Kein Schnauz für die Ewigkeit

Einmal im Leben will auch ich ein Hipster sein. Einer mit Röhrlihosen, einer lässigen Hornbrille und natürlich einem Schnauz.

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Redaktor mf mit Schnauz: Sieht nicht nur blöd aus, er fühlt sich auch so. (Bild: David Scarano)

Redaktor mf mit Schnauz: Sieht nicht nur blöd aus, er fühlt sich auch so. (Bild: David Scarano)

Einmal im Leben will auch ich ein Hipster sein. Einer mit Röhrlihosen, einer lässigen Hornbrille und natürlich einem Schnauz. Der Schnauz ist zurück und gehört bei den heutigen jungen Männern in den Grossstädten beinahe wieder zum guten Aussehen – zumindest bei denen, die cool sind, etwas auf sich halten und modebewusst jedem Trend folgen.

Die Weicheivariante

Cool fand ich es auch, als bei einer der Lifestyle-Sitzungen das Thema Schnauz – ebenfalls bekannt als Oberlippenbart, Pornobalken oder «Schnudderbremse» – auf den Tisch kam. Damals wusste ich aber noch nicht, dass das Ganze in einem Selbstversuch enden würde. Der Praktikant weigerte sich, als Versuchskaninchen zu dienen. Seine billige Ausrede: «Zu wenig Bartwuchs über den Lippen.»

Also liess ich mich erweichen, den Versuch zu starten. Dies, obwohl ich auch mit 28 Jahren den Bartwuchs eines 15-Jährigen habe. Doch Sekunden nach der Zusage traf es mich wie ein Blitz. Lächerlich würde das aussehen. Und nicht Hipster, sondern eben doch Weichei wie ich eins bin, wählte ich die Alternativvariante und liess mir einfach einen Monat lang einen Bart wachsen. Nach rund einer Woche wurde es bereits mühsam, das haarige Dings biss im Gesicht. Und nach zwei Wochen trimmte ich die unregelmässig wachsenden Haare zum erstenmal.

«Furchtbar»

Einen Tag, oder immerhin einen grosszügig geschätzten halben (genauer: etwa vier Stunden), musste ich aber mit der «Pracht» über den Lippen herumlaufen. Trotz angeschlagenem Selbstvertrauen rang ich mich am vergangenen Donnerstag dazu durch. Unterstützung gab es von den wenigsten, dafür durften sich alle am Arbeitsplatz im Medienhaus über mich amüsieren. Es gab aber auch vereinzelt «Komplimente». Der Schnauz trage beispielsweise zu einem guten Teint bei, hiess es, wohl wissend, dass damit meine Schamröte, die den ganzen Tag über anhielt, gemeint war. Oder aber: «Ich habe es mir viel schlimmer vorgestellt. Nicht, dass es gut aussieht, aber so übel ist es gar nicht.» – Welch aufbauende Worte.

Der Schritt in die Öffentlichkeit war hart. Gesenkten Kopfes stapfte ich in Richtung Altersheim Heinrichsbad zum Mittagessen, innerlich hoffend, dass mich niemand genau anschauen würde.

Aber kaum betrat ich das Haus, überkam mich das schleichende Gefühl, dass sich alle Blicke nur noch auf mich richteten. Da lobte ich mir die Ehrlichkeit eines regelmässigen Gastes an unserem Mittagstisch: «Es sieht furchtbar aus!». Ganz meine Meinung. Ich war ziemlich froh, dass ich mich selbst nicht anschauen musste.

Es gibt nur einen Bregy

Dabei hat der Schnauz eine lange Tradition. Salvador Dali trug einen, ebenso Albert Einstein, Friedrich Nietzsche, Wyatt Earp oder Mahatma Gandhi. Verantwortlich für den Schnauz-Durchbruch war in den 1980er-Jahren Tom Selleck, bekannter als «Magnum». Aber auch Fussballer schmückten sich mit dem Kultobjekt. Beispielsweise Georges «es gibt nur einen» Bregy. Der US-Natispieler Eric Wynalda widerlegte zwar diese Aussage von Beni Thurnherr anlässlich des Eröffnungsspiels zwischen den USA und der Schweiz an der WM 94. Aber: Wynalda trug keinen Schnauz, womit Beni National doch irgendwie recht hatte. Weitere bekannte Namen mit Schnauz finden sich auch in den Comics wieder. Gutemine, die Frau von Gallier-Häuptling Majestix, nennt ihren Gatten ab und an– meistens nur dann, wenn sie etwas von ihm fordert, das über sein Häuptlingsamt hinausgeht – liebevoll «Schnäuzelchen».

Dafür verantwortlich, dass der Schnauz in den letzten Jahren wieder in Mode gekommen ist, sind auch diverse Filmstars. Brad Pitt oder George Clooney marschieren – zwar filmrollenabhängig, aber doch hipstermässig geschmückt – mit Oberlippenbehaarung über den roten Teppich, und ein Grossteil der Männerwelt zieht nach.

Der Schnauz, von vielen Frauen nicht gerne gesehen oder zumindest gespürt, dient aber auch dazu, Aufmerksamkeit zu erlangen. In Australien machen die Mitglieder der Bewegung «Movember» mit Schnauzbärten auf Prostatakrebs aufmerksam. Sie rufen jeweils im November die männliche australische Bevölkerung dazu auf, sich einen «Moustache» wachsen zu lassen.

Nie wieder...

Da ich aber weder Mahatma Gandhi, Georges Bregy noch ein Häuptling der Gallier bin, hatte ich nach dem Mittagessen nur noch ein Ziel vor Augen. Ab in die Männergarderobe und weg mit dem Unding über meinen Lippen. Trotzdem gebe ich zu: Ich habe beim Rasieren herzhaft über mich selbst gelacht. Die Meinung über meinen Schnauz habe ich mir gebildet: Nie wieder...

Markus Fässler