Jean-Pierre Nsame ist zurück auf der Tanzfläche

YB braucht von Jean-Pierre Nsame endlich auch Tore in internationalen Spielen, um sich gegen Roter Stern durchzusetzen.

Markus Brütsch
Merken
Drucken
Teilen

Der Tweet von Luke Shaw war knackig und nicht ohne Häme: «Junge, das war dein letzter Tanz.» Beigefügt ein Bild von Jean-Pierre Nsame, wie er bei seiner Auswechslung mit stoischer Ruhe vom Rasen trottet.

Weil im Champions-League-Spiel zwischen Manchester United und den Young Boys zu jenem Zeitpunkt noch keine Tore gefallen waren, die Roten Teufel aber gewinnen mussten, hatte Shaw den Trödler Nsame energisch in Richtung Auswechselbank geschubst. Und nachdem Manchester die Partie in der Nachspielzeit tatsächlich noch 1:0 gewonnen hatte, liess es sich Verteidiger Shaw dann eben nicht nehmen, via Twitter etwas zu sticheln.

Die Chancen gegen Roter Stern stehen 50:50

Neun Monate später steht Shaws Gruss noch immer im Raum. Hatte Nsame an jenem Abend wirklich zum letzten Mal in der Champions League getanzt? Oder schafft er es zurück auf die Tanzfläche? Die Entscheidung fällt in den Playoff-Spielen gegen Roter Stern Belgrad. Nsame sagt: «Die Chancen stehen 50:50.»

Nach dem Morgentraining nimmt er sich an einem Tisch im Bauch des Stade de Suisse Zeit, um zu schildern, was ihm die Champions League bedeutet: «Für mich ist an jenem Tag in Manchester ein Kindheitstraum in Erfüllung gegangen. Als ich vor vielen Jahren in Angers im Ausbildungszentrum war, haben mich Manchester United und Ronaldo inspiriert und angespornt, alles für meine Karriere zu geben.» Gegen diesen Klub spielen zu dürfen, sei ein wunderbares Geschenk gewesen, sagt Nsame. «Ich danke Gott dafür, dass ich im Old Trafford auflaufen durfte.»

Das Erlebnis hat Appetit auf mehr gemacht. «In der Königsklasse dabei zu sein, wird immer das Höchste der Gefühle bleiben. Ich hoffe, dass wir bald zeigen können, was wir in der letzten Saison gelernt haben», sagt Nsame, der seinen Vertrag kürzlich vorzeitig bis 2023 verlängert hat.

Aber eben: Da ist noch die Hürde namens Roter Stern. Weil Goalgetter Guillaume Hoarau, der vor einem Jahr die Berner in Zagreb mit zwei Toren in die Champions League schoss, nach einer Muskelverletzung höchstwahrscheinlich ausfällt, ruhen viele Hoffnungen auf Nsame. Die Werte von Hoarau, der bei YB im Schnitt 110 Minuten für ein Tor braucht, sind etwas besser als die seinen. Doch mit 147 Minuten ebenfalls vorzeigewürdig. Das Problem ist ein anderes: In 90 Spielen für Gelb-Schwarz hat der wuchtige, 1,88-Meter grosse Stürmer zwar 35 Tore geschossen, aber kein einziges in den 14 internationalen Begegnungen. Mit Amiens, Angers und Servette hatte er gar nie auf dieser Ebene gespielt, und in seinem einzigen Länderspiel für Kamerun vor zwei Jahren gegen Nigeria war ihm auch kein Tor gelungen.

Oft bewiesen, mit Hoarau kompatibel zu sein

Besorgt ist Nsame deswegen nicht. «Ich habe viel Selbstvertrauen und bin ganz ruhig», sagt der 26-Jährige. Den Hinweis, dass er ohne Hoarau an seiner Seite vielleicht torgefährlicher sei, was nicht zuletzt die vier Tore gegen Lugano und St. Gallen suggerieren könnten, weist er entschieden zurück. «Nein, nein! Wir haben oft genug bewiesen, dass wir kompatibel sind», sagt Nsame, der mit seiner Frau und der vierjährigen Tochter etwas ausserhalb von Bern lebt, weil ihm die Stadt zu laut ist.

Als Sechsjähriger ist Nsame einst mit seinem Vater nach Frankreich gekommen und längst auch Franzose. Seine Mutter aber lebt wie der grosse Bruder weiter in Kamerun, und beide sind sehr stolz auf ihren Jean-Pierre. Er hat ihnen erzählt, wie ihm die Leute bis heute für sein Tor gegen Luzern danken, das YB 2018 den ersehnten Titel beschert hatte.

Man darf ruhig davon ausgehen: Schiesst Nsame seinen Klub in den Playoffs nun in die Champions League, kann er seiner Verwandtschaft in Douala vermelden: «Die Gratulanten stehen Schlange.»