Es dampft von Konstanz bis Wil

In diesen Tagen wird die Bahnlinie Wil–Weinfelden–Konstanz hundertjährig. Zum Geburtstag liess der Verein Historische Mittel-Thurgau-Bahn die Zeit der Dampflokomotiven mit einem nostalgischen Zug wieder aufleben.

Brenda Zuckschwerdt
Drucken
Die letzte Dampflok der ehemaligen Mittel-Thurgau-Bahn fährt mit ihrem Zug aus dem Bahnhof Weinfelden in Richtung Wil ab. (Bilder: Nana do Carmo)

Die letzte Dampflok der ehemaligen Mittel-Thurgau-Bahn fährt mit ihrem Zug aus dem Bahnhof Weinfelden in Richtung Wil ab. (Bilder: Nana do Carmo)

BERG. Zischend und dampfend steht er da wie der Hogwarts Express. Der Zug mit der Dampflok SLM 1912, dem roten Salonwagen und dem Gepäck-/Postwagen aus dem Jahre 1911, dazu weitere Wagen des Dampfbahn-Vereins Zürcher Oberland.

Es ist dunkel um 17.45 Uhr auf dem Bahnhof Berg. Im Nebel steht Lokführer Markus Rickenbacher, hellblau gestreifter Kittel, rotes Halstuch und schwarze Mütze. Geduldig beantwortet er die Fragen zweier Jungen, zeigt und erklärt ihnen, was sie wissen wollen. Dann ist es Zeit zur Weiterfahrt.

Drei Mann im Führerhaus

Rickenbacher zieht sich zum Führerstand hoch, wo Heizer Rolf Geier an der Arbeit ist. Gleissende Hitze schlägt aus dem Dampfkessel, als Geier die Luke öffnet und Kohle nachschiebt. Fünf Stunden braucht es bei einer Dampflok, bis man den richtigen Druck im Kessel hat. Eine moderne Lok ist in 20 Minuten bereit. Als dritter Mann betritt Thomas Schmidt den Führerstand. Er ist zweiter Lokführer und Sicherheitsmann. Da Dampfloks ohne elektronisches Zugsi-cherheitssystem fahren, müssen zwei Lokführer anwesend sein.

Dampf allein genügt nicht

Es ist dunkel und laut in der Lok. Das Fenster nach vorne ist klein, immer wieder lehnt sich Rickenbacher aus der Lok. «Hier habe ich den besseren Überblick», sagt er, während ihm der Regen ins Gesicht schlägt. Fingerspitzengefühl sei nötig, um Dampfloks zu fahren. «Dampf machen genügt nicht» Für Rickenbacher, Geier und Schmidt ist Fahren mit der Dampflok Hobby und Leidenschaft. «Das ist lebendige Bahnkultur», sagt Schmidt, «ganz anders als das Fahren mit Joystick.»

Rickenbacher lässt behutsam Dampf ab, um den Zug vor Lengwil abzubremsen. Dann zieht er kräftig an der Dampfpfeife. Dreimal pfeifen heisst Bremsen, zweimal pfeifen Bremsen lösen. Ein einmaliges Pfeifsignal bei der An- und Abfahrt sei zwar nicht Vorschrift, sagt er. «Aber es macht Spass!» Mit 40 Kilometern geht's weiter nach Konstanz. Als der Zug dort einfährt, zücken die Leute am Bahnsteig ihre Fotohandys, winken und applaudieren.

Bei der Rückfahrt nach Wil schreitet Christoph Felix ernst durch die Wagen. Er ist gelernter Buchhalter. Im Dampfbahn-Verein Zürcher Oberland (DVZO) liess er sich zum Zugführer schulen. Alle zwei Wochen ist er in Nostalgiezügen unterwegs, im Winter etwas seltener. Die Arbeit als Zugführer ist für ihn Berufung. «Wir von der jungen Generation müssen das Erbe der älteren pflegen.»

Heizten der Lok richtig ein: Rolf Geier, Heizer, (v. l.), Lokführer Markus Rickenbacher und Sicherheitsmann Thomas Schmidt.

Heizten der Lok richtig ein: Rolf Geier, Heizer, (v. l.), Lokführer Markus Rickenbacher und Sicherheitsmann Thomas Schmidt.