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Die Schweiz öffnet die Ehe für alle: «Ich bin sehr stolz»

Die Öffnung der Ehe für schwule und lesbische Paare sei ein «gewaltiger Schritt», freuen sich die Befürworter. Die Gegner-Seite spricht derweil von einem «fundamentalen Dammbruch».

Alice Guldimann, Kari Kälin
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Bei den Befürwortern der «Ehe für alle» ist am Sonntag die Freude gross.

Bei den Befürwortern der «Ehe für alle» ist am Sonntag die Freude gross.

Keystone

Die Schweiz sagt deutlich Ja zur «Ehe für alle». Für Michel Rudin, Co-Präsident der Schwulen-Organisation Pink Cross, ein sehr wichtiger Schritt, wie er gegenüber von SRF sagt: «Ich bin sehr stolz auf unsere Stimmbürgerinnen und Stimmbürger. Gegenüber CH Media spricht Rudin von einem «historischen Entscheid». Das Schweizer Volk habe eine Jahrhunderte alte Diskriminierung beseitigt. Rudin rechnet damit, dass kurzfristig viele homosexuelle Paare heiraten werden – und sich danach die Zahl der Eheschliessungen auf einem gewissen Niveau einpendelt.

In Sachen Gleichstellung sieht der im Kanton Luzern wohnhafte GLP-Politiker aber trotzdem noch offene Punkte. Unter anderem, was das Thema Blutspenden für schwule Männer betrifft. Rudin bereitet es auch Sorgen, dass trotz des politischen Meilensteins einige Homosexuelle im Alltag nach wie vor Diskriminierung erfahren, etwa im Ausgang. Pink Cross möchte – auch mit wissenschaftlichem Support – herausfinden, welche sozialen Milieus aus welchen Gründen Homosexuellen nach wie vor ablehnend gegenüber stehen.

Bundesrat will Volkswillen rasch umsetzen

Der Bundesrat begrüsst den Volksentscheid, wie Justizministerin Karin Keller-Sutter am Sonntag vor den Medien sagte. «Der Staat soll den Menschen nicht vorschreiben, wie sie ihr Privatleben zu gestalten haben.» Die Ehe habe zudem einen grossen symbolischen Wert und bedeute Anerkennung durch die Gesellschaft.

Jetzt wolle der Bundesrat den Volkswillen rasch umsetzen, so Keller-Sutter. Nach heutiger Planung könnten die neuen Bestimmungen am 1. Juli 2022 in Kraft treten und heterosexuelle Paare ab dann heiraten. Eingetragene Partnerschaften sollen dann unbürokratisch in eine zivile Ehe umgewandelt werden können.

Junge Grüne fordern Änderungen bei politischer Werbung

Auf Seite der Parteien freuen sich insbesondere die Grünliberalen über den Abstimmungserfolg. Mit einer parlamentarischen Initiative haben sie die Vorlage 2013 angestossen. «Mit dem Ja zur ‹Ehe für alle› macht die Schweiz endlich Schluss mit der Ungleichbehandlung und realisiert gleiche Rechte für alle», lässt sich Nationalrätin und Initiantin Kathrin Bertschy in einer Mitteilung zitieren. Auch SP, Grüne und FDP zeigen sich am Sonntag erfreut über den Volksentscheid.

Kritischere Töne schlagen die Jungen Grünen an. Das Resultat zeigt für sie: «Fast jede dritte Person in der Schweiz ist queerfeindlich.» Wie die Jungpartei in der Mitteilung weiter schreibt, ist dafür die Kampagne der Gegner mitverantwortlich. Diese sei «menschenverachtend» und «voller Fehlinformationen» gewesen. Die Jungen Grünen fordern jetzt unter anderem, dass die rechtlichen Schranken der politischen Werbung schweizweit überarbeitet werden.

Nationalrat Töngi: «Werden nicht sofort aufs Standesamt rennen»

Nationalrat Michael Töngi (Grüne), aufgenommen in Luzern.

Nationalrat Michael Töngi (Grüne), aufgenommen in Luzern.

Bild: Dominik Wunderli

Nationalrat Michael Töngi (Grüne/LU) zeigte sich «überwältigt» zum Ja zur Ehe für alle. Es freue ihn, dass der Unterschied zwischen Stadt und Land nicht gross sei. «Es ist toll, dass sich eine gesellschaftliche Entwicklung jetzt auch im Gesetz widerspiegelt», sagt er gegenüber CH Media. Er habe 30 Jahre dafür gekämpft. Töngi lebt seit mehr als 20 Jahren mit seinem Partner zusammen. Läuten bald die Hochzeitsglocken? «Wir werden jetzt nicht sofort aufs Standesamt rennen», sagt er. Aber es sei wichtig, dass Homosexuelle das jetzt tun könnten.

«Ich bin überglücklich, das ist ein historischer Tag», sagt Maria von Känel. «Das Ja ist ein grosses Signal, dass unsere Partnerschaften gleichwertig sind, und der Schutz unserer Kinder gewährleistet ist», sagt die Geschäftsleiterin des Dachverbandes Regenbogenfamilien. Für von Känel ist klar, dass die Politik jetzt offene Fragen klären muss – zum Beispiel, ob auch Ehepartnerinnen einen zweiwöchigen Urlaub erhalten, wenn ihre Frau Mutter geworden ist.

Pfarrerin: Segnungen endlich Trauungen nennen

Auch die bekannte reformierte Pfarrerin Sibylle Forrer freut sich über das Ergebnis und darüber, dass sie die Segnungsfeiern für homosexuelle Paare bald Trauungen nennen darf, wie sie auf Twitter schreibt. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International Schweiz geht davon aus, dass der Entscheid vom Sonntag die Akzeptanz von LGBTQI-Menschen stärken wird, wie sie in einer Mitteilung schreibt. Dies hätten positive Entwicklungen aus Ländern gezeigt, welche die Ehe bereits für alle geöffnet haben.

Gegnern ging es in der Debatte zu wenig um Kinder

Auf der Gegnerseite sieht man nicht nur negativ auf das Resultat und den Abstimmungskampf. «Es ist uns gerade in den letzten Wochen gelungen, eine Debatte über das Kindeswohl und die Samenspende anzureissen», sagte Anian Liebrand, der Leiter der nationalen Nein-Kampagne, im Interview mit SRF. Es gehe bei der «Ehe für alle» eben nicht nur um eine Rechtsbeziehung zwischen Erwachsenen, sondern auch um einen Anspruch auf ein Kind. Liebrand spricht in diesem Zusammenhang von einem «fundamentalen Dammbruch».

Liebrand sagt gegenüber CH Media, die Institution Ehe sei abgewertet worden. Die Gegner würden weiter gehende Forderungen wie die Leihmutterschaft bekämpfen. «Es ist bloss eine Frage der Zeit, bis dieses auf das politische Parkett kommt», sagt Liebrand.

Den Entscheid des Volkes gelte es zu akzeptieren, schreibt die EVP, die sich gegen die Öffnung der Ehe ausgesprochen hat. Der Zugang zur Samen­spende für lesbische Paare werde aber wei­ter­hin« wich­tige ethi­sche Fra­gen zur Rolle der Fort­pflan­zungs­me­di­zin und zu Kin­der­rech­ten auf­wer­fen», schreibt die Partei in einer Mitteilung. Das Parlament stehe nun in der Ver­ant­wor­tung, dafür Sorge zu tra­gen, dass dies nicht zu einer wei­te­ren Aus­wei­tung der Fort­pflan­zungs­me­di­zin führt.

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