Der schlafende Riese und der Neue

Der Schweizer Nationalspieler Loris Benito startet am Samstag mit dem FC Girondins de Bordeaux in Frankreichs Ligue 1 in die Saison.

Markus Brütsch
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Eigentlich hat Loris Benito bei den Young Boys so ziemlich alles gehabt, was das Herz eines Fussballprofis begehrt: Einen Stammplatz, ein tolles Publikum, ein ordentliches Salär, die Chance auf weitere Titelgewinne und die Aussicht, sich ein weiteres Mal den Traum von der Champions League zu erfüllen. Er hätte es sich einfach machen und in der Komfortzone bleiben können.

Doch der 27-Jährige hat sich anders entschieden und den Verein nach vier Jahren und gefeierten Erfolgen ablösefrei verlassen. «Ich wollte unbedingt in eine der fünf Topligen wechseln, wo ich Woche für Woche auf höchstem Niveau spielen und mich weiterentwickeln kann», sagt Benito. «Ich betrachte es als wichtigen Schritt in meiner Karriere.»

Der zweite Schweizer nach Daniel Jeandupeux

Nachdem der französische Ligue-1-Verein FC Girondins de Bordeaux Interesse angemeldet und Benito sich gefragt hatte, ob er hier seine Ambitionen befriedigen könne und seine Antwort positiv ausgefallen war, unterschrieb er in der südwestfranzösischen Stadt einen Vertrag bis 2022. Als erst zweiter Schweizer und exakt 40 Jahre, nachdem Daniel Jeandupeux seine Zelte nach vier Saisons an der Garonne, rund 50 Kilometer vom Atlantik entfernt, abgebrochen hatte.

Seit fünf Wochen ist Benito nun ein Bordelais. Aber während mehr als der Hälfte dieser Zeit ist er gar nicht in seiner neuen Heimat gewesen. Dafür zehn Tagen lang im Trainingslager in Österreich und genau so lange auf einem Promotion-Trip in Washington mit drei Spielen gegen französische Gegner. So hat der Aargauer bisher keine Zeit gefunden, sich auf Wohnungssuche zu begeben und er logiert deshalb bis auf Weiteres in einem Hotel. «Ich werde wohl etwas in der Stadt mieten. Ich bin gerne dort, wo etwas läuft.» Und natürlich wird er als Weinliebhaber in Bordeaux den berühmten Rebensaft bei Gelegenheit auch mal testen. «Ein Sommelier aber bin ich nicht», sagt Benito.

Trainingszentrum und Stadion sind top

Natürlich ist es noch zu früh für eine erste Zwischenbilanz. Was Benito aber über seinen neuen Arbeitgeber – nach Aarau, Zürich, Benfica Lissabon und YB ist Bordeaux die fünfte Station – zu erzählen hat, klingt gut. Das Trainingsgelände, 25 Autominuten ausserhalb der Stadt und ihrer 250 000 Einwohner gelegen, lässt es an nichts fehlen, und das für die EM 2016 gebaute Stade Matmut Atlantique mit einem Fassungsvermögen für 42 000 Zuschauer ist architektonisch ein Bijou.

Mindestens so wichtig für das Wohlbefinden eines Profis ist jedoch die Qualität der Mannschaft und des Trainerstabs. Benito spricht von einem harten Konkurrenzkampf. «Jede Position ist doppelt besetzt. Wenn ich mich hier durchgesetzt und etabliert habe, werde ich für die Nati noch interessanter sein», glaubt der dreifache Nationalspieler. Ob er schon beim Saisonstart am Samstag in Angers sein Debüt gibt, ist wegen einer leichten, mittlerweile aber auskurierten, Muskelverletzung noch offen.

Bis zur eben erst erfolgten Verpflichtung von Laurent Koscielny vom FC Arsenal für sechs Millionen Franken sind die Namen von Benitos neuen Teamkollegen in der Schweiz nicht eben geläufig gewesen. Stürmer Jimmy Briand und Goalie Benoît Costil, beide mit Einsätzen in der französischen Nationalmannschaft, sind die Bekanntesten. «Unser Team ist jung und talentiert. Bald wird man weitere Namen kennen», ist Benito überzeugt.

Bestens bekannt ist hierzulande aber Paulo Sousa, der Trainer. Nach einer Saison beim FC Basel mit dem Gewinn des Meistertitels trainierte der Portugiese die AC Florenz und Quanjian in China, ehe er im vergangenen Frühjahr Bordeaux übernahm. Und nach einem Sieg zum Einstieg mit sechs Niederlagen in Folge und 3:11 Toren gleich für einen Klubrekord sorgte. «Seine damalige Arbeit beim FCB verfolgte ich nur aus der Ferne, da ich bei Benfica war», sagt Benito. «Hier erlebe ich ihn als hoch professionellen Trainer, der kein Detail ausser Acht lässt.»

Alle Spiele der Young Boys gesehen

Ebenfalls nur aus der Distanz beobachtet er, wie sich «seine» Young Boys nach dem Umbruch schlagen. Aber er tut es mit grosser Verbundenheit zu Gelb-Schwarz. «Ich habe mir alle drei ihrer Spiele angeschaut. Natürlich muss man den Neuen noch etwas Zeit geben, aber ich habe einiges gesehen, das mich zuversichtlich stimmt», sagt Benito. Er denkt, dass YB in den Playoffs zur Champions League gegen Kopenhagen oder Roter Stern gute Chancen hat, sich durchzusetzen. Er weiss aber auch, dass er dann beim Mitfiebern in der Königsklasse das eine oder andere Mal leer schlucken müsste. «Ich bin im letzten Jahr auf den Geschmack gekommen und werde die Sternen-Hymne vermissen.»

Bordeaux, seit knapp einem Jahr in amerikanischem Besitz, war in der letzten Saison mit Rang 14 so schlecht klassiert wie seit 14 Jahren nicht mehr. Weit weg sind die grossen Zeiten der 80-Jahre, als Bordeaux drei seiner sechs Meistertitel und zwei seiner vier Cupsiege gewann. Auch der grösste internationale Erfolg, das Erreichen des Uefa-Cup-Finals 1996 mit dem jungen Zinédine Zidane und dem Trainer Gernot Rohr gegen Bayern München, hat schon Staub angesetzt.

«Der Verein hat zwar einiges im Sinn», sagt Benito, «wir bleiben aber realistisch und geben einfach unser Bestes.» Auch er rechnet damit, dass Serienmeister PSG an der Spitze weiter seine Kreise ziehen wird. Benito weiss indes: «In Frankreich wird Bordeaux als schlafender Riese betrachtet. Den gilt es nun aufzuwecken.» Er ist heiss darauf, seinen Teil dazu beizutragen.

Loris Benito, Girondins de Bordeaux (Bild: key)

Loris Benito, Girondins de Bordeaux (Bild: key)