Basel/Solothurn
Nach Unfällen mit Salzsäure-Waggons: Bericht warnt vor weiteren Vorfällen

In Basel und Solothurn kam es zu zwei Chemieunfällen mit Salzsäure. Es waren Bahnwagen derselben Baureihe betroffen. Nun warnt die Sicherheitsuntersuchungsstelle vor weiteren Unfällen.

Dario Pollice
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Am 19. Oktober 2020 sind beim Rangierbahnhof in Basel-Muttenz 1000 Liter Salzsäure ausgetreten.

Am 19. Oktober 2020 sind beim Rangierbahnhof in Basel-Muttenz 1000 Liter Salzsäure ausgetreten.

HO Sust/Kanton Baselland

Innerhalb von neun Monaten ist in der Schweiz gleich zweimal Salzsäure aus einem Kesselwagen ausgetreten. Die Unfälle beim Rangierbahnhof in Basel-Muttenz und im Solothurnischen Lüsslingen ereigneten sich am 19. Oktober 2020 respektive am 6. Juli 2021. Nun hat die Schweizerische Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust) am Mittwoch ihren Zwischenbericht zu den beiden Chemieunfällen publiziert.

Dieser zeigt auf, dass beide Male Kesselwagen der gleichen Baureihe betroffen waren. Der Wagenhalter Ermewa – ein französischer Logistikkonzern – hatte diese bei einem Hersteller in der Slowakei bestellt. Die innere Schutzauskleidung der Tanks wurde wiederum von der deutschen HAW Linings montiert.

In Muttenz entwichen 1000 Liter Salzsäure

Beim Unfall in Muttenz traten insgesamt rund 1000 Liter Salzsäure aus, wie der Zwischenbericht festhält. Zunächst sei es der Feuerwehr dabei nur teilweise gelungen, die feinen Strahlen aus dem 8 mal 11 Millimeter grossen Loch abzudichten. Danach konnte sie die Menge der austretenden Salzsäure mit Abdichtungsmasse und einem Kissen verringern. Der Wagen wurde daraufhin auf ein Wannengleis gestellt und der Inhalt abgepumpt.

Der rote Pfeil auf dem Bild weis auf das 8 mal 11 Millimeter grosse Loch beim Kesselwagen in Basel-Muttenz.

Der rote Pfeil auf dem Bild weis auf das 8 mal 11 Millimeter grosse Loch beim Kesselwagen in Basel-Muttenz.

Sust

Wie viel Salzsäure beim Unfall in Lüsslingen ausgetreten ist, steht nicht in dem Zwischenbericht. Klar ist jedoch, dass die Lösung im Solothurnischen aus einem Loch der Grösse von 11 mal 13 Millimeter entwich. Nachdem die aufgebotene Feuerwehr das Loch abdichten konnte, wurde der Wagen nach Rüti bei Büren (BE) gefahren. Dort wurde auch dieser entleert.

Schleifspuren im Innern von neuem Tank

Die Unfälle sind laut SUST darauf zurückzuführen, dass die Schutzauskleidung aus Hartgummi im Innern des Tanks beschädigt worden ist. Dadurch kam die Säure mit dem Stahlmantel in Kontakt und konnte ein Loch ätzen. Aus diesem ist schliesslich die Lösung herausgetreten. In beiden Fällen schliesst die Sust nach Untersuchungen eine Gewalteinwirkung von aussen aus. Dafür seien keine Spuren sichtbar. Zudem habe es bei beiden Wagen seit der Inbetriebsetzung – also innert 16 respektive 30 Monate – keine Schadensmeldungen gegeben.

Im Innern des einen Tanks fand die Sust Schleifspuren. Bei einem neuen Wagen sei das «aussergewöhnlich».

Im Innern des einen Tanks fand die Sust Schleifspuren. Bei einem neuen Wagen sei das «aussergewöhnlich».

Sust

Allerdings stellte die Sicherheitsuntersuchungsstelle beim Kessel in Lüsslingen Schleifspuren mit «rissartigen Strukturen im Tankinnern an der Schutzauskleidung» fest. Das sei «aussergewöhnlich» bei einem neuen Wagen und deute auf «Qualitätsmängel bei der Fertigung» hin, heisst es in dem Zwischenbericht. Bestanden diese bereits bei der Fertigung, seien sie im Rahmen der erstmaligen Prüfungen nicht entdeckt worden.

Weitere Unfälle möglich

Die Sust schliesst nicht aus, dass bei weiteren baugleichen Kesselwagen ebenfalls solche Durchbrüche möglich seien wobei ebenfalls Gefahrgut heraustreten könnte. Das würde eine «erhebliche Gefahr für Personal, Reisende, die Bevölkerung sowie die Umwelt» darstellen, heisst es in dem Zwischenbericht.

Folglich empfiehlt die Sust, alle Kesselwagen der betroffenen Baureihe und mit der entsprechenden Schutzauskleidung ausser Betrieb zu setzen. Zudem soll eine unabhängige Stell die Schutzauskleidung überprüfen. Darüber hinaus soll abgeklärt werden, ob weitere Kesselwagen mit vergleichbarer Schutzauskleidung von Mängeln betroffen sein könnten.

Die am Mittwoch veröffentlichten Ergebnisse des Zwischenberichts sind laut Sust nicht abschliessend und verlangen weitere Untersuchungen zu den Ursachen und Umständen der beiden Chemieunfälle. Weiter betont die Sicherheitsuntersuchungsstelle, dass Schuld- und Haftungsfragen nicht Gegenstand ihrer Untersuchung gewesen seien.

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