Fussball-EM
«Trotzreaktion», «Teamleistung»: Das schreiben die Schweizer Medien zum Nati-Sieg

Die Zeitungen zeigen sich am Tag nach dem Schweizer Sieg gegen die Türkei in den Kommentarspalten versöhnlich mit ihrem Nationalteam. Klar ist aber auch: Da wäre noch mehr möglich gewesen.

Alice Guldimann
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Nach dem 3:1-Sieg vom Sonntag gegen die Türkei zeigen sich die Schweizer Medien in Kommetnaren versöhnlich mit ihrem Nationalteam.

Nach dem 3:1-Sieg vom Sonntag gegen die Türkei zeigen sich die Schweizer Medien in Kommetnaren versöhnlich mit ihrem Nationalteam.

Keystone

Nach der 0:3-Niederlage gegen Italien gingen die Medien mit der Schweizer Nati hart ins Gericht. Planlos und Chancenlos sei deren Spiel gewesen, hiess es noch am letzten Donnerstag nach dem verlorenen Spiel. Am Montag nun, nach dem 3:1 gegen die Türkei vom Sonntag, tönt das schon ganz anders. Die Schweiz von Baku sei nicht mehr die Schweiz von Rom, schreiben beispielsweise die Tamedia-Zeitungen:

«Da ist keiner mehr, der dem Ball aus dem Weg geht und darum den Zorn des Captains fürchten muss. Das ist eine solidarische Gruppe, eine Mannschaft eben.»

Diese habe damit «auf einen miserablen Auftritt reagiert» und eine «Trotzreaktion» gezeigt. Der Sieg vom Sonntag sei somit auch ein Sieg für Nationaltrainer Vladimir Petkovic, heisst es in dem Kommentar weiter. Dieser sei seinen Weg gegangen, habe den Spielern nicht das Vertrauen entzogen, sondern es ihnen in einem kritischen Moment vielmehr geschenkt. «Und sie zahlen es zurück.»

Figaro-Affäre ist plötzlich ganz weit weg

Dieser Sieg sei umso höher einzuschätzen, «weil man mit dem Rücken zur Wand stand und siegen musste», schreibt auch der «Blick». Tattoo-Studio-Story und Figaro-Affäre seien da plötzlich ganz weit weg:

«So macht diese Nati Freude! Weil in dieser Mannschaft eben doch ganz viel drinsteckt, wenn sie es nur zeigen will.»

Nun heisse es «beten», schreibt der «Blick»-Kommentator weiter. Dafür, dass es die Schweiz als einer der besten vier Drittplatzierten doch noch in den Achtel-Final an der laufenden Europameisterschaft schafft.

Shaqiri mit Treffer der «Sonderklasse»

Zu reden gibt am Montag insbesondere auch die Leistung von Xherdan Shaqiri. Dieser konnte gegen die Türken mit zwei Toren glänzen, nachdem er in den ersten zwei Spielen nur wenig aufgefallen und heftiger Kritik ausgesetzt war. SRF widmet dem «Zauberzwerg» denn auch gleich einen eigenen Artikel:

«Xherdan Shaqiri widerlegte seine Kritiker im Türkei-Spiel auf seine Weise. Nicht zum ersten Mal packte er in einem entscheidenden Spiel an einer EM- oder WM-Endrunde einen Treffer der Marke «Sonderklasse» aus.»

Auch die CH-Media-Zeitungen konstatieren nach dem Spiel «eine tolle Teamleistung» der Schweizer. Wie schon an der Weltmeisterschaft 2014 hätten sie beweisen können, dass sie «Entfesselungskünstler» sind. Auf die Reaktion nach den ersten beiden enttäuschenden EM-Spielen dürfe die Nati denn auch richtig stolz sein:

«Es war eine ganz andere Körpersprache zu sehen auf dem Platz. Viel mehr Emotionen. Viel mehr Leidenschaft.»

Mehr als ein Hauch von Magie sei aber auch die Leistung vom Sonntag nicht gewesen, heisst es in der Analyse weiter. «Die Schweizer haben noch einige Luft nach oben.» Doch zumindest seien der Frust und der Schmerz der letzten Woche fürs erste vergessen und der Blick könne vorwärts gehen, im Hinblick auf einen möglichen Achtel-Final.

Viertelfinal brächte für Petkovic «Unangreifbarkeit»

Auch die «NZZ» blickt in ihrem Kommentar am Montag in die Zukunft, und damit auf die Aussichten für Trainer Vladimir Petkovic. So berge eine Achtelfinalteilnahme zwar eine «historische Chance»: die Möglichkeit zum ersten Schweizer Viertelfinaleinzug seit 1954.

«Erst der Viertelfinaleinzug gäbe Petkovic eine gewisse Unangreifbarkeit – und vermutlich gäbe es Überlegungen zu einem Abschied auf dem Höhepunkt.»

Fürs Türkei-Spiel habe der 57-Jährige zwar etliche gute Personalentscheide getroffen, doch hätten die Schweizer mit ihrer Unberechenbarkeit in der letzten Woche auch einmal mehr die Frage aufgeworfen, ob «ein frischer Blick auf diese Gruppe und diese Hierarchie guttun würde».

Vor allfälligen Personalentscheiden steht in den nächsten Tagen nun aber erst einmal das grosse Zittern an. Womöglich entscheidet sich erst nach den letzten Gruppenspielen vom Mittwoch, ob die Schweiz als Drittplatzierte doch noch ins Achtelfinal einziehen wird oder nicht.

Reicht es am Ende doch nicht, müsse sich die Nati an zahlreiche verpasste Chancen im Türkei-Spiel vom Sonntag zurückerinnern, kommentieren die Tamedia-Zeitungen schreiben. Denn sie hätten davon «genug und genug gute gehabt», um die Qualifikation mit einer besseren Tordifferenz als Wales auf dem direkten Weg zu schaffen.

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