Stadtpräsident Lugano
Nach Herzstillstand beim Joggen: Marco Borradori ist tot

Beim Joggen erlitt Marco Borradori (62) überraschend einen Herzstillstand. Gestern Abend ist der Stadtpräsident von Lugano und einer der beliebtesten Politiker im Tessin, verstorben. Eine Würdigung.

Gerhard Lob
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Marco Borradori spricht an einer LGBT-Parade am 2. Juni 2018 entlang der Seepromenade in Lugano.

Marco Borradori spricht an einer LGBT-Parade am 2. Juni 2018 entlang der Seepromenade in Lugano.

Keystone

Sein Spitzname im Tessin war «taglia nastri». Der Mann, der die Bänder durchschneidet. Tatsächlich: Kaum eine Einweihung, bei dem er nicht das Band durchschnitt, kaum ein Fest oder Event, bei dem er nicht Hände schüttelte, sich fotografieren liess und zumindest eine kurze Rede hielt.

Charmant und eloquent, stets ein Lächeln und ein Ohr für die sogenannten «einfachen Leute». Gegenüber Medienvertretern war er immer disponibel und zuvorkommend. Vielleicht war es dieses Auftreten, das Marco Borradori so unglaublich populär machte im Kanton Tessin, zu einer Art Familienvater, der seit 30 Jahren auf dem politischen Parket präsent war.

Die Bestürzung über sein Ableben ist daher immens, gerade so, als habe der Kanton ein Stück seines Territoriums und seiner Identität verloren. Sein Tod hinterlässt im ganzen Kanton Fassungslosigkeit bei den Tessinerinnen und Tessinern, unabhängig von der politischen Couleur.

Der Einstieg in die Politik

1959 geboren, wuchs Borradori in Lugano auf, als Sohn des einflussreichen Anwalts und Notars Elio Borradori (1927-2016), einem Faktotum, der auch das Ehrenamt des Kommandanten vom Luganeser Freiwilligenkorps bekleidete und dem später der Prozess wegen Vermögensdelikten gemacht werden sollte.

Zwar arbeitete Marco Borradori nach dem Jus-Studium in Zürich kurz in der Kanzlei seines Vaters, doch schon bald stieg er in die Politik ein, die sein Beruf werden sollte. Es waren die Gründerjahre der Lega dei Ticinesi, dieser europakritischen Regionalbewegung, welche die traditionellen historischen Parteien genauso wie die Krankenkassen bekämpfte und die politische Landschaft im Tessin dann tatsächlich umgekrempelt hat.

Das «anständige Gesicht» der Lega

Borradori gehörte neben den Gründern Giuliano Bignasca und Flavio Maspoli zu deren ersten Repräsentanten. Dafür brauchte es damals Mut. 1991 wählten ihn die Stimmberechtigten auf Anhieb in den Nationalrat und 1995 zum ersten Staatsrat dieser Bewegung. Vier Mal war er in seiner 18-jährigen Karriere als Vorsteher des Bau-, Verkehrs- und Umweltdepartements Regierungspräsident.

Dabei verkörperte er nach aussen stets das «anständige Gesicht» der Lega, gut gekleidet und zuvorkommend, ein Gegenpol zu Lega-Gründer Giuliano Bignasca, der gerne polternd und vulgär auftrat. Privat war Borradori stets einer der begehrtesten Junggesellen des Kantons, geheiratet hat er nie, aber aus einer früheren Affäre ging eine Tochter hervor, mit der man ihn regelmässig sehen konnte.

Der öffentliche Druck machte ihm zu schaffen

2013 dann das politische Husarenstück. Im Jahr, als Lega-Gründer Giuliano Bignasca starb, gelang es ihm, Stadtpräsident von Lugano zu werden und der FDP eine bittere Niederlage zuzufügen. Lugano wurde definitiv zur Lega-Stadt. Doch politisch verkomplizierte sich die Lage für einen Mann, der es immer allen Recht machen wollte.

Gravierende finanzielle Probleme galt es zu lösen. Viele Projekte kamen nicht vom Fleck. Borradori erhielt zusehends das Image eines Politikers, der keine Entscheidungen trifft. Ein guter Mediator, aber kein «Decision-Maker». Das machte ihm zu schaffen, genauso wie der öffentliche Druck.

Nach der Räumung und dem Teilabbruch des Autonomen Zentrums Ende Mai dieses Jahres kam es zu Protesten und Demonstrationen, sogar zu einer Strafuntersuchung gegen die Stadträte. Beim wichtigen Projekt für ein Sport- und Eventzentrum verhärtete sich die Debatte und mündete in ein Referendum, über das Ende November abgestimmt wird. Die Privatisierung des Flughafens verhedderte sich in Formalitäten.

Sein grosses Ziel: der New Yorker Marathon

Gemutmasst wird, dass die vielen umstrittenen Dossiers zu einem Stresstest geführt haben. Zuletzt erschien der «Sindaco» abgemagert, erstmals äusserte er sich auch zu einem Rückzug aus dem politischen Leben. So weit ist es nicht gekommen.

Der Herzstillstand beim Joggen vom Dienstag hat alle Pläne zunichte gemacht, auch sein grosse Ziel, im Herbst beim New-York-Marathon teilzunehmen. Für das Tessin wird Marco Borradori sicherlich als prägender Politiker der letzten 30 Jahre in die Geschichte eingehen.

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