«Schlüsseljahr»
Gewerkschaftsbund will nach der Krise einen sozialpolitischen Kurswechsel

In der Coronakrise haben laut dem Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB) vor allem untere Einkommensschichten an Kaufkraft eingebüsst. Nun soll die Politik Gegensteuer geben.

Alice Guldimann und Peter Walthard
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SGB-Sozialversicherungsexpertin Gabriela Medici sieht das 3-Säulen-Modell der Altersvorsorge unter Beschuss. (Archiv)

SGB-Sozialversicherungsexpertin Gabriela Medici sieht das 3-Säulen-Modell der Altersvorsorge unter Beschuss. (Archiv)

Keystone

Die Krise habe vor allem jene getroffen, die bereits vorher kaum vom Fleck gekommen seien. Nun brauche es eine Entlastung der arbeitenden Bevölkerung, stattdessen planten Bundesrat und Parlament Steuersenkungen und Kürzungen bei den Renten und Pensionskassen. Dies sei eine Politik zugunsten der Habenden, sagte der Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, Pierre-Yves Maillard, an der SGB-Jahresmedienkonferenz vom Dienstag.

An dieser eröffneten die Gewerkschafter, was sie als «sozial- und einkommenspolitisches Schlüsseljahr» sehen. Und bliesen zum Kampf für höhere Löhne und Renten. Am 13. Februar wollen sie die Abschaffung der Stempelsteuer bodigen und sich dafür einsetzen, dass die dafür eingesetzten drei Milliarden Franken stattdessen in Prämienverbilligungen fliessen. Zugleich wollen sie die vom Parlament beschlossene AHV-Reform abwehren. Das bewährte Schweizer 3-Säulen-Modell der Altersvorsorge werde heftiger angegriffen als je zuvor, sagte SGB-Sozialversicherungsexpertin Gabriela Medici. Ein breites Bündnis hat vergangene Woche das Referendum gegen die AHV-Vorlage ergriffen.

Als Antwort auf aktuelle Unsicherheiten um die Omikronwelle und das Aufflackern der Inflation fordert der SGB die lückenlose Verlängerung des Lohnschutzes in der Kurzarbeit für die gesamte Dauer der Pandemie und ein Umdenken bei der Schweizerischen Nationalbank (SNB): Diese müsse die Überbewertung des Frankens ernst nehmen und bei einer allfälligen Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank zuwarten, um die Kaufkraft im Inland zu stärken.

Problemfelder Homeoffice und Kurierdienste

Die Pandemie hatte nicht nur Auswirkungen auf die Löhne und damit die Kaufkraft, sondern auch auf die Arbeitsbedingungen. Homeoffice habe der Arbeitswelt eine der grössten Veränderungen der letzten Jahrzehnte gebracht, sagte SGB-Chefökonom Daniel Lampart.

Während dies ältere, etablierte Arbeitnehmer nicht zuletzt wegen des wegfallenden Arbeitswegs geschätzt hätten, sei es für jüngere Arbeitnehmer oft ambivalent. «Einige haben ihre frisch angetretene Stelle gekündigt, weil sich niemand richtig um sie gekümmert hat», sagte Lampart. Auch bei Problemen zuhause, etwa in der Beziehung oder mit den Kindern, sei Homeoffice schwierig. Auf der anderen Seite wuchs mit den zahlreichen Liefer- und Kurierdiensten ein Berufsfeld, das noch kaum reguliert ist. Kuriere bräuchten dringend gute Mindestlöhne und Arbeitsbedingungen, forderte Lampart.

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