate als Impfzentrum des Kantons Thurgau. Ein Schiff, auf dem geimpft wird: Das ist so spektakulär, dass sich gar israelische und amerikanische Journalisten dafür interessierten. Und Bundesrat Alain Berset.

Hoher Besuch: Alain Berset weiht Thurgauer Impfschiff ein.

TVO

Der oberste Seuchenbekämpfer besucht am Dienstag den Thurgau. Nach einer Visite im Kantonsspital Münsterlingen lässt er sich das schwimmende Impfzentrum zeigen. «Ich habe ein neues Wort gelernt», schalkt der Magistrat an der Pressekonferenz. «Impfschiff, das habe ich vorher nicht gekannt.» Fondue- und Spaghettischiff seien ihm bereits bekannt gewesen. Ein Schiff als Impfzentrum bezeichnet er als «innovative Idee». Solche Ideen seien im Kampf gegen die Pandemie gefragt. Berset wird flankiert von zwei Schweizer Flaggen. Etwas Bundeshaus im fernen Osten.

Alain Berset an der Pressekonferenz in Romanshorn.

Alain Berset an der Pressekonferenz in Romanshorn.

Donato Caspari

Eine Journalistin will wissen, ob Berset solche Impfschiffe auch anderen Kantonen empfehle. Berset antwortet:

«Für ein Impfschiff braucht es einen See, sonst ist es weniger lustig.»

Als Inspiration für Lösungen könne ein solches Schiff aber dienen.

Auch zur aktuellen Lage äussert sich der Bundesrat in Romanshorn. «Die Zahlen sind besser, aber sie sind noch nicht gut.» Bauchweh bereiten ihm die Virusmutationen. Obwohl die Gesamtzahl der Neuinfektionen sinke, verdopple sich die Fälle, die auf die ansteckenderen Varianten zurückzuführen sind, im Wochentakt. «Das ist wie eine Pandemie in der Pandemie», sagt Berset und schnürte mit seinen Händen ein Päckchen in der Luft. Mittlerweile sei auch der R-Wert in neun Kantonen über 1. Zeigt der Pandemie-Tacho mehr als 1, steigen die Zahlen wieder.

Das Impfschiff im Hafen Romanshorn.

Das Impfschiff im Hafen Romanshorn.

Donato Caspari

Noch bevor Berset das Schiff besichtigte, nahm es am Dienstagmittag seinen Betrieb auf. «Wir haben bereits zwei Stunden geimpft», sagt Adriano Mari anlässlich eines Medienrundgangs auf der MS Thurgau. Er ist Projektleiter der Hirslanden; die Privatklinikgruppe betreibt im Auftrag des Kantons die Impfzentren.

Im Eingangsbereich des Schiffs, wo normalerweise Passagiere Billette oder eine Glace kaufen, steht ein Computer. Laufzettel auf Klemmbretter liegen auf Tischen bereit - das Impfen ist ein Postenlauf. Zuerst wird geprüft, ob die Person einen Termin hat. Mari sagt: «Wer keinen hat, wird wieder heimgeschickt.» Er weist mit den Händen zum Ausgang. Person mit einem Termin gehen mit dem Klemmbrett unter dem Arm einen Raum weiter. Es riecht nach frischem Holz. Aus «Schweizer Holz», wie ein Label verrät, wurden zwei Kabinen gezimmert, weisse Vorhänge schirmen das Impfgeschehen ab. In diesen Kabinen liegen Pflästerli bereit, Handschuhe, Desinfektionsmittel: Die Accessoires der Pandemie.

Die Impfkabinen auf dem Schiff.

Die Impfkabinen auf dem Schiff.

Donato Caspari

«Wir impfen im Fünf-Minuten-Takt», erklärt Adriano Mari. Dann folgt eine kleine Rechnung. Mit den zwei Impfstrassen ist es möglich, 24 Personen pro Stunde zu impfen. Das Impfschiff öffnet von 12 bis 19 Uhr. Das ergibt 168 Impfdosen pro Tag. Nächste Woche macht es in Kreuzlingen Halt, danach in Arbon. Für die Verabreichung der zweiten Dosen startet es im März wiederum in Romanshorn.

Wenn die Patienten den Piks und das Pflästerli erhalten haben, gehen sie mit ihrem Laufzettel in den nächsten Raum. Eine digitale Uhr verkündet in Rot die Uhrzeit: «13:32». Hier müssen die Geimpften 15 Minuten warten. Hier wird die Frage geklärt: Treten Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen oder Schüttelfrost auf? Ein Arzt beobachtet und steht für Fragen bereit. Die Impfcrew besteht laut Mari aus sieben Person, davon ein Arzt. «Im Idealfall sind die Patienten nicht länger als 30 Minuten auf dem Schiff», sagt der Projektleiter.

Nach dem Piks müssen hier die geimpften Personen 15 Minuten waren.

Nach dem Piks müssen hier die geimpften Personen 15 Minuten waren.

Donato Caspari

Auf dem Steg steht eine ältere Frau und ein älterer Mann, beide halten sie einen Zettel in den Händen. Ihre Zutrittskarte zum Impfschiff und zum Impfstoff. Diese Karte erhalten vorerst nur Personen über 75 und solche mit Vorerkrankungen.

Scherz und Stolz

Im Kornlager sitzt Urs Martin zwischen zwei Thurgauer Fahnen. Er blickt in so viele Journalistenaugen wie sonst kaum je. Der Thurgauer Gesundheitsdirektor nutzt den nationalen Scheinwerfer für eine kleine Spitze. «Der Rhein ist nicht in Basel am breitesten, sondern hier, 14 Kilometer», sagt Martin. Auch wenn der «Rhein» bei Romanshorn besser bekannt ist als Bodensee.

Urs Martin, Thurgauer Gesundheitsdirektor an der Pressekonferenz.

Urs Martin, Thurgauer Gesundheitsdirektor an der Pressekonferenz.

Donato Caspari

Dann ist er aber wieder beim Thema des Tages: dem Impfen. «Beim Impfstart waren wir nicht die schnellsten», sagt der Regierungsrat rückblickend. In der Tat: Als der Bund die erste Impfstatistik veröffentlichte, rangierte der Thurgau auf dem letzten Platz. Laut Martin habe es dafür zwei Gründe gegeben. So habe der Kanton zuerst das IT-System des Bundes «sorgsam getestet». «Der zweite Grund ist, dass wir die zweite Impfdosis konsequent vorgehalten haben.» Das heisst: Wer im Thurgau die erste Dosis erhalten hat, dessen zweite ist ihm gewiss. Das ist nicht in allen Kantonen so.

Diese Woche wurde bekannt, dass etwa Nidwalden die zweiten Impfdosen nicht mehr an Lager hatte. Luzern und Bern sprangen in die Bresche, wie gestern publik wurde. Frage einer Journalistin an Berset, ob es nun zu einer Impf-Tauschbörse komme. «Wo es Sinn macht, soll es einen Austausch von Dosen unter den Kantonen geben.» Die Bevölkerung interessiere sich einzig für Lösungen. «Nur das zählt.» Man könnte auch sagen: Der Kantönligeist kann in der Flasche bleiben.

Urs Martin wiederholte zwar, dass es sich beim Impfen nicht um einen Wettbewerb handelt. Und doch verkündete er nicht ohne Stolz:

«Wir haben die rote Impflaterne abgegeben.»

Es ist kurz vor 15 Uhr. Der Bundesrat muss weiter. Für Interviews hat er keine Zeit eingepackt. Der Regierungsrat Urs Martin bleibt, vor den Schiffen gibt er auf Französisch dem Westschweizer Fernsehen ein Interview. Der RTS-Journalist lobt seine Sprachkenntnisse. «Nicht schlecht für einen Deutschschweizer.» Die Fähre aus Friedrichshafen fährt in den Hafen ein. Für die Überquerung des «Rheins» an seiner breitesten Stelle braucht sie rund 45 Minuten. Länger als ein Impftermin auf der MS Thurgau dauert.