Untervertreten
Milizsystem: Junge, Linke und Frauen engagieren sich seltener im Gemeinderat

Das nationale Gemeindemonitoring zeigt: Wer in sich in einem Gemeinderat engagiert, ist typischerweise ein älterer Mann, steht politisch rechts der Mitte – und arbeitet für 25 Franken die Stunde.

Peter Walthard
Merken
Drucken
Teilen
Wo die Schweiz politisch noch ein bisschen wie früher ist: Gemeindehaus Altdorf.

Wo die Schweiz politisch noch ein bisschen wie früher ist: Gemeindehaus Altdorf.

Keystone

In kaum einem europäischen Land trägt die unterste Staatsebene so viel Verantwortung wie in der Schweiz. Hier, auf Gemeindeebene, spielt vielerorts noch das Milizsystem: Einwohner widmen ihre Freizeit der Arbeit in den Gemeinderäten und Kommissionen und erhalten ein Entgelt dafür. Ein am Freitag veröffentlichtes, vom Schweizerischen Nationalfonds getragenes Forschungsprojekt, zeigt nun, wie viel: Im Durchschnitt erhält ein Exekutivmitglied 13'200 Franken im Jahr für durchschnittlich zehn Wochenstunden.

Dies entspricht einem Stundenlohn von 25 Franken. Etwas mehr erhält, wer das Gemeindepräsidium übernimmt: Hier sind es im Schnitt 28'800 Franken jährlich, die für durchschnittlich 19 Wochenstunden ausbezahlt werden. Der Stundenlohn liegt damit bei gut 29 Franken. In einer ganz anderen Liga spielen Exekutivpolitiker in den Städten mit mehr als 20'000 Einwohnern: Hier bringt ein Präsidium im Schnitt 184'000 Franken, ein Sitz im Gemeinde- oder Stadtrat 105'000 Franken ein.

Lohnen dürfte sich das für viele Gemeindepolitiker nicht: Unter ihnen sind höhere und mittlere Kader mit einem Anteil von 40 Prozent deutlich übervertreten. Mehr als ein Drittel der Exekutivpolitiker hat ausserdem einen Hochschulabschluss. Der Altersdurchschnitt liegt bei 52 Jahren, 80 Prozent sind verheiratet, 85 Prozent haben Kinder. Und: Drei von vier Gemeinderatsmitgliedern sind Männer.

Zu hohe zeitliche Belastung: Anteil der Jungen weiter gesunken

Dabei wird der Frauenanteil von den Städten mit über 20'000 Einwohnern nach oben gedrückt, wo er im Schnitt bei 32 Prozent liegt. Im Tessin, in Graubünden oder der ländlichen Deutschschweiz ist ihr Anteil viel geringer: Im Kanton Appenzell-Innerrhoden etwa stellen Frauen nur 16 Prozent der Exekutivmitglieder in Gemeinden. Dabei engagieren sich die Frauen am ehesten in den Bereichen Bildung, Soziales und Gesundheit: In diesen Departement liegt der Frauenanteil im Bereich von 30 bis 40 Prozent.

Untervertreten sind auch die Jungen: Nur elf Prozent der Kommunalpolitiker sind jünger als 39 Jahre alt, dies obwohl der Anteil dieser Altersgruppe an der Bevölkerung bei 27 Prozent liegt. In den letzten zehn Jahren ist der Anteil der Jungen sogar gesunken. Die Autoren der Studie erklären dies auch mit dem hohen zeitlichen Engagement: Jüngere mit beruflichen Ambitionen und familiären Verpflichtungen könnten das geforderte zeitliche Engagement nur schwer erbringen.

Staatstragende FDP, Randphänomen SP

Bei der politischen Zusammensetzung fällt auf, dass mittlerweile nur noch 54 Prozent der Gemeindepolitiker Mitglied einer Partei sind. Lässt man die Parteilosen aussen vor, vertreten 85 Prozent eine der vier Bundesratsparteien SVP, SP, FDP und CVP.

Unter diesen sind die Kräfteverhältnisse von der politischen Polarisierung der letzten Jahrzehnte scheinbar unberührt geblieben: Auf der Kommunalebene ist die FDP mit 29 Prozent die staatstragende Partei geblieben, gefolgt von der CVP (heute: Die Mitte) mit 23 Prozent und der SVP mit 20 Prozent. Eine Randerscheinung ist in der Kommunalpolitik die SP, die es nur auf 13 Prozent der parteigebundenen Exekutivmitglieder bringt, wobei dieser Anteil in den letzten zehn Jahren laut Studie rückläufig war.

Auf einer Skala von 0-10 verortet sich das durchschnittliche Gemeinderatsmitglied mit 5,8 etwas rechts der Mitte, die Männer etwas ausgeprägter als die Frauen. Die Zusammenarbeit mit Vertretern anderer Parteien bezeichnen 79 Prozent als gut.

Das Nationale Gemeindemonitoring befragt sämtliche Gemeindeschreiberinnen und Gemeindeschreiber seit 1988 im Abstand von fünf Jahren zum Zustand und zur Entwicklung ihrer Gemeinde. 82 Prozent der Schweizer Gemeinden haben beim jüngsten Monitoring mitgemacht. Das Projekt wurde durch die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW und die Universität Lausanne von 2016 bis 2021 durchgeführt.