Sexismus und Mobbing
Sind die Probleme am Bundesstrafgericht grösser als bisher bekannt?

Offiziell ist der sogenannte «Sittenzerfall» am Bundesstrafgericht aufgearbeitet. Doch nun berichten mehrere Medien, die Probleme mit Sexismus und Mobbing in Bellinzona seien grösser als bisher bekannt.

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Bundesstrafgericht, Bellinzona

Bundesstrafgericht, Bellinzona

Tonatiuh Ambrosetti

Von Mobbing, Sexismus, Spesenrittertum und weiteren Vorwürfen war die Rede, als die Zeitungen von CH Media vor bald zwei Jahren erstmals über den Sittenzerfall am Bundesstrafgericht in Bellinzona berichtet haben. Offiziell sind die Vorwürfe durch das Bundesgericht in Lausanne als dessen Aufsicht inzwischen aufgearbeitet und grösstenteils entkräftet worden.

Die Deutsch­schweizer sollten «die kulturellen Eigenheiten der Tessinerinnen und Tessiner» besser berücksichtigen und freundlicher sein, riet die Aufsicht den Kolleginnen in Bellinzona vor gut einem Jahr. Die Geschäftsprüfungskommission des Bundesparlaments als Aufseherin des Bundesgerichts hat dessen Prüfbericht in der folge jedoch richtiggehend zerpflückt. Vor den ordentlichen Erneuerungswahlen an das Bundesstrafgericht in Bellinzona in der bevorstehenden Herbstsession wird nun aber neue Kritik laut.

Weitere sexistische Vorfälle während Untersuchung

Wie Radio und Fernsehen SRF sowie das Onlinemagazin «Republik» am Freitag in gemeinsamen Recherchen berichten, sollen in dem Aufsichtsbericht des Bundesgericht nicht alle Vorwürfe abgeklärt worden sein. Waren bislang zwei Sexismus-Vorwürfe bekannt, sollen «mindestens vier Fälle» gegen ein und denselben Richter gemeldet worden sein. Zudem sollen die Frauen, die ausgesagt haben, aus dessen Zuständigkeitsbereich wegversetzt und im Verfahren nie angehört worden sein. In einer Stellungnahme gegenüber den beiden Medien weist der kritisierte Richter die Vorwürfe zurück und tut sie als «bösartige und orchestrierte Angriffe auf meine Würde und Integrität» ab. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Überdies sollen sexistische Plakate, die ein anderer Richter erst während der Unter­suchung durch Lausanne in den Gängen in Bellinzona aufgehängt hatte, in dem Bericht bewusst unterschlagen worden sein.

Trennung für 300'000 Franken?

Zudem zitieren SRF und «Republik» aus der Analyse einer externen Fachperson. Laut dem 27 Seiten dicken vertraulichen Bericht ist das Arbeitsklima am Bundesstrafgericht miserabel. Konkret würden 53 Prozent der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Folgen auf ihre psychische und physische Gesundheit berichten. Genannt werden etwa Schlafstörungen, Verlust der Freude an der Arbeit, Stress oder Übelkeit.

Bereits am Dienstag hatte auch die NZZ auszugsweise über dieselbe Analyse berichtet. Darin spreche die Expertin von einem «Klima der Angst» am Bundesstrafgericht. Zudem meldete die Zeitung, das Bundesstrafgericht wolle sich die umstrittene Entlassung der krankgeschriebenen, langjährigen Generalsekretärin mehr als 300'000 Franken kosten lassen. Die Trennung von der 58-jährigen Tessinerin, die seit dem Start des Bundesstrafgerichts in Bellinzona arbeitet, hatte das Bundesgericht in Lausanne als Aufsicht über das Bundesstrafgericht empfohlen. Ein Teil der Mitarbeitenden in Bellinzona sieht sie laut früheren Medienberichten als Bauernopfer in der verworrenen Situation in Bellinzona. (sat)

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