EM-Halbfinale
Catenaccio stoppt Tiki-Taka: Italien entzaubert die spanische Passmaschine

In einer magischen Nacht hat Italien den nächsten Giganten gestürzt und träumt vom finalen Triumph. Derweil trauert Spanien, Alvaro Morata ist erneut die tragische Figur.

Simon Wespi
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Federico Chiesa feiert sein Tor zum 1:0 im Halbfinal gegen Spanien.

Federico Chiesa feiert sein Tor zum 1:0 im Halbfinal gegen Spanien.

AP

Die unbezwingbaren Italiener tanzten wie die Wilden durchs Wembley, Trainer Roberto Mancini war verschwitzt und ohne Sakko mittendrin. Dann sangen alle Italiener gemeinsam für den verletzten Leonardo Spinazzola.

Der viermalige Weltmeister stoppte die spanische Passmaschine, mit Sieg nach Penaltyschiessen, mit feuriger Leidenschaft und Glück zur rechten Zeit. «Es war ein sehr hartes Spiel, Spanien hat grossartig gespielt», sagte Trainer Mancini. Seine Mannschaft war körperlich am Ende: «Wir wussten, dass wir leiden müssen. Jetzt müssen wir schnell unsere Kräfte zurückgewinnen.» Italien lieferte dem technisch überlegenen, aber zu inkonsequenten Gegner einen grossen Kampf. Nur mit Mühe hielt die Abwehr vor 58'000 Zuschauern halbwegs stand - im Roulette vom Punkt schickte Jorginho das Land in eine Riesenparty.

Die Geschichte des Abends

Er erzielte das 1:0 für Italien in Wembley: Federico Chiesa traf nach 60 Minuten für die Azzurri. Der 23-jährige Chiesa, der in der Serie A für Juventus Turin spielt, hat eine ganz besondere Verbindung zum Wettbewerb. Denn er ist nun bereits der zweite Fussballer seiner Familie, der ein Tor an einer EM erzielte. Sein Vater Enrico Chiesa, einst ebenfalls Fussballprofi und inzwischen 50-jährig, traf bei der EM 1996 im Vorrundenspiel gegen Tschechien zum 1:1. Am Ende verloren die Italiener im Wembley trotzdem knapp mit 1:2.

Eine weitere, interessante Gemeinsamkeit: Sowohl Sohn Federico als auch Vater Enrico spielten mit der italienischen Torhüterlegende Gianluigi Buffon zusammen.

Vater Enrico Chiesa beim Spiel gegen Estland am 31. März 1999.

Vater Enrico Chiesa beim Spiel gegen Estland am 31. März 1999.

Keystone

Die Squadra Azzurra will nun im Finale eine brennende Sehnsucht stillen. «Wir müssen den gleichen Willen, die gleichen Opfer bringen, um das zurückzuholen, was Italien 50 Jahre lang gefehlt hat», sagte Verteidiger Leonardo Bonucci in Anspielung auf den bisher einzigen italienischen EM-Titel 1968. Letzte Hürde für die nun 33 Spiele in Serie ungeschlagenen Italiener ist am Sonntag an gleicher Stätte England oder Dänemark.

Wunden lecken bei der Furia Roja

Nach seinem schmerzhaften Fehlschuss wollte Alvaro Morata den Ort der Niederlage einfach nur so schnell wie möglich verlassen. Während um ihn herum Italiens Jubelsturm über den Einzug ins EM-Finale ausbrach, hastete der Stürmer vom Feld des Londoner Wembley-Stadions. «Morata wird zur tragischen Figur», urteilte die Zeitung Marca - wie so oft bei Spaniens Auf und Ab während dieser EM.

In der Nacht meldete sich Morata per Instagram. «Diese Gruppe», schrieb er, «hat so viel mehr verdient. Ganz Spanien hat geträumt. Es war auch mein Traum, es war unser Traum.» Der jedoch beim 2:4 im Elfmeterschiessen gegen die abgezockten Italiener jäh platzte.

«Es ist der grausamste Abschied der letzten Jahre. Italien tötet dich auf diese Art und Weise, ohne es verdient zu haben. Wir sind in Schönheit gestorben», schrieb die Marca weiter: «Es ist die Stunde der Tränen und des Stolzes.» Die As kam zu dem Schluss, man könne der «Nationalmannschaft überhaupt nichts vorwerfen», Spanien sei besser gewesen: «Sie zeigten Charakter und die Seele einer grossen Mannschaft. Nur die Elfmeter liessen unsere Träume zerbrechen.»

Kam bei dieser EM nicht wie gewünscht auf Touren: Alvaro Morata.

Kam bei dieser EM nicht wie gewünscht auf Touren: Alvaro Morata.

EPA

Es passte ins Bild, das Morata bei dieser EM abgab. Hochtalentiert, technisch brillant, aber oftmals glücklos. In der Vorrunde wurde er von den spanischen Fans in Sevilla ausgepfiffen, seine Frau Alice Campello bekam Morddrohungen, die sich auch gegen die drei Kinder des Paares richteten. Auch nach dem Penaltyschiessen wurde sie in den sozialen Medien wüst beleidigt. «Ich hoffe, dass man in Zukunft ernsthafte Massnahmen gegen solche Personen ergreift, weil all dies schandhaft und unannehmbar ist», schrieb Moratas Frau am Mittwoch: «Fussball ist ein Sport, der die Menschen vereint. Er soll kein Ventil für den eigenen Frust sein.»

«Held und Anti-Held unseres Landes»

Die As nannte Morata «Held und Anti-Held unseres Landes», der Stürmer habe «alle Höhen und Tiefen erlebt, in gewisser Form war es die Morata-EM». Trainer Luis Enrique, der trotz aller Schwierigkeiten an Morata festgehalten hatte, bekräftigte: «Er hat harte Zeiten durchgemacht während des Turniers, aber es spricht für ihn, dass er den Elfmeter schiessen wollte.»

Schon im Laufe der Vorrunde hatten sich Licht und Schatten bei Morata und dem gesamten Team abgewechselt. Konstanz brachten die Spanier nie in ihr Spiel, sie gewannen nach 90 Minuten nur gegen die Slowakei. Und trotzdem überwog der Eindruck, dass sehr viel mehr möglich gewesen wäre - hätte das Team eben seine Chancen genutzt und das gesamte Potenzial auf den Platz gebracht.

«Finito! Trotz des Ausscheidens: Spanien verlässt mit breiter Brust die EM», schrieb El Mundo Deportivo: «Mit Morata begann und endete der Traum.» Bei der Winter-WM in Katar im kommenden Jahr wollen die Spanier den nächsten Anlauf nehmen.