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Publikums-«Arena» mit Alain Berset: Auch das «Brücken bauen – Vol. 2» scheitert

Nach dem missglückten SRF-«Club» mit drei Corona-Skeptikern unternahm Sandro Brotz in der Publikums-«Arena» mit Alain Berset den zweiten Versuch, «Brücken zu bauen». Und scheiterte grandios.

Dennis Frasch, watson
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Für einmal stand das Publikum im Zentrum der «Arena».

Für einmal stand das Publikum im Zentrum der «Arena».

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An dieser Stelle beginnt normalerweise eine Sendungskritik zur Arena des gestrigen Abends. Man kennt das Programm: Eine politische Knacknuss, zwei politische Lager, die sich gegenseitig auf die Nuss geben und Moderator Sandro Brotz, der das Nüsseknacken mal gezielt provoziert und mal zu unterbinden versucht.

Doch diesen Freitag gab es keine herkömmliche Arena. Es hiess nicht links gegen rechts oder liberal gegen sozial, es hiess die Schweiz gegen Alain Berset. Es war eine Publikumsarena, zwölf Gäste aus der ganzen (deutschsprachigen) Schweiz wurden eingeladen, um dem Gesundheitsminister kritische Fragen stellen zu können.

Brücken wolle man damit bauen, die gesittete Debattenkultur wieder zurückbringen, hiess es vonseiten Sandro Brotz und seinem Team. Denn die Kluft zwischen Impfgegnerinnen und Befürwortern werde immer grösser, der Ton immer gehässiger und plötzlich kanalisiere sich diese Wut auch in realen, körperlichen Angriffen, wie zum Beispiel Natalie Rickli letztes Wochenende erfahren musste.

Dagegen wollte diese Sendung ankämpfen. Und scheiterte grandios.

Alain Berset in der Arena zu Kritik, Impfen und Tests an Schulen.

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Es gab zwar einige gute Fragen; zum Beispiel zu der Corona-Strategie für die Schulen. Kerstin Krause, Biologin und zweifache Mutter wollte wissen, wieso ein so grosser Flickenteppich an unterschiedlichen Massnahmen herrsche für die Schulen.

Chemielehrer Jonas Hofstetter ging noch einen Schritt weiter auf die Meta-Ebene und fragte Berset, ob es moralisch vertretbar sei, so viele Kinder ungeschützt dem Virus auszusetzen.

Auch Mirjam Lüschers Anliegen war mehr als berechtigt: Sie leidet an Long-Covid und kann kaum mehr arbeiten oder ihr soziales Leben aufrechterhalten. Sie fragte Berset, warum das Thema Long-Covid an den Pressekonferenzen totgeschwiegen werde.

Berset beantwortete die Fragen geduldig: Die Schule sei nun mal Sache der Kantone und man lebe in einem föderalistischen Staat. Trotzdem würden die meisten Kantone mittlerweile einsehen, dass es mehr Massnahmen, wie zum Beispiel Pool-Tests, brauche. An Hofstetter gerichtet sagte er, dass es den Schulen ein Leichtes wäre, zum Beispiel CO2-Messgeräte selbst zu besorgen. Der Bundesrat könne nicht für alles sorgen. Und Mirjam Lüscher bescheinigte Berset, dass Long-Covid keineswegs totgeschwiegen werde, dass man Forschungsprojekte lanciert hätte und man der Sache auf den Grund gehe. Es benötige halt einfach Zeit.

Für die meisten Anliegen hätte es allerdings keine «Arena» mit dem Gesundheitsminister auf einem gebührenfinanzierten Sender gebraucht. Eine einfache Google-Suche hätte gereicht.

Und genau hier liegt das Problem: Sollten Medien veritablen Anliegen, wie den oben geschilderten, den gleichen Platz geben wie zum Beispiel jenem von Dominik Wächter, Metallbauer aus dem Thurgau, der sich nicht impfen lassen will, weil man «jeden Tag von neuen Nebenwirkungen» liest?

Werden so nicht einfach tausendfach widerlegte Theorien massenmedial reproduziert? Und dabei noch gleich gewichtet wie die richtigen Anliegen?

Dass es sinnlos ist, solche Leute zurück in die Realität holen zu wollen, wurde live im Studio bewiesen. Schützenhilfe bekam Alain Berset von Huldrych Günthard, Infektiologe am Unispital Zürich.

Dieser nahm kein Blatt vor den Mund, als sich Dominik Wächter oder der ebenfalls ungeimpfte Martin Beu kritisch zu den Vakzinen äusserten. «Wir haben weltweit vier Milliarden Dosen verabreicht, es gibt eine unglaubliche Menge an Daten zu den Impfungen», widerlegte er die Einwände, dass man noch nicht viel über die Vakzine wisse.

Mehr noch: Er warnte eindringlich, dass man am Unispital Zürich schon wieder Probleme hätte mit den Kapazitäten, dass gewisse Patienten bereits tagelang auf einen Platz auf der Intensivstation hätten warten müssen. «Deswegen habe ich wenig Verständnis für Leute, die sich nicht impfen lassen wollen.»

Die überzeugende und eindringliche Warnung von Günthard bewirkte jedoch nicht viel. Thomas Michel, der später in der Sendung zu Wort kam, ebenfalls ungeimpft, machte nicht einmal den Hauch eines Anscheins, sich nun impfen lassen zu wollen. Es ist auch nicht anzunehmen, dass seine Mit-Realitätsverweigerer vor den Bildschirmen aufgrund der Sendung gescheiter geworden wären. Nach dem «Club» ist damit auch der zweite Teil des Projekts «Brücken bauen» gescheitert.

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