Ungenügend gerüstet für den Krisenfall: Gutachten zeigt Versäumnisse der Behörden bei der Pandemie-Vorsorge

Ein Gutachten des ehemaligen Direktors des Bundesamts für Gesundheit deutet auf Versäumnisse hin: Kantone, Parlament und Armee haben es verpasst, sich auf eine solche Krise vorzubereiten.

Maja Briner
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Eine Triage-Station vor einer Klinik im Tessin.

Eine Triage-Station vor einer Klinik im Tessin.

Keystone

«Seit 1995 bereitet sich die Schweiz systematisch auf Influenza-Pandemien vor»: Diese Worte stehen auf der Webseite des Bundesamts für Gesundheit. Seit 2004 kennt die Schweiz einen Influenza-Pandemieplan, der aktuellste dazu stammt aus dem Jahr 2018. Doch ist die Schweiz tatsächlich gut vorbereitet?

Ein Gutachten, über das Radio SRF berichtete, zeigt nun Versäumnisse auf. Der Bericht wurde bereits Ende 2018 erstellt und Mitte Januar veröffentlicht – unbemerkt von der Öffentlichkeit. Erstellt wurde das Gutachten von Thomas Zeltner. Er war bis 2009 Direktor des Bundesamtes für Gesundheit (BAG).

Versäumnisse ortet er unter anderem bei den medizinischen Gütern, also etwa bei Medikamenten. Weil die Schweiz diesbezüglich in hohem Masse vom Ausland abhängig ist, hat der Bund die Kantone aufgefordert, in ihren Gesundheitseinrichtungen einen «Minimalstock an Medikamenten, Medizinprodukten und Labormaterialien zu lagern», wie es im Bericht heisst. Doch: «Die Kantone haben diese Forderung bislang nicht oder nur unvollständig umgesetzt.»

Der Bericht hält auch fest, dass für Notlagen Betten in den Spitälern fehlen. Die Kantone müssten «strukturelle Reservekapazitäten für Notlagen miteinplanen», schreibt Zeltner. «Ein Blick in die kantonalen Spitalplanungsunterlagen zeigt allerdings, dass dies heute nicht ausreichend der Fall ist.»

Kantone weisen Kritik zurück

Die Präsidentin der Gesundheitsdirektorenkonferenz, Heidi Hanselmann, verteidigt sich jedoch gegen die Kritik. «Die Kantone haben die Pandemiepläne selbstverständlich erarbeitet und dabei beispielsweise den Spitälern auch Empfehlungen für Pflichtlager abgegeben», sagt sie im Interview mit Radio SRF.

Man müsse sich auch fragen, ob es sinnvoll sei, Tausende von Reservebetten aufzubauen. In den Spitälern werde nun auf nicht dringende Operationen und Therapien verzichtet. So könnten rasch Betten freigemacht werden. «Das bringt mehr, als verstaubte Betten zu putzen, die in normalen Zeiten jahrelang nie gebraucht werden.»

Hanselmann betont, es sei jetzt nicht die Zeit, um die Pandemie-Vorbereitungen zu kritisieren. «Es ist klar, dass es Manöverkritik braucht. Der richtige Zeitpunkt dazu ist aber nach der Krise.»

Zum Gutachten

Thomas Zeltner hat das Gutachten im Auftrag des Verteidigungsdepartements erstellt. Es geht darin in erster Linie um den Koordinierten Sanitätsdienst. Dieser soll sicherstellen, dass in Krisenfällen alle zivilen und militärischen Stellen miteinander verlinkt werden. Angesiedelt ist der Koordinierte Sanitätsdienst aktuell bei der Armee. Laut Bund stellt sich die Frage, ob die heutige Organisation noch zeitgemäss ist