Milchwirtschaft
Hochdorf verlagert Produktion in den Thurgau – 120 Jobs gehen verloren

Mit der Verlagerung will Hochdorf ab 2024 jährlich 7 bis 9 Millionen Franken sparen. In Hochdorf bleiben nur noch Hauptsitz und Verwaltung.

Maurizio Minetti
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Der Sitz von Hochdorf.

Der Sitz von Hochdorf.

Bild: Corinne Glanzmann (5. April 2018)

Seit Monaten war bekannt, dass der finanziell angeschlagene Milchverarbeiter Hochdorf etwas unternehmen musste, um die Bilanz zu sanieren. Nun ist klar: Es wird einen Jobabbau geben. Die Produktion wird bis Ende 2023 von Hochdorf ins thurgauische Sulgen verlegt. Gleichzeitig soll das Grundstück beim Bahnhof in Hochdorf bis Ende dieses Jahres verkauft werden. Bis zum Auszug würde Hochdorf das Areal mieten. Der Erlös durch den geplanten Verkauf von Grundstück und Gebäude in Hochdorf werde die Bilanz entlasten, schreibt das Unternehmen. In Hochdorf bleiben künftig nur noch Hauptsitz und Verwaltung.

Der geplante Umbau der Hochdorf-Gruppe führe in den kommenden zwei Jahren zu einer schrittweisen Reduktion der Anzahl Mitarbeitenden in Hochdorf von heute etwa 190 auf rund 70 per Ende 2023, teilte das Unternehmen am Dienstag mit. Am Standort Sulgen wird sich laut Plan die Anzahl Mitarbeitenden im gleichen Zeitraum um rund 45 erhöhen. Den Betroffenen in Hochdorf werden Stellen in Sulgen angeboten, sagte ein Sprecher des Unternehmens.

Verwaltungsrat und Geschäftsleitung werden laut der Mitteilung mit den Sozialpartnern Kontakt aufnehmen und den Prozess «mit allen Beteiligten sorgfältig und sozialverträglich gestalten», heisst es weiter. Erste Verlagerungsschritte seien ab Anfang 2023 vorgesehen. Bis dahin verändere sich das Produktsortiment und der Milchbedarf in Hochdorf nicht.

Milchproduzenten und Gemeinde bedauern den Abbau

Milchanlieferung in Hochdorf in den 1920er-Jahren.

Milchanlieferung in Hochdorf in den 1920er-Jahren.

Bild: Archiv Hochdorf-Gruppe

Die Gemeindepräsidentin von Hochdorf, Lea Bischof-Meier, erfuhr erst am Dienstag von den Plänen. «Wir bedauern den Entscheid sehr, denn Hochdorf besteht seit 1895 und hat damit eine lange Tradition», sagt sie auf Anfrage. Der Verlust von 120 Arbeitsplätzen sei markant und werde äusserst bedauert. Man begrüsse aber, dass immerhin der Hauptsitz weiterhin in Hochdorf bleibe.

Die Genossenschaft Zentralschweizer Milchproduzenten (ZMP) ist mit einem Anteil von knapp 18 Prozent hinter Pharmalys-Gründer Amir Mechria zweitgrösste Einzelaktionärin von Hochdorf. Auch die Genossenschaft bedauert in einer Stellungnahme den Schritt, die Produktion vom Standort Hochdorf nach Sulgen zu verlegen. Die finanzielle Gesundung durch Fokussierung der Ressourcen und Verbesserung der Kostenstrukturen sei jedoch «unumgänglich». Wie immer bei solchen Massnahmen sei ein Jobabbau für die betroffenen Mitarbeitenden keine gute Nachricht. Man begrüsse, dass Hochdorf den Personalabbau sorgfältig und sozialverträglich gestalten wolle.

In Bezug auf die künftige Milchmenge schreibt die ZMP, Hochdorf wolle auch künftig eine ähnliche Milchmenge wie heute verarbeiten. Damit bleibe das Unternehmen für die Schweizer Milchwirtschaft systemrelevant. Heute liefert die ZMP etwa 7,2 Prozent ihrer direkt eingekauften Milchmenge an Hochdorf. «Wir werden in den nächsten Monaten und im Verlauf vom 2022 zusammen mit Hochdorf prüfen, wie und wie viel Milch wir auch künftig nach der Produktionsverlagerung liefern werden», so ZMP-Sprecherin Carol Aschwanden. Zum heutigen Zeitpunkt könne man diesbezüglich noch keine Angaben machen. Vorerst seien noch keine Veränderungen bei den Milchlieferungen vorgesehen.

Massiver Schuldenberg nach gescheiterter Expansionsstrategie

Mit der Verlagerung will Hochdorf ab 2024 jährlich 7 bis 9 Millionen Franken einsparen. Laut einem Sprecher fiel der Entscheid zu Gunsten von Sulgen, weil die Anlagen dort moderner sind. Das Unternehmen betreibt heute die zwei Standorte Hochdorf und Sulgen, wobei in Sulgen bereits heute rund doppelt so viele Produktionsmitarbeitende tätig sind wie in Hochdorf. Das Werk in Sulgen weise «ausreichende Kapazitätsreserven» für die künftige strategische Entwicklung auf, heisst es in der Mitteilung. Durch die Werksverlagerung werde das Werk Sulgen in allen Bereichen profitabler, da die verarbeitete Rohstoffmenge und damit auch die Werksauslastung steige. Dem gegenüber müsste in die Anlagen in Hochdorf in den nächsten Jahren erheblich investiert werden, was dem Unternehmen «aus wirtschaftlicher Sicht nicht möglich sein wird», so Hochdorf.

Das angekündigte Massnahmenpaket sei ein «unumgänglicher Schritt, um das Unternehmen zukunftsfähig zu machen und wirtschaftlich auf ein solides Fundament zu stellen», erklärt der Milchverarbeiter weiter. Das Unternehmen will sich nun konsequent zum technologisch führenden Schweizer Anbieter von «Smart-Nutrition»-Lösungen entwickeln. Unter diesem Begriff verstehe man Endprodukte für Konsumenten oder Industriekunden, erklärt ein Sprecher. Gemeint sind damit beispielsweise vegane Babynahrungen, medizinische Ernährungslösungen oder spezifische Halbfabrikate für die Schokoladenindustrie sowie hochwertige Molken-Halbfabrikate etwa für die Babynahrung.

Hochdorf hatte vor einigen Jahren eine Expansionsstrategie eingeleitet, die aber misslang. In der Folge wurden Firmenteile verkauft und es kam immer wieder zu Änderungen in Geschäftsleitung und Verwaltungsrat. Die Gruppe leidet bis heute unter der gescheiterten Strategie: Die Schulden belaufen sich mittlerweile auf rund 100 Millionen Franken. Immerhin gelang es dem Unternehmen in den vergangenen Quartalen, das operative Geschäft zu stabilisieren und Beteiligungen zu verkaufen oder zu schliessen. Trotzdem kam Hochdorf auch im vergangenen ersten Semester unter dem Strich nicht aus der Verlustzone heraus.

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