Gericht
Tariq Ramadan in Nebenaffäre freigesprochen

Der Genfer Islamwissenschafter ist am Dienstag in Frankreich vom Vorwurf der Verleumdung freigesprochen worden. Weitere Gerichtsverfahren warten allerdings auf ihn.

Von Stefan Brändle aus Paris
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Der Genfer Islamwissenschafter Tariq Ramadan steht wegen mehrerer Klagen vor Gericht.

Der Genfer Islamwissenschafter Tariq Ramadan steht wegen mehrerer Klagen vor Gericht.

Keystone

Der umstrittene Starintellektuelle stand wegen üblicher Nachrede vor dem Strafgericht von Rouen. Angezeigt hatte ihn die ehemalige Salafistin Henda Ayari, die in der Hauptstadt der Normandie wohnt. Wie ihr Anwalt auf Anfrage von CH Media erklärte, sprach das Gericht den Beschuldigten frei.

Hintergrund des Prozesses sind mehrere Vergewaltigungsklagen gegen Ramadan in der Schweiz und in Frankreich. Sechs Frauen bezichtigen den heute 58-jährigen Universitätsdozenten sexueller Übergriffe bis hin zur Grausamkeit. In allen Fällen ermittelt heute die Justiz.

Stecken Klägerinnen unter einer Decke?

Ramadan bestreitet die Vorwürfe und erklärte vor zwei Jahren in einem Interview, die Klägerinnen steckten unter einer Decke. «Das sind Frauen, die in die Medien gehen und sich kennen», sagte er damals gegenüber dem Pariser Sender BFM. «Wir werden noch eine zweite Ayari kriegen. Eine Frau, die nicht weiss, an welchem Ort, an welchem Datum oder durch wen sie vergewaltigt worden sein soll», sagte er weiter. «Frau Ayari plante das; sie ist daran, mich zu manipulieren. Nachher hat sie mir 200 Nachrichten geschickt.»

Henda Ayari (44) war die erste Frau, die Ramadan 2017 öffentlich der Vergewaltigung bezichtigte. Ihre Angaben lösten im Zuge der MeToo-Debatte ein erstes Strafverfahren aus. Weitere Klagen kamen dazu. Ramadan verbrachte darauf neun Monate in Haft. Heute darf er den französischen Boden nicht verlassen.

Sinkender Stern in Frankreich

Ayari hatte sich nach den schweren Terroranschlägen von 2015 vom radikalen Islam Ramadans losgesagt und ihr Kopftuch abgelegt. Ihr Buch mit dem Titel «Ich habe mich entschieden, frei zu sein» hatte kommerziell Erfolg, bescherte ihr aber auch Morddrohungen. Diese Anfeindungen seien eine Folge von Ramadans Verleumdungen, meinte Ayaris Anwalt vor dem Gericht in Rouen. Ramadans Anwälte hielten dagegen, ihr Klient könne nicht für das Verhalten anderer Leute verantwortlich gemacht werden, auch wenn sie sich auf ihn bezögen.

In Frankreich ist Ramadans politischer Stern am Sinken. Die ihm früher verbundene Muslimbruderschaft ist auf Distanz gegangen. Ein Buch über den schwarzen Aktivisten Malcolm X erwies sich vor einem Jahr als Flop. Darauf versuchte es der frühere Oxford-Lehrer mit einem Slam-Song, indem er die weissen Bewohner des Westens warnt: «Habt ihr Angst? Ihr werdet eure Privilegien und eure Identität verlieren.» Auch damit bewirkte Ramadan aber nur ein mässiges Echo.