Pandemie
BAG empfiehlt Moderna-Impfung für Jugendliche – «Epidemie der Ungeimpften» in Spitälern

Die Kommission für Impffragen wird bald auch die Moderna-Impfung für Jugendliche ab 12 Jahren freigeben. Derweil zeigen sich die Corona-Experten besorgt: 90 Prozent der aktuell Hospitalisierten seien ungeimpft.

Dario Pollice
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Man beobachte eine «Epidemie der Ungeimpften», sagt Urs Karrer, Chefarzt für Infektiologie des Kantonsspitals Winterthur. (Archivbild)

Man beobachte eine «Epidemie der Ungeimpften», sagt Urs Karrer, Chefarzt für Infektiologie des Kantonsspitals Winterthur. (Archivbild)

Keystone

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) und die Eidgenössische Kommission für Impffragen (EKIF) wird in Kürze auch die Moderna-Impfung für Jugendliche ab 12 Jahren freigeben. Dies ist beim mRNA-Impfstoff von Pfizer/Biontech bereits der Fall. «Diese Anpassung erfolgt aufgrund der epidemiologischen Lage und den jetzt verfügbaren Daten», sagte EKIF-Präsident Christoph Berger am Dienstag vor den Medien in Bern. Zudem empfiehlt die Kommission die Impfung auch allen Schwangeren.

Die Corona-Experten zeigten sich derweil weiter besorgt über die epidemiologische Lage. «Die Situation muss als ungünstig und besorgniserregend eingestuft werden», sagte Patrick Mathys vom BAG. Vor allem der stetige Anstieg der Spitaleintritte sei problematisch. «Seit dem 2. Juli haben wir gut fünf Verdoppelungszyklen erlebt», so Mathys.

Gemäss den aktuellen Zahlen vom BAG sind derzeit drei Viertel der Intensivplätze belegt, rund ein Viertel davon von Covid-Patienten. Die Situation in den Spitälern sei als «angespannt» einzustufen, sagte Patrick Mathys. Genau dieses Wort benutzte auch die Schaffhauser Gesundheitsdirektion am Dienstag, um die gegenwärtige Situation in den Spitälern zu beschreiben: «angespannt».

Die Anzahl der Hospitalisationen halte sich in den letzten Tagen auf «hohem Niveau», heisst es in einer Mitteilung. Darunter befänden sich auch einige ausserkantonale Covid-Patienten, die wegen der Spitalauslastung in anderen Spitälern nach Schaffhausen verlegt wurden.

Neun von zehn Hospitalisierten sind ungeimpft

Derzeit beobachten die Spitäler eine «Epidemie der Ungeimpften», wie Urs Karrer, Chefarzt für Infektiologie am Kantonsspital Winterthur, vor den Medien ausführte. «90 Prozent der Covid-Belastung kommt momentan von Ungeimpften». Als Arzt beobachte Karrer diese Entwicklung mit Sorge. Derzeit würden täglich achtmal mehr Personen hospitalisiert als noch vor einem Monat.

Aktuelle Daten zeigen, dass hauptsächlich Ungeimpfte unter den Hospitalisierten sind.

Aktuelle Daten zeigen, dass hauptsächlich Ungeimpfte unter den Hospitalisierten sind.

BAG/Screenshot YouTube

Die heutige Lage erinnere den Infektiologen stark an die Situation vor einem Jahr, jedoch mit zwei Unterschieden: «Die Welle kommt rund zwei Monate früher und die Patienten sind bedeutend jünger», so Karrer. Mit der Delta-Variante habe sich das Hospitalisationsrisiko von ungeimpften Personen zwischen 35 und 45 Jahren verdreifacht.

Infektionen unter Rückkehrern aus Südosteuropa

Auffällig ist laut Urs Karrer zudem, dass sich unter den Hospitalisierten 40 Prozent ungeimpfte Reiserückkehrer befinden. Der Grossteil davon sei aus Südosteuropa zurückgekehrt.

Wie hoch die Ansteckungsrate unter Rückkehrern aus Südosteuropa sei, wisse man nicht, da keine systematischen Daten dazu erfasst werden. Doch es sei länger bekannt, dass in dieser Bevölkerungsgruppe die Durchimpfungsrate tief sei, so Mathys vom BAG.

Einfach einen Flyer in verschiedenen Sprachen auszuhändigen, löst laut Rudolf Hauri das Problem nicht, man müsse an die entsprechenden Gemeinschaften herantreten. Eine Lösung könnten Walk-In-Impfungen sein, bei der keine Voranmeldung nötig ist, so Christoph Berger.

Impf-Nebenwirkungen: «Es wird sehr viel Unbelegtes behauptet»

Alle Corona-Experten baten die Bevölkerung darum, sich möglichst bald impfen zu lassen. «Jede Impfung ist ein aktiver Beitrag zur Entlastung des Spitalpersonals», so Kantonsarzt Hauri. Auch Infektiologe Karrer sagte: «Klatschen ist gut, impfen ist besser».

Auf mögliche Bedenken der Ungeimpften angesprochen, sagte Hauri, dass unerwünschte Impferscheinungen kürzer und milder seien als eine Covid-Ansteckung. «Zu den unerwünschten Nebenwirkungen wird sehr viel Unbelegtes einfach behauptet.» Sowohl bei der Zulassung und auch der Anwendung würden die Impfstoffe dauernd überprüft.

Dass unter den Impfskeptikern behauptet wird, die Intensivstationen seien bislang nie überbelegt gewesen, findet Patrick Mathys «despektierlich» gegenüber dem Gesundheitspersonal. «Überlastung heisst nicht, dass die Leute vor dem Spital sterben. Es heisst, dass wir in Situationen kommen, wo die Versorgung arg infrage gestellt wird.» Wenn jedes Intensivbett belegt sei, dann werde der nächste Töffunfall eben nicht mehr behandelt.

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