Pandemie
Berset bringt Einreisequarantäne wieder ins Spiel, Impfchef will Ausweitung der Zertifikatspflicht

Bundesrat Alain Berset will, dass die Kantone mehr mobile Impfteams in die Dörfer schicken. Der Präsident der Impfkommission möchte eine Impfkampagne mit prominenten Aushängeschilder.

Michael Graber
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Bundesrat Alain Berset wünscht sich, dass die Kantone ihre Impfbemühungen weiter verstärken.

Bundesrat Alain Berset wünscht sich, dass die Kantone ihre Impfbemühungen weiter verstärken.

Keystone

Im Hinblick auf die Herbstferien «könnte auch die Reisequarantäne wieder eine Rolle spielen», sagt Bundesrat Alain Berset im Interview mit der «NZZ am Sonntag». Er hat aber auch positives zu vermelden: Sollte sich in den nächsten Tagen zeigen, dass die Fallzahlen-Entwicklung zurückgeht, weil weniger Leute aus stark betroffenen Gebieten zurückkehren, dann brauche es vielleicht «auch keine Ausweitung der Zertifikatspflicht», so Berset. Gleichzeitig appelliert er noch einmal an die Impfbereitschaft der Schweizerinnen und Schweizer: «Wir haben eine sehr gute Impfung, und die Leute haben die Möglichkeit, sich zu schützen.»

Berset nimmt auch erneut die Kantone in die Pflicht: «Die Kantone müssen viel mehr mobile Impfteams losschicken.» Längst nicht alle Ungeimpften seien Impfgegner, so der Gesundheitsminister. «Viele Leute sind noch nicht geimpft, weil ihnen das Prozedere mit der Registrierung zu kompliziert, der Weg in ein Impfzentrum zu weit war», glaubt Berset. Könnten sie «einfach hineinspazieren», liessen sie sich «gerne impfen». Er setzt sich auch für verstärkte Betriebsimpfungen ein. «Ab einer gewissen Grösse machen Betriebsimpfungen viel Sinn. Das wäre auch für bundesnahe Betriebe wie die SBB oder die Post ein guter Ansatz», so Berset im Interview.

Ein «nationaler Tag der Covid-Impfung» soll eingeführt werden

Rasch neue Massnahmen will Christoph Berger, der Präsident der Impfkommission. Im Interview mit der «Sonntagszeitung» fordert er eine rasche Ausweitung der Zertifikatspflicht: «Das ist unumgänglich. Man kann nicht mehr warten. Sie muss nun wie vorgeschlagen auch für kleinere Veranstaltungen, Restaurants, Kinos und Theater gelten.» Es sei deutlich sinnvoller, jetzt zu handeln, «als wenn wir später wieder ganz schliessen müssten», sagt Berger. Eine Drittimpfung sei derzeit nicht unbedingt im Fokus, diese sei erst dann nötig, «wenn wir die schweren Erkrankungen von Geimpften nicht mehr verhindern können.»

Damit die Ungeimpften doch noch zu Geimpften werden, fordert Berger einen «nationalen Tag der Covid-Impfung». Auch sollen Hausärzte verstärkt in die Impfbemühungen eingebunden werden: «Sie sind die Vertrauenspersonen für die Bevölkerung», sagt Berger. Und daneben sollen auch bekannte Persönlichkeiten für den Pieks werben: «Shaqiri, Akanji, Embolo – das wäre natürlich super. Möglichst verschiedene Nationalitäten.»

Parteichefs wollen Impfappell

Die Parteichefs der meisten grossen Parteien wünschen sich einen Impfappell. Dies schreibt die «Sonntagszeitung». Grünen-Chef Balthasar Glättli werde in dieser Sache in der kommenden Woche bei Alain Berset vorsprechen. Bei dieser Aktion sollen «Persönlichkeiten aus allen politischen Lagern, aus Wirtschaft und Gesellschaft, Prominente aus Kultur und Sport zur Impfung aufrufen», so Glättli. Anstossen müsse eine solche Kampagne das Bundesamt für Gesundheit. Skepsis gegenüber einem solchem Impfaufruf gibt es in Teilen der SVP. So sagt Fraktionschef Thomas Aeschi der Zeitung er würde sich persönlich nicht beteiligen, «wer mitmachen will, soll das aber tun.» 

Ein «Kampf um jedes Bett»

Aus der derzeitigen Praxis berichtet Urs Karrer, Chefarzt Infektiologie am Kantonsspital Winterthur, dem «Sonntagsblick». Es sei ein «Kampf um jedes Bett», sagt Karrer, der auch Vizepräsident der wissenschaftlichen Taskforce des Bundes ist. All die durch die Corona-Patienten belegten Betten wären «ohne Covid ja nicht leer», wehrt sich Karrer gegen den Vorwurf, dass die Situation derzeit noch entspannt sei.

Die Delta-Variante des Virus habe die Vorzeichen ziemlich geändert. So hätten im vergangenen Frühling 2020 bei den 45-Jährigen nur etwa einer von 150 Infizierten im Spital behandelt werden müssen. «Mit Delta ist es einer von 50. Diese Zahlen beziehen sich wohlgemerkt auf Ungeimpfte», so Karrer. «Jeder Schweizer, der sich freiwillig gegen die Impfung entscheidet, trägt eine Mitverantwortung, dass sich die Pandemie für alle verlängert und dass das Spitalpersonal erneut überlastet wird», richtet auch Karrer einen Impfappell an die Bevölkerung.

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