Nach EM-Halbfinaleinzug
Spaniens Goalie Unai Simón – vom Buhmann zum Helden

Gegen Kroatien kassiert Unai Simón nach seinem dicken Patzer ein unfassbares Eigentor, steht danach auf und zeigt fantastische Paraden. Innerhalb von vier Tagen vom Zero zum Hero.

Gabriel Vilares
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Unai Simón pariert den Elfmeter von Manuel Akanji. Der spanische Schlussmann avanciert im Elfmeterschiessen zum Helden.

Unai Simón pariert den Elfmeter von Manuel Akanji. Der spanische Schlussmann avanciert im Elfmeterschiessen zum Helden.

Keystone

Der spanische Schlussmann Unai Simón ist ein ruhiger Zeitgenosse, einer, der haushälterisch mit seinen Emotionen umgeht. Doch als Landsmann Mikel Oyarzabal im Elfmeterschiessen des EM-Viertelfinals gegen die Nati den entscheidenden Penalty verwertet, brechen alle Dämme. Um den 24-jährigen Keeper bildet sich eine Traube und Simón schreit seine Freude in den russischen Nachthimmel. Zuvor hat er kühlen Kopf bewahrt und im Elfmeterschiessen die Versuche von Fabian Schär und Manuel Akanji (Ruben Vargas verschiesst) pariert und ist damit zum Mann des Spiel avanciert.

Als Simón die Trophäe vom besten Spieler dieser Partie noch auf dem Spielfeld verliehen wird, spricht er von «unglaublichen Emotionen», beweist im Freudentaumel dennoch Grösse, weil er auch seinem Kontrahenten Respekt zollt: «Wenn ich diesen Preis hätte übergeben müssen, dann hätte ich ihn an Yann Sommer verliehen. Er hat ein unfassbares Spiel abgeliefert.»

Notizen zu den Penaltyschützen

Die Stimme des Torhüters von Athletic Bilbao, die nach den Freudenschreien etwas heiser klingt, hört sich bei der späteren Pressekonferenz wieder gefestigt an. Er habe sich notiert, auf welche Seite er mit Überzeugung hinhechten wolle. Dazu studiert er vor dem Spiel das Elfmeterschiessen zwischen den Schweizern und den Franzosen. «Es ist ein wenig eine Lotterie und etwas Glück. Die Münze ist auf unsere Seite gefallen.»

«Ich hätte diese Auszeichnung an Yann Sommer verliehen», so die Worte von Simón.

«Ich hätte diese Auszeichnung an Yann Sommer verliehen», so die Worte von Simón.

Keystone

Ganz anderer Meinung ist sein Trainer Luis Enrique: «Ich hatte grosses Vertrauen in Unai. Man sagt, das Elftemerschiessen sei eine Lotterie. Das ist völlig falsch. Der Druck des Spielers und die Gabe, diesen zu bestehen, hat einen grossen Einfluss. Hinzu kommt noch das Geschick der Goalies. Viele Sachen fliessen da mit ein. Unmöglich zu trainieren, aber wenn man am Schluss als Sieger hervorgeht, dann ist es sehr schön.»

Nach dem Spiel folgt die Heiligsprechung Simóns in der spanischen Presse: «Heilige Hände», titelt «As». «Unai, Hände eines Engels», schreibt «Marca». Auch der ehemalige spanische Welttorhüter und 167-fache Internationale Iker Casillas huldigt ihn auf Twitter: «Grande Unai Simón!» So schnell kann es gehen. Innerhalb von vier Tagen vom Buhmann zum Volkshelden.

Grober Patzer gegen Kroatien

Im Achtelfinal-Spiel gegen Kroatien leistet sich der spanische Goalie einen dicken Patzer. Beim Rückpass von Teamkollege Pedri scheinen seine Gedanken bereits beim nächsten Pass zu sein. Der Ball holpert über seinen Fuss ins eigene Gehäuse. Das Eigentor wird zwar Pedri zugeschrieben, doch der Treffer geht klar auf die Kappe von Simón. «Dieses Tor hat mich etwas gequält. Ich habe es mir sechs oder sieben Mal angeschaut und finde keine Erklärung dafür. Es war ein Unfall», so die Ausführungen des spanischen Schlussmannes.

EM-Achtelfinal zwischen Spanien und Kroatien. Im Video sehen Sie das Eigentor.

Youtube

Er habe nach seinem Fauxpas Persönlichkeit bewiesen und im Anschluss fantastische Paraden gezeigt, liess Luis Enrique verlauten. «Unai war ein Vorbild für alle Kinder, die einmal Profifussballer werden wollen. Die Botschaft ist: Mach dir keine Sorgen wegen deiner Fehler. Konzentriere dich auf dein Ziel.» Übrigens: die Eigentore fallen in dieser EM am Laufmeter. Das Eigentor von Denis Zakaria ist gleich das zehnte an dieser Euro. Rekord! Zuvor hatte es in der EM-Geschichte erst neun Eigentore bei allen vorherigen Turnieren insgesamt gegeben.

Das Ziel für den 1,90-Mann aus Vitoria-Gasteiz, dem spanischen Baskenland, ist klar: Italien aus dem EM-Halbfinal kegeln und Spanien zum vierten Europameistertitel der Geschichte führen. Dabei ist noch vor der Euro nicht mal sicher, wer die Rolle des Stammkeepers übernimmt. Unai Simón verdrängt den Torhüter von Manchester United, David de Gea, der sich mit der Reservistenrolle begnügen muss. Vor Turnierstart stehen bei ihm lediglich sieben Länderspieleinsätze zu Buche, mittlerweile sind es 12. Nummer 13 folgt am Dienstagabend und der 14. Einsatz soll dann beim EM-Final am Sonntag folgen.