Raubtiere
«Gefährliche Begegnungen» mit Menschen: Graubünden will Wölfe abschiessen

Graubünden stellt beim Bund ein Gesuch zur Regulierung des Beverinrudels. Dies nach «gefährlichen Begegnungen» mit Menschen. Druck zum Abschuss von Wölfen gibt es auch in weiteren Kantonen.

André Bissegger und Samuel Thomi
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Geht es nach Graubünden, soll es einigen Wölfen des Beverinrudels nach Vorfällen mit Menschen an den Kragen gehen. (Symbolbild)

Geht es nach Graubünden, soll es einigen Wölfen des Beverinrudels nach Vorfällen mit Menschen an den Kragen gehen. (Symbolbild)

Keystone

Auf einer Bündner Alp kam es zwischen einer Hirtin und Wölfen eben zu zwei «gefährlichen Begegnungen», wie der Kanton am Mittwoch mitteilte. Beim ersten Mal wurde die Frau am Schamserberg von einem Wolf von hinten auf einer Distanz von etwa zehn Metern überrascht und angeknurrt. Eine Woche später wurde sie dann gleich von drei Wölfen überrascht, die den Hirtenhund angriffen. Die Hirtin habe jeweils laut und bestimmt auf sich aufmerksam gemacht, worauf die Wölfe wieder verschwanden. Wolfs-Befürworter erachten die Vorfälle als plausibel und unterstützen – wenn auch mit Vorbehalten – die Bündner Anträge zur Regulierung.

Die Behörden gehen davon aus, dass es sich bei beiden Vorfällen um Wölfe des sogenannten Beverinrudels handelte. Es habe sich dieses Jahr nämlich weiter vermehrt. So konnten laut Kanton Graubünden in der Region Südlich von Thusis bislang mindestens sechs Welpen und fünf Wölfe beobachtet werden. Ebenfalls in dem Alpenkanton gibt es mindestens noch ein zweites Wolfsrudel, jenes im Calanda-Massiv nördlich von Chur.

Das grosse «Aber» der Wolfs-Befürworter

Die Bevölkerung am Schamserberg an der südöstlichen Flanke des Piz Beverin mache sich grosse Sorgen um die Sicherheit von Mensch und Tier. Das kantonale Amt für Jagd und Fischerei (AJF) hat deshalb wegen den Ereignissen mit «aggressivem Verhalten der Wölfe» – und weil die Schwelle der Anzahl gerissener Nutztiere im Gebiet erreicht ist – beim Bundesamt für Umwelt einen Antrag gestellt: Das Beverinrudel soll reguliert werden. Ausserdem habe sich das Vatertier des Rudels wiederholt problematisch verhalten, so die Bündner Behörden. Deshalb werde auch sein Abschuss beim Bund explizit beantragt. Es ist dies das bislang dritte Abschussgesuch in diesem Jahr im Rahmen der gelockerten Verordnung.

Auch wenn solche Berichte schwierig zu überprüfen seien, erachtet es die Gruppe Wolf Schweiz «richtig und verständlich», die Sichtungs-Meldungen und Befürchtungen aus der Bevölkerung ernst zu nehmen. «Dass Wölfe Hunde als Konkurrenten wahrnehmen können, ist nicht unbekannt», schreiben die Wolf-Befürworter weiter. Allerdings seien die anhaltenden Risse «eine Folge des anfänglich fehlenden Herdenschutzes auf verschiedenen Alpen im Streifgebiet». Womit sich bewahrheite, dass dessen Fehlen auch für geschützte Herden zum Problem werden könne.

Die Sorgen der Bevölkerung und Hirte

Insbesondere eine auch diesen Sommer wieder von Wolfs-Rissen betroffene Alp im Rheinwald habe dem nun ins Fadenkreuz gelangten Leitrüden des Rudels allerdings von Beginn an als Jagdgebiet gedient. Dabei habe er sich schliesslich auf Nutztiere spezialisiert.

Die Bündner Behörden zeigen sich in ihrer Mitteilung besorgt über die aktuelle Entwicklung des Verhaltens der Wölfe. Diese würden sich vermehrt auch an Herden von grösseren Tieren wie Rinder, Pferde und Esel heranwagen und diese zum Teil stark verletzten. Das entspreche im Vergleich zur Entwicklung bei Schafen und Geissen einer neuen, schwerer wiegenden Eingriffstiefe. Dazu kommen laut Graubünden die erstmaligen gefährlichen direkten Begegnungen zwischen Menschen und Wölfen in den vergangenen Wochen.

Bund hat Abschüsse eben erleichtert – Ruf nach weiteren Lockerungen

Für den Kanton ist klar, dass die gesetzlichen Vorgaben in den Bereichen Herdenschutz und Wolfsmanagement der «sehr schnellen Wolfsentwicklung hinterherhinken». Er bittet daher den Bund «mit Nachdruck», die Vorschriften zum Abschuss von Wölfen in schweren Fällen zeitnah und effektiv zu flexibilisieren – beispielsweise bei einer Gefährdung von Menschen.

Meldungen über problematische Wölfe haben sich jüngst gehäuft. Erst am Wochenende gab es Angriffe auf Nutztiere in Elm (GL) und Urnäsch (AR). Und auch aus dem Waadtländer Jura wurden in den letzten Wochen Wolfsangriffe gemeldet. Daraufhin hat der Kanton beim Bund zwar ein Abschussgesuch gestellt. Doch noch immer hätten die Wölfe für ihr «Blutbad» nicht büssen müssen, kritisiert die SVP Waadt am Mittwoch in einer Mitteilung. Sie fordert den Kanton auf, nun endlich einzugreifen.

SVP fordert Waadt zum Handeln auf

In jüngster Zeit einen Wolf erlegt hat derweil der Kanton Wallis. Anfang August gelang es einem Wildhüter, ein Tier, das zuvor mehrere Schafe gerissen hatte, zu erlegen. Es war dies der erste offizielle Abschuss eines Wolfes in der Schweiz nach den neuesten Regeln des Bunds. Erst Mitte Juli hatte er diese gelockert.

Die revidierte Eidgenössische Jagdverordnung erlaubt es Kantonen, neu rascher in Wolfsbestände einzugreifen. So ist etwa ein Abschuss bereits ab dem zehnten Riss eines Schafes oder einer Ziege zulässig. Davor waren 15 Risse notwendig. Oder es dürfen nicht mehr nur Welpen, sondern neu etwa auch Leitrüden abgeschossen werden wie dies Graubünden nun beantragt. Anstoss für die Revision waren Motionen aus dem Parlament. Die Lockerungen waren allerdings nicht unumstritten, nachdem sich das Volk vergangenen September knapp gegen das neue Jagdgesetz – und darin enthaltene massiv einfachere Wolfsabschüsse – ausgesprochen hatte.

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