Italienischer EM-Triumph
Explosion der Freude und Euphorie – sogar der Verkehr brach zusammen bei der Riesenparty: «Siamo campiooooni!!!»

Der Sieg der italienischen Mannschaft im EM-Final hat Italien für eine Nacht in Freudentaumel versetzt. Auch der sonst so coole Staatspräsident Sergio Mattarella feierte mit.

Dominik Straub, Rom
Merken
Drucken
Teilen
Der Jubel kannte in Rom keine Grenzen: Italienische Fans feiern den EM-Triumph ihrer «Azzurri».

Der Jubel kannte in Rom keine Grenzen: Italienische Fans feiern den EM-Triumph ihrer «Azzurri».

Keystone

53 Jahre nach dem letzten und bis am Sonntagabend einzigen EM-Sieg der Italiener war es endlich wieder soweit: «Siamo campiooooni, siamo campiooooni, siamo campiooooni» («wir sind Meister») jubelten und sangen von Turin im Norden bis Palermo im Süden Millionen italienischer Fussballfans kurz vor Mitternacht: Torhüter Donnarumma hatte im Penaltyschiessen gerade seinen zweiten Elfmeter gehalten und ist damit definitiv zum Helden der Tifosi und der ganzen Nation geworden.

Italien erlebte in der lauen Sommernacht von Sonntag auf Montag eine Explosion der Freude, der Euphorie. Im ganzen Land flogen Knall- und Rauchpetarden in den Himmel, Fans tanzten auf Plätzen und Strassen. «Es ist fast zu schön, um wahr zu sein», jubelte der 45-jährige Heizungstechniker Marco Marrocco, bevor er sich im Römer Balduina-Quartier in seinen Fiat 500 setzte, um sich den mit den italienischen Nationalflaggen bestückten Autokorsos anzuschliessen, die noch stundenlang durch die Stadt fahren und hupten sollten. Er habe zwar immer an die Mannschaft geglaubt, aber dass man im legendären Wembley-Stadion die starken Engländer besiegen werde, sei ja keineswegs sicher gewesen, betonte Marco.

Rauchpetarden und ausgelassene Freude in Rom.

Rauchpetarden und ausgelassene Freude in Rom.

Riccardo De Luca / AP

In Rom brach nach der entscheidenden Parade von Donnarumma umgehend der Verkehr zusammen, nicht nur rund um die von den Behörden festgelegten Fanzonen auf der Piazza del Popolo und auf den Fori Imperiali (Kaiserforen), sondern vor allem auch auf den Strassen entlang des Tibers, der bevorzugten Route für die Autokonvois. Zahlreiche junge Fans sprangen in die barocken Brunnen, selbst die Dächer von Bussen und Strassenbahnen wurden zu Fest- und Tanzbühnen umfunktioniert. Ähnliche Szenen spielten sich in allen Städten des Landes ab: Es schien, als würden sich alle 60 Millionen Italiener auf die Strassen stürzen, um zu feiern.

Wechselbad der Gefühle

Der Sieg hatte von den Tifosi erlitten werden müssen: Nach dem 1:0 durch die Engländer schon in der zweiten Minute war es in Italien zunächst einmal totenstill geworden: «Mannaggia la miseria» (frei übersetzt: «verflixt nochmal») stöhnten danach die Fans zuhause und beim Public Viewing bei jedem fehlgeschlagenen Versuch der Azzurri, das Spiel wieder auszugleichen. Dafür konnten sie später gleich mehrfach jubeln: zuerst beim Ausgleich und dann erst recht bei der Lotterie des Elfmeterschiessens: Jeder Treffer der Italiener und jeder Fehlversuch der Engländer wurde von Freudentänzen und Knallpetarden begleitet. Marco hatte am Ende des Spiels praktisch keine Fingernägel mehr.

In der italienischen Haupstadt wurde in den Public Viewings gezittert und gehofft. Am Ende kam alles gut.

In der italienischen Haupstadt wurde in den Public Viewings gezittert und gehofft. Am Ende kam alles gut.

Alessandra Tarantino / AP

Die Freude, die Ausgelassenheit und auch der Stolz der italienischen Tifosi auf die eigene Mannschaft hat auch mit der Schmach für Nicht-Qualifikation für die WM von 2018 zu tun. «Wir sind wieder da, wo wir als vierfacher Weltmeister hingehören: an der Spitze. Und erreicht haben wir das mit schönem Angriffsfussball», sagte Marco schon vor dem Spiel - und drückte damit aus, was wohl alle im Land dachten. Bereits die Qualifikation für den EM-Final war schon fast wie ein Titelgewinn gefeiert worden, unabhängig vom Ausgang des gestrigen Spiels. Dass man nun zum zweiten Mal nach 1968 Europameister geworden ist, war somit nur noch die berühmte «ciliegina sulla torta», die Kirsche auf der Torte. Gewonnen hatte Italien schon vor dem Spiel.

Staatspräsident Mattarella feiert im Stadion

Bemerkenswertes hatte sich an diesem denkwürdigen Sonntagabend auch auf der Tribüne des Wembley-Stadions abgespielt: Staatspräsident Sergio Mattarella, normalerweise die Coolness in Person und eine italienische Variante von britischem Understatement, riss beim Ausgleichstor von Bonucci jubelnd die Arme hoch, und später, bei der Siegerehrung, spendet er den Azzurri eine minutenlange, bewegende Standing Ovation. Italien hatte während der Pandemie viel durchgemacht, jetzt gibt es endlich wieder Grund zum Feiern: Da konnte selbst der fast 80-jährige Staatspräsident aus Palermo seine Emotionen nicht zurückhalten.

Apropos Pandemie: Nach 128'000 Toten und vier Millionen Infizierten in Italien hatten sich die Gesundheitsbehörden vor dem Final ernsthafte Sorgen wegen eines möglichen Wiederanstiegs der Infektionszahlen gemacht: Die Fanzonen im ganzen Land wurden strengen Platz- und Zugangsbeschränkungen unterworfen; gleichzeitig wurde daran erinnert, dass im Fall von Menschenansammlungen auch im Freien immer noch Maskenpflicht herrsche. An den ausgelassenen Feiern von der Nacht auf Montag waren Gesichtsmasken freilich kaum zu sehen - und halbleere Fanzonen nützen auch nicht viel, wenn sich rund um sie herum Tausende in den Armen liegen. Experten befürchten bereits eine Rückkehr der Pandemie, trotz derzeit tiefen Fallzahlen.

Doch daran mochten die Tifosi in dieser wunderbaren Sommernacht keine Gedanken verschwenden. Es zählte nur eines: «Viva l'Italia, siamo campiooooni!!!» Und die «campioni» werden heute Nachmittag um 17 Uhr von ihrem obersten Tifoso Mattarella im Quirinalspalast empfangen, dem Sitz des italienischen Staatspräsidenten auf dem Quirinalshügel.