Abgestellt und vergessen: Der Wagenpark des Circus Royal.

Abgestellt und vergessen: Der Wagenpark des Circus Royal.

Bilder: Raphael Rohner

Gruselkabinett
Eingeschlagene Scheiben, Schimmel auf den Böden und bestialischer Gestank: So gammeln die Wagen des Circus Royal vor sich hin

Der einst zweitgrösste Zirkus der Schweiz ist am Ende. Nach diversen Skandalen und Verfahren steht der Fahrzeugpark nun auf einem verlassenen Areal in der Ostschweiz herum. Ein Augenschein.

Raphael Rohner
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Gut versteckt steht das gute Dutzend Lastwagenanhänger, Traktoren und Wohnwagen in einem Ostschweizer Industrieareal zwischen abgestellten Güterwagen und parkierten Containern. Die vordersten Wagen tragen keine von weitem sichtbaren Insignien des einst zweitgrössten Zirkus der Schweiz. Bei den Wagen an den Gleisen hingegen stehen gross die karmesinroten Lettern «Circus Royal» auf dem verblichenen cremeweissen Untergrund. Zwar sind einige der hölzernen Buchstaben brüchig und eingerissen. Doch ist es klar zu erkennen, was da steht: die Überbleibsel einer Zirkusdynastie.

Ein Augenschein zu später Stunde schafft Gewissheit: Der ganze Zirkus Royal samt eingeräumtem Zelt, Dekorationszubehör und Bistrowagen steht da. Ein eisiger Wind pfeift um die Wagen, und es riecht streng. Teils stehen bei den Wagen die Türen offen, oder sie fehlen ganz. Scheiben sind eingeschlagen, und am Boden liegen Eintrittskarten für Shows, die längst gelaufen sind.

Ein trauriges Bild, das Zirkusfans das Herz bluten lässt. Beim nächtlichen Augenschein funkeln die Sterne über den längst erloschenen Zirkusträumen der «Royal»-Verantwortlichen:

Die Geschäfte beim Circus Royal liefen gegen Ende vergangenen Jahres aus dem Ruder. Man war gezwungen, Tiere zu verkaufen, daneben überschlugen sich die Skandalmeldungen. Und schliesslich wurden die Tiere vom Veterinäramt beschlagnahmt. Der Zirkus war pleite, die Artisten tobten wegen ausstehender Lohnzahlungen. Das Ende. Direktor Oliver Skreinig machte sich schliesslich aus dem Staub. Er muss sich bald wegen Verstössen gegen das Ausländer- und Konkursrecht vor Gericht verantworten.

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Doch was wird aus dem Zirkus und dem Fahrzeugpark? Ein erneuter Besuch, dieses Mal bei Tageslicht, zeigt den desolaten Zustand des Inventars noch deutlicher: Aus den Unterkünften der Artisten dringt bestialischer Gestank. Ein Blick in eine offene Türe zeigt, woher er kommt: Die Böden schimmeln. Kostüme liegen wild durcheinander, Jonglierbälle sind unter verfärbten Matratzen eingeklemmt, und kaum mehr als solche erkennbare Pflanzen stehen auf Tischchen. In einer Ecke ein Kühlschrank, die Türe krumm und geöffnet. Die Fahrzeuge rosten an vielen Stellen, und teils hilft wenigstens noch Isolier-Klebeband, Dinge zusammenzuhalten.

Im Bistro sind Fensterscheiben eingeschlagen. An den Wänden Bilder aus vergangenen, goldenen Tagen: Bilder der Direktoren. Wie sie stolz durch die Manege schritten und sich im Rampenlicht fotografieren liessen. Vom letzten Direktor, Oliver Skreinig, liegt eine gestellte Schwarzweiss-Fotografie auf einem Tischchen, neben alten Wein- und Champagnerflaschen.

Auch die anderen Wagen zeigen ein ähnliches Bild: Es wirkt, als wäre jemand panikartig geflüchtet: Alles wurde so rasch es geht befestigt, die Türen zugeschraubt und verrammelt. In einem Anhänger türmen sich Abfälle und Werbeprospekte.

Am schlimmsten sieht es im Wagen des Zirkusdirektors aus. Auch hier sind die Türen offen. Überall am Boden liegen zerschlagene goldene Teller und Tassen herum. Die Küche sieht aus, als hätte jemand noch darin gekocht und alles liegen lassen. Auch hier ein grässlicher Gestank. Bemerkenswert: Mehrere leere Kassen liegen offen im Chaos herum. Daneben Ordner mit den Abrechnungen des Zirkus Royal. Mehrere tausend Franken nahm der Zirkus offenbar teils pro Vorstellung ein. Sämtliche Zahlen sind fein säuberlich in Listen eingetragen, die offen herumliegen.

Die Staatsanwaltschaft Thurgau erhob am 17. Dezember vergangenen Jahres beim Bezirksgericht Kreuzlingen Anklage gegen das verbleibende Organ der Circus Royal Betriebs GmbH. Gegenstand der Anklage bilden hauptsächlich Betreibungs- und Konkursdelikte sowie Widerhandlungen gegen das Ausländer- und Integrationsgesetz. Es gilt nach wie vor die Unschuldsvermutung.

Beim Thurgauer Konkursamt wird derzeit abgeklärt, wem die Fahrzeuge gehören und wer welche Ansprüche darauf hat: «Nach der Konkurseröffnung am 22. Januar folgte eine Einvernahme, und es werden die Aktiven des Unternehmens geprüft», sagt der stellvertretende Leiter des Amtes, Jürg Wacker. «Es muss geklärt werden, ob jemand Anspruch auf das Inventar erheben kann und wie viel Wert das Inventar noch hat», ergänzt Wacker.

Über den Standort des Fahrzeugparks sei man im Bilde. Ob das Zirkusinventar veräussert werden kann, sei noch unklar. Bis dahin fristen die Überbleibsel des Zirkus ihr trauriges Dasein auf dem Industriegelände. Während der Zirkus vor einer ungewissen Zukunft steht, wachsen auf einem seiner rostigen Anhänger die ersten Blumen: Vergissmeinnicht.

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