EM-Final
Mit einem Sieg kann sich Gareth Southgate vom Trauma erlösen

England spielt keinen schönen Fussball, ist aber endlich erfolgreich. Und ausgerechnet ein einstiger Penalty-Versager ist dafür verantwortlich. Wie Gareth Southgate den «Three Lions» neues Leben eingehaucht hat.

Philipp Reich / Watson
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Der englische Nati-Coach Gareth Southgate möchte nach dem EM-Final wieder jubeln.

Der englische Nati-Coach Gareth Southgate möchte nach dem EM-Final wieder jubeln.

Keystone

Wer bislang den Namen Gareth Southgate hörte, der dachte zunächst vor allem an Misserfolg. Als sechster englischer Schütze schreitet der heutige Nationaltrainer im EM-Halbfinal von 1996 gegen Deutschland im Penaltyschiessen zum Elfmeterpunkt. Mit den Worten «Gareth Southgate, the whole of England is with you» feuert Radioreporter Jonathan Pierce ihn an, doch es folgt die grosse Enttäuschung: «Oh, it's saved!» schreit Pierce nach Southgates Fehlschuss ins Mikrofon.

Wenig später versenkt Andy Möller seinen Versuch – Deutschland zieht im Mutterland des Fussballs in den EM-Final ein, England ist auf der Jagd nach dem zweiten grossen Titel seit 1966 mal wieder dramatisch gescheitert.

Southgate wird zum Gesicht des Scheiterns. Auch weil die Lightning Seeds, Baddiel & Skinner, die 1996 mit «Three Lions» einen Riesenhit landeten, die Penaltyszene zwei Jahre später in der noch erfolgreicheren Neuauflage ihres Songs als Einstieg verwendeten.

Gareth Southgate scheitert beim Elfmerterschiessen im EM-Halbfinal 1996 gegen Deutschland.

Gareth Southgate scheitert beim Elfmerterschiessen im EM-Halbfinal 1996 gegen Deutschland.

Keystone

Wohl um die teils vernichtende Kritik und Häme der Öffentlichkeit besser verarbeiten zu können, nahm Southgate sich nach dem Turnier in einem aberwitzigen Werbespot für die Fast-Food-Kette «Pizza Hut» selbst aufs Korn – wodurch sein Ruf als Verlierer aber nur noch zeitloser wurde.

Verarbeitung fiel Southgate schwer

Mit dem Image des Penalty-Versagers gebrandmarkt, fiel es Southgate lange schwer, mit der Halbfinal-Niederlage gegen Deutschland abzuschliessen. «Ich habe eine Million Dinge von diesem Tag und den darauffolgenden Jahren gelernt. Die wichtigste Sache ist, dass es nicht das Ende ist, wenn etwas im Leben schiefläuft», sagte der Innenverteidiger später.

Zehn Jahre spielte Southgate, der nie durch die typisch englische Härte, sondern vielmehr durch taktische Intelligenz auffiel, weiter. 2006 wechselte er mit 36 Jahren dann direkt vom Spielfeld auf die Trainerbank. Mit mässigem Erfolg: Nach drei Jahren bei Middlesbrough fand er keinen Job mehr. Er nahm sich daraufhin eine Auszeit vom professionellen Fussball und arbeitete als Nachwuchskoordinator beim englischen Verband.

Wie viele seiner einstigen Nationalmannschaftskollegen versuchte sich auch Southgate in dieser Zeit als TV-Experte. Doch seine Nachfolger als Nationalspieler möglichst publikumswirksam in die Pfanne zu hauen, lag dem eher schüchtern und zurückhaltend wirkenden Südengländer nicht. Typisch die Szene nach dem englischen EM-Aus 2012 im Penaltyschiessen gegen Italien: Während Roy Keane und Jamie Carragher die «Three Lions» mit emotionalen Wutreden in der Luft zerrissen, erklärte Southgate ruhig und gelassen, dass man bei der Nachwuchsförderung ansetzen müsse, wenn man den Spielstil der Nationalmannschaft nachhaltig verändern wolle.

«Er lässt sich nicht beeinflussen»

Ein Jahr später wurde Southgate dann prompt U21-Nationaltrainer, drei weitere Jahre später wurde er nach dem blamablen Achtelfinal-Aus bei der EM 2016 gegen Island und dem Enthüllungsskandal um Sam Allardyce zum Headcoach der A-Nationalmannschaft befördert. Und auch dort blieb Southgate seiner Linie treu: Mit viel Besonnen- und Sturheit krempelte der 57-fache Nationalspieler die «Three Lions» und deren Umfeld nach seinen Vorstellungen um.

Schnell zeigte sich, dass der stets unaufgeregte Southgate genau die richtige Besetzung für den Job war. «Gareth besitzt eine der wichtigsten Eigenschaften für Trainer auf dem allerhöchsten Level: Er ist sich immer selbst treu», beschrieb Carragher seinen einstigen Nationalmannschaftskollegen zuletzt treffend im «Telegraph». «Er bedient nicht die öffentliche Bühne. Und anders als einige seiner Vorgänger lässt er sich nicht von den Medien beeinflussen, wenn er seine Mannschaft aufstellt.»

Mit seiner einfühlsamen und eloquenten Art ist er die perfekte Vaterfigur für die junge, kulturell diverse Mannschaft. Gleichzeitig legt Southgate, wenn es um Fussball geht, einen konsequenten Pragmatismus hin. Dem sportlichen Erfolg und dem Teamgedanken wird alles untergeordnet: Zunächst wurde die fast schon traditionell anfällige Defensive umgebaut und gestärkt. Dass dafür der Platz in der Offensive für die zahlreichen Starspieler eng wurde, nahm Southgate billigend in Kauf.

Fast jeder Spieler erhält eine Chance

Schliesslich versteht er es, die zahlreichen englischen Egos bei Laune zu halten. Denn auch wenn Southgate keinerlei Kompromisse eingeht, kriegt fast jeder seine Chance. Vom aktuellen EM-Kader sind bislang nur die Ersatztorhüter Sam Johnstone und Aaron Ramsdale, die Nachrücker Ben White, Conor Coady sowie Ben Chilwell, der zehn Tage in Corona-Quarantäne weilte, ohne Einsatz.

Southgate gibt praktisch jedem im Team eine Chance, sich zu beweisen.

Southgate gibt praktisch jedem im Team eine Chance, sich zu beweisen.

Keystone

Das Standing, das Southgate bei seiner Mannschaft geniesst, verdeutlicht der Fall von Jack Grealish. Der offensive Mittelfeldspieler von Aston Villa spielte als Joker gegen Tschechien und Deutschland gross auf, musste im Viertelfinal gegen die Ukraine dann aber 90 Minuten zuschauen. Die vermeintliche Höchststrafe folgte im Halbfinal gegen Dänemark, als Grealish in der 70. Minute ein-, aber aus taktischen Gründen in der 106. Minute wieder ausgewechselt wurde.

«Wir wussten aus den Spielen davor, dass Dänemark mit vier Stürmern auf uns zukommen wird, wenn sie in Rückstand geraten. Also musste ich einen Extra-Verteidiger bringen, damit wir stabil bleiben», erklärte Southgate. Er habe die Schnelligkeit von Raheem Sterling für Kontergelegenheiten gebraucht, also habe er keine Wahl gehabt. Grealish akzeptierte ohne zu murren und tanzte nach Spielende zu «Sweet Caroline» mit, als wäre nichts passiert.

Kritik vor EM

Der Erfolg gibt Southgate eben recht. Vor der EM wurden er und seine Mannschaft noch scharf für ihren wenig spektakulären, dafür zweckorientierten Fussball kritisiert. Mittlerweile sind aber sämtliche kritischen Stimmen verstummt. Mit einem Sieg im EM-Final gegen Italien kann sich Southgate gar unsterblich machen und den 55-jährigen, englischen Titelfluch endlich besiegen. Mit ziemlicher Sicherheit würde er dann von der Queen zum Ritter geschlagen werden.

Besungen wird Southgate schon jetzt. In der Neuauflage des Atomic-Kitten-Songs «Whole Again» heisst es: «Southgate, you're the one, you still turn me on. Football's coming home again» («Southgate, du bist der Richtige, du machst mich immer noch an. Der Fussball kommt wieder nach Hause»).

Ein Sieg fehlt, damit der Song endgültig zum Dauerbrenner wird. 25 Jahre nach seinem Penalty-Missgeschick an der Heim-EM von 1996 gilt also wieder: «Gareth Southgate, the whole of England is with you.» Dieses Mal hoffentlich mit anderem Ausgang für den englischen Nationaltrainer.