PCB-Vergiftung
Nationalpark wird zur Giftschleuder: Eidgenössische Kommission interveniert

Hochgiftiges PCB aus dem Gebirgsfluss Spöl vergiftet langsam den Nationalpark. Der Kanton Graubünden will aber nichts von einer Totalsanierung wissen. Nun erhebt der Nationalpark Beschwerde.

Peter Walthard
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Grenzwerte um das Tausendfache überschritten: Totes Uhu-Weibchen im Spöltal.

Grenzwerte um das Tausendfache überschritten: Totes Uhu-Weibchen im Spöltal.

zvg

Eigentlich sollte der Schweizerische Nationalpark einen positiven Einfluss auf die Umwelt der Nachbartäler haben. Tiere können sich im ältesten und grössten Wildnisschutzgebiet der Schweiz ungestört vermehren und in die Umgebung weiterziehen. Doch nun hat sich dieser Effekt in sein Gegenteil verkehrt. An kaum einem Ort in der Schweiz werden höhere Belastungen mit polychlorierten Biphenylen (PCB) gemessen als ausgerechnet im Nationalpark. Ein im letzten September tot aufgefundenes Uhu-Weibchen überschritt die Grenzwerte gar um das Tausendfache. Wandernde Tiere verteilen das PCB weit über die Grenzen des Nationalparks hinaus.

Die Quelle der schleichenden Verseuchung liegt im Schutzgebiet selbst, wie Nationalparkdirektor Direktor Ruedi Haller am Freitag an einer Medienkonferenz ausführte. Untersuchungen hätten gezeigt, dass das Sediment im Fluss Spöl bis in eine Tiefe von 50 cm stark mit PCB belastet sei. Dieses stammt aus der Wasserkraft, konkret aus einem Zuleitungsstollen der Engadiner Kraftwerke, der mit einer PCB-haltigen Korrosionsschutzfarbe ausgekleidet ist. Teile davon gelangten 2016 zusammen mit Schutt in den Spöl. Seither untersucht der Nationalpark die PCB-Belastung. Dabei habe sich gezeigt, dass der Fluss wahrscheinlich schon seit 50 Jahren mit PCB verschmutzt werde und das Gift immer noch aus den Sedimenten gewaschen und in der Umgebung verteilt werde, so Haller.

Trotzdem lässt die nach der Grossverschmutzung von 2016 angekündigte Sanierung noch immer auf sich warten. Und gemäss den seit Dezember vorliegenden Plänen des Kantons soll das Gift nur aus den obersten 2,9 Kilometern des betroffenen Flussabschnitts entfernt werden. Nun interveniert die Nationalparkleitung mit Rückendeckung der Eidgenössischen Nationalparkkommission. Sie hat gegen den Sanierungsplan des Kantons Beschwerde erhoben. «Wir haben vom Bund einen gesetzlichen Auftrag die Natur zu schützen und wir vertreten als diese Kommission nach Treu und Glauben die Vorgaben der Eidgenossenschaft», sagte deren Präsidentin, die ehemalige St.Galler Regierungsrätin Heidi Hanselmann, an der Medienkonferenz. Der Nationalpark fordert vom Kanton Graubünden nichts weniger als die umfassende Sanierung des Spöls.

Auswirkungen auf die Spermienqualität beim Menschen

Dafür müsste das Sediment auf dem ganzen verschmutzten Abschnitt mit einem Kieswerk ausgebaggert und gesiebt werden. Sedimentteile, die kleiner als zwei Millimeter sind und als PCB-Träger gelten, müssten abgepumpt und separat verbrannt werden. Kostenpunkt: Im Maximalfall bis zu 40 Millionen Franken, wie Nationalparkdirektor Haller an der Medienkonferenz ausführte. Sollte eine Sanierung nicht möglich sein, müssten die Engadiner Kraftwerke gemäss den Forderungen des Nationalparks dem Kanton Schadenersatz bezahlen, damit dieser dem Park an einem anderen Ort geeignete Ersatzfläche anbieten könnte.

Das alles muss nach Ansicht der Nationalparkverantwortlichen schnell geschehen. Denn solange sich PCB-belastetes Sediment im Spöl befindet, reichert sich das Gift weiter in der Nahrungskette an. Über wandernde Tiere werde es in die umliegenden Täler verteilt und gelange schliesslich über den Wasserkreislauf zum Menschen, wo es den Hormonhaushalt durcheinanderbringe, die Spermienqualität verschlechtere und zum Wachstum von Tumoren beitrage. Der Nationalpark sei zu einer Populationssenke geworden, konstatierte Haller: «Das Gegenteil von dem was der Nationalpark sein sollte.»