Fussball-WM
Zwei Jahre vor der Heim-EM liegt vieles im Argen: Wie richtet sich Deutschland wieder auf?

Deutschland scheitert wie 2018 nach der Vorrunde. In zwei Jahren steht die Heim-Weltmeisterschaft an. Wie geht es weiter beim DFB. Bleiben Trainer Flick und Direktor Bierhoff im Amt? Und was passiert mit Thomas Müller?

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Die niedergeschlagenen Kai Havertz und Thomas Müller.

Die niedergeschlagenen Kai Havertz und Thomas Müller.

Keystone

Weit nach Mitternacht verliess der riesige DFB-Tross eskortiert von der katarischen Polizei mit zwei grossen Teambussen und Begleitfahrzeugen den nächsten Schreckensort des deutschen Fussballs. Vier Jahre nach dem historischen Vorrunden-Aus bei der WM im russischen Kasan steht der staubige Wüstenort Al-Chaur für das nächste blamable WM-Scheitern der Nationalmannschaft schon nach der Gruppenphase.

Hansi Flick sass nach dem 4:2 (1:0)-Sieg gegen Costa Rica, das nicht zum Weiterkommen ausgereicht hatte, bei der Abfahrt aus dem Al-Bait-Stadion mit versteinerter Miene im zweiten Bus. Der 57-Jährige sprach mit DFB-Direktor Oliver Bierhoff, der auf der anderen Seite des Ganges Platz genommen hatte.

Im Stadion war zuvor immer wieder das Wort «Wut» zu hören, aber auch Selbstanklagen. «Wir sind selber schuld», sagte Serge Gnabry, dessen 1:0 am Ende eines surreal anmutenden Abends ebenso wertlos war wie die Treffer der eingewechselten Kai Havertz (2) und Niclas Füllkrug.

«Ich bin immer einer, der sehr kritisch ist»

Auf Flick und Bierhoff - die Verantwortlichen im sportlichen Bereich - richtet sich jetzt der Fokus. Beide hatten noch im Schockzustand des nächsten Turnier-Desasters deutlich gemacht, dass sie ihre Arbeit fortsetzen wollen, die Heim-EM 2024 ihr nächstes Ziel sein soll. «Mir macht es Spass. Wir haben eine gute Mannschaft», sagte Flick. Er will die klar verpasste Rückkehr in die Weltspitze «sehr, sehr schnell» aufarbeiten. «Ich bin immer einer, der sehr kritisch ist, und das wird auch in die Analyse mit einfliessen», sagte er. Die werde sehr zeitnah erfolgen.

Direktor Oliver Bierhoff steht in der Kritik.

Direktor Oliver Bierhoff steht in der Kritik.

Keystone

Bierhoff schloss persönliche Konsequenzen aus. «Ich habe ein sehr gutes Gefühl für mich», sagte der 54-Jährige. Dass aber auch er infrage gestellt wird, war ihm als erfahrenem Profi in der Nacht zum Freitag natürlich sehr wohl bewusst. Er sagte:

«Leider habe ich keine Argumente mit drei schlechten Turnieren, die ich dagegenhalten könnte.»

Auch Flick konnte das Potenzial des 26-köpfigen WM-Kaders nicht heben. Er fand im Turnier nach dem Fehlstart gegen Japan nie seine Wunschelf, in der Personalauswahl vercoachte er sich gleich mehrfach - besonders das Festhalten an Thomas Müller wirkte fatal. Flick lieferte zahlreiche Angriffspunkte. «Wir haben alle einen sehr grossen Teil dazu beigetragen, dass wir nach Hause fahren», sagte der Bundestrainer, der wie Bierhoff beim DFB noch eine Vertragslaufzeit bis 2024 hat.

Hat Trainer Hansi Flick sich mir der Aufstellung verzockt?

Hat Trainer Hansi Flick sich mir der Aufstellung verzockt?

Keystone

Für Abwehrchef Antonio Rüdiger liegt das Vorrunden-Aus auch in der Mentalität begründet. «Die letzte Gier, dieses etwas Dreckige - das fehlt uns», sagte der Profi von Real Madrid nach dem Spiel gegen Costa Rica: «Viel Talent, alles schön und gut. Aber da gehört mehr dazu als einfach nur Talent, da spielen auch andere Faktoren eine Rolle. Da müssen wir uns verbessern, ansonsten kommen wir nicht weiter.» Laut Rüdiger steht die deutsche Nationalmannschaft «wieder bei Null, das ist die harte Realität, aber das ist die Realität, in der wir uns befinden».

DFB-Präsident Bernd Neuendorf will bei der Aufarbeitung des deutschen WM-Scheiterns Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke in dessen Funktion als Verbands-Vizepräsident eng einbinden. Neuendorf wird in der kommenden Woche gemeinsam mit Watzke Gespräche mit Bundestrainer Hansi Flick und Direktor Oliver Bierhoff führen. In welcher Konstellation und an welchem Tag die Beratungen geführt werden, ist noch unklar.

Das Interview von Thomas Müller

Thomas Müller hat noch nicht über die Fortsetzung seiner Karriere in der Nationalmannschaft entschieden. «Was die Zukunft betrifft, werde ich mir die nötige Zeit geben und ein paar Tage nachdenken», sagte der 33-Jährige nach dem blamablen Vorrunden-Aus bei der WM in Katar. Er werde sich mit seiner Frau Lisa und Bundestrainer Hansi Flick besprechen: «Dann werde ich mich dazu konkret äussern.» Unmittelbar nach dem Abpfiff des Spiels gegen Costa Rica hatte Müller im TV noch seinen Abschied angedeutet. «Grundsätzlich habe ich meinen Emotionen da freien Lauf gelassen und beschrieben, was in mir vorgeht», sagte er nach seinem 121. Länderspiel (44 Tore).

Kapitän Manuel Neuer (36) will, «soweit ich eingeladen werde und meine Leistung zeige», weitermachen. Am tiefsten getroffen schien Joshua Kimmich, der Anführer der Generation 1995/96, der tief in seine verwundete Seele blicken liess. «Wir fahren wieder nach Hause. Dementsprechend habe ich ein bisschen Angst davor, echt in ein Loch zu fallen», sagte der 27 Jahre alte Bayern-Profi in der Interview-Zone des Stadions mit feuchten Augen: «Für mich ist es echt, würde ich sagen, der schwierigste Tag meiner Karriere.» (dpa/sid/swe)