Meister Adebar vom Zuzwiler Riet

Er ist die Sommerattraktion schlechthin, der Storch vom Zuzwiler Riet. Denn trotz des Futterangebots, das der Moorboden bereitstellt, hatte sich Meister Adebar zuvor nie hierher verflogen. Ob er bleiben wird ist ungewiss. Ein Ansiedlungsversuch könnte aber durchaus erfolgreich sein.

Andrea Häusler
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Abflug. Der Zuzwiler Storch hebt ab und verlässt das Rietgebiet in Richtung Westen. Doch er kehrt immer wieder zurück. Seit dem Frühjahr, den ganzen Sommer über. (Bilder: Andrea Häusler)

Abflug. Der Zuzwiler Storch hebt ab und verlässt das Rietgebiet in Richtung Westen. Doch er kehrt immer wieder zurück. Seit dem Frühjahr, den ganzen Sommer über. (Bilder: Andrea Häusler)

ZUZWIL. Er schreitet gemächlich durch den jungen Futtermais, pickt nach Würmern, Amphibien oder Mäusen und er wacht auf Beleuchtungs-Kandelabern über die Strassen. Hin und wieder trifft man ihn auf der Wiese südlich der Kantonsstrasse nach Wil an, meist alleine, zuweilen auch zu zweit. Hans Hermann freut sich. Der Präsident des Naturschutzvereins Niederhelfenschwil-Zuzwil ist zufällig während einer Schulklassen-Exkursion auf den Storch gestossen. Und er hat nicht schlecht gestaunt, wie er am Telefon sagt. Denn nie zuvor hatte er in diesem Gebiet Störche gesichtet.

«Wohnung», Wasser, Futter

Weniger überrascht zeigt sich Michael Schaad von der Vogelwarte Sempach. «Die Storchen-Population wächst, vor allem im Raum Ostschweiz», sagt er auf Anfrage. Ob sich ein Weissstorch in einem Gebiet niederlässt, hänge ausschliesslich von der Möglichkeit ab, ob er hier Junge aufziehen kann. Hierfür brauche er die Voraussetzungen für den Bau eines Horstes, genügend Wasser und ein ausreichendes Futterangebot.

Das bestätigt Reto Zingg, Präsident des Vereins Rheintaler Störche. Er vermutet, dass es sich beim Zuzwiler Storch um einen nicht brutfähigen Jungstorch aus dem Süden oder möglicherweise aus dem Thurgau (Bürglen) handelt, der in der Rietlandschaft um Zuzwil offenbar einen reich genug gedeckten Tisch vorgefunden hat. Welche Ambitionen er hat, sei schwer vorherzusagen. Entweder verbringe er einfach den Sommer dort, oder er sondiere fürs folgende Jahr einen Brutplatz. «Störche werden im Alter von drei bis fünf Jahren brutfähig», erklärt der selbsternannte «Storchenvater» aus Ebnat-Kappel. Gefällt ihm ein Ort – was primär vom Futterangebot abhängig sei – besteht die Chance, dass er im Folgejahr mit einem Weibchen zurückkehrt oder hier auf eines wartet.

Trotz der weitläufigen Feuchtgebiete, der Tümpel und kleinen Bachläufe im Gebiet Zuzwil-Niederhelfenschwil ist Reto Zingg skeptisch, ob das Gebiet die erforderliche Futtermenge tatsächlich bereitstellen kann. «Ein Brutpaar benötigt täglich rund 3,5 Kilogramm Futter. Das sind doch einige Würmer und Mäuse», sagt Zingg, der hier vor allem nach längeren Trockenperioden eine Futterknappheit befürchtet. Trotzdem sieht er im Zuzwiler Riet und der weiträumigen Umgebung grundsätzlich genug Potenzial für ein einzelnes Brutpaar. Umso mehr, als es besonders ideal sei, wenn ein Storch von sich aus ein Gebiet bezieht.

Landwirte wären gefordert

Deshalb wäre er einem Ansiedlungsversuch auch nicht abgeneigt. Wenn eine Initiative vorhanden, die Grundeigentümer dazu motiviert und die Gemeindebehörden einverstanden wären, könnte an einem geeigneten Ort ein Mast als Anreiz für einen Horstbau plaziert werden, sagt Reto Zingg. Entscheidend sei die Bereitschaft der Landbesitzer. «Es genügt nicht, einfach irgendwo einen Mast aufzubauen. Der Standort müsse sorgfältig ausgewählt, allenfalls – aus Platzgründen – sogar der Bau eines zweiten Mastes erwogen werden. Voraussetzung für einen Erfolg sei ausserdem die Bereitschaft der Landwirte, bei der Bewirtschaftung und Pflege der Flächen ein besonderes Augenmerk auf die Bedürfnisse der Weissstörche zu legen. Und selbst dann sei der Erfolg nicht garantiert: «Vor einigen Jahren gab es in Niederbüren eine Initiative – das Vorhaben war damals leider nicht erfolgreich.»