Analyse
Die verlorene Magie der tapferen Musterknaben

Die Schweizer verlieren gegen die Russen 1:4. Herkömmliche Analysen werden dieser grossen Niederlage nicht gerecht. Noch immer ist in Riga alles möglich.

Klaus Zaugg
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Enttäuschte Gesichter bei den Schweizern. Gegen die Russen wäre mehr möglich gewesen.

Enttäuschte Gesichter bei den Schweizern. Gegen die Russen wäre mehr möglich gewesen.

Keystone

Hinterher ist alles einfach. Nach dem Spiel ist jeder Chronist mindestens Ralph Krueger, Ueli Schwarz oder Wayne Gretzky. Wenn wir wissen, wie alles geendet hat, finden wir genug Gründe für eine kluge Analyse. Wer sich seit Jahren mit dem unberechenbaren Spiel beschäftigt, hat einen ganzen Baukasten voll Argumente parat, um plausibel alles zu erklären. Sieg und Niederlage. Gängige Argumente, die immer helfen, eine Niederlage zu erklären, sind etwa:

  • Der Torhüter hat gelottert.
  • Die Chancenauswertung war ungenügend. Als Beweis dient die Torschussstatistik.
  • Zu offensive Spielweise.
  • Zu passive Spielweise.
  • Taktisch undiszipliniert.
  • In den Zweikämpfen zu wenig diszipliniert.
  • Vom Tempo überfordert.
  • Taktisch naiv.
  • Pech.
  • Unkonzentriert.
  • Zu weich.
  • Über viel Linien zu wenig ausgeglichen.
  • Zu wenig Energie.
  • Schiedsrichterskandal.
  • Vorher schwereres Spiel als der Gegner.
  • Ungenügendes Box- oder Powerplay.

Das ist nur eine unvollständige Auswahl aus dem Arsenal der Klischees, die dem Chronisten zur Verfügung stehen. Er braucht nur noch die passenden auszuwählen und mit blumigen Worten miteinander zu verknüpfen – und schon ist die perfekte Analyse da.

Aber nach diesem 1:4 gegen Russland funktioniert diese bewährte Methode nicht. Wenn wir uns etwas intensiver mit dieser schnellen, hochstehenden und ausgeglichenen Partie befassen (23:26 Torschüsse), dann erklärt keines der oben aufgeführten Argumente die Niederlage. Die Schweizer waren tapfere Musterknaben. Sie haben alles richtig gemacht. Es fehlte weder an der Taktik noch an der Tempofestigkeit. Sie waren nicht zu offensiv und nicht zu defensiv, weder zu aktiv noch zu passiv. Sie waren weder zu wenig robust noch fehlte es an der Energie. Die Schiedsrichter waren gut, das Powerplay funktionierte, das Boxplay auch.

Und doch steht am Ende ein 1:4. Warum?

Ganz einfach: unsere Hockey-Musterknaben haben die Magie verloren. Was heisst das? Wer auf diesem höchsten Weltniveau gegen einen gleich starken Gegner ein Spiel gewinnen will, braucht Magie. Die Gunst der Hockeygötter, die dafür sorgen, dass der Puck ein paar Zentimeter höher oder tiefer durch die Luft fliegt, ein paar Zentimeter mehr links oder rechts übers Eis rutscht, ein paar Stundenkilometer schneller dahingleitet oder -fliegt.

Die Schweiz gegen Russland ist so etwas wie ein heimlicher Final. Die Mannschaft mit den bestfunktionierenden Automatismen (die Schweiz) gegen das aus den beiden wichtigsten Ligen der Welt (NHL und KHL) zusammengesetzte nominell beste Team (Russland) des Turniers. Abgesichert von einem Weltklassetorhüter.

Romain Loeffel muss auf die Strafbank, weil er die Scheibe aus dem Spielfeld befördert hat. Der Ausschluss führt zum 1:0. Ein auf so hohem Niveau geführtes Spiel wird durch eine solche Banalität in die für die Schweiz ungünstigen Bahnen gelenkt. Dafür gibt es kein fachliches Argument. Nur der Hinweis auf die fehlende Magie.

Weltklasse-Tor der Schweizer

Die Schweizer freuen sich über den Ausgleich. Nico Hischier (Nr. 13) trifft.

Die Schweizer freuen sich über den Ausgleich. Nico Hischier (Nr. 13) trifft.

Keystone

Die Schweizer spielen auf magistrale Art und Weise ihre Chancen heraus. Der Ausgleich von Nico Hischier, der einen Pass des ewigen Läufers Andres Ambühl direkt ins Netz verwertet – ein Tor, in Entstehung und Vollendung Weltklasse. Und warum werden die übrigen Chancen nicht verwertet? Da ist die Stärke des gegnerischen Torhüters, da sind Zentimeter und Sekundenbruchteile, die fehlen. Das ist die Magie des Spiels, nicht Versagen.

Und die Gegentreffer? Es ist das Aufblitzen der individuellen Klasse von Anton Burdasov, Pavel Karanaukhov und Sergei Tolchinski. In diesen Abschlüssen steckt Können – und Magie. Reto Berra ist machtlos – und so sind wir nach wie vor ratlos: wer ist nun die Nummer 1? Er oder Leonardo Genoni?

Oder haben die Schweizer zu viele Fehler gemacht? Nein. Die Fehlerquote ist bei beiden Teams tief. Nicht Fehler führen zu den Gegentreffern. Sondern die Klasse in den entscheidenden Augenblicken. Es sind magische Augenblicke für die Russen.

Am Ende gilt doch noch ein Klischee. Vier Tore entsprechen einer alten Redewendung, die sagt: ein Tor gelingt, weil wir gut sind, eines wie der Gegner gerade nicht aufpasst, eines weil wir Glück haben. Am Schluss hat es obendrauf noch eines ins verlassene Netz gegeben.

Die Schweizer waren gut und der Gegner hat hin und wieder nicht aufgepasst. Aber eben: die Magie fehlte. Der Grund für die Niederlage ist die verlorene Magie unserer Musterknaben.

Eine Niederlage, die nichts in Frage stellt und keine grundsätzlichen Änderungen verlangt. Vielleicht kehrt ja die Magie zurück, wenn Nationaltrainer Patrick Fischer seine lange Mähne wieder mit einer Pferdeschwanzfrisur bändigt.