Pandemie
2G als Option, Impfpflicht und die Not in den Spitälern - das sind die News aus den Sonntagszeitungen

Der oberste Gesundheitsdirektor bringt 2G ins Spiel, denn die Not in den Spitälern wächst. Die Triage hat mancherorts bereits begonnen. Eine Impfpflicht aber wird es wohl trotzdem nicht geben.

Sandra Havenith
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Vielleicht doch auch in der Schweiz bald 2G?

Vielleicht doch auch in der Schweiz bald 2G?

Keystone

Lukas Engelberger, Basler Gesundheitsvorsteher und Präsident der Gesundheitsdirektorenkonferenz (GDK), widerspricht der Kritik von Bundesrat Alain Berset, wonach die Kantone die Massnahmen des Bundes bremsen: «Die Kantone haben allen Vorschlägen des Bundesrats mit grosser Mehrheit zugestimmt, ausser beim Testobligatorium an den Schulen», sagt Engelberger im Interview mit dem SonntagsBlick.

«Dass man in der Konsultation nicht mit allem einverstanden ist, ist Teil des Systems».

Zur Situation in den Spitälern sagt Engelberger, «dass wir hart am Wind segeln». «Es kann sein, dass die Massnahmen reichen», so Engelberger weiter. «Aber es dürfte niemanden überraschen, wenn wir in ein bis zwei Wochen feststellen, dass weitere Einschränkungen nötig sind.»

Auf die Frage, ob dann auch flächendeckend 2G eine Option sei, antwortet Engelberger: «Das ist eine Möglichkeit. Mit seinem Entscheid vom Freitag hat der Bundesrat da bereits vorgespurt.» Wenn man aber die Dynamik nicht in den Griff kriege, werde 2G nicht reichen. «Dann wird man die Maskenpflicht ausweiten und neue ­Kapazitätsbeschränkungen ein­führen müssen.»

Streit um Tests an Schulen: Bildungsdirektorin Steiner kontert Berset

Die Kritik an den Kantonen kommt auch bei Silvia Steiner, Präsidentin der Erziehungsdirektorenkonferenz, nicht gut an. Sie sagt im Interview mit dem SonntagsBlick:

«Die Kantone lehnen repetitive Tests nicht ab, sie werden – im Gegenteil – in vielen Kantonen durchgeführt.»
Silvia Steiner, Präsidentin der Erziehungsdirektorenkonferenz.

Silvia Steiner, Präsidentin der Erziehungsdirektorenkonferenz.

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Eine gesamtschweizerische Verpflichtung würde aber «zwei Probleme» bringen: «Es würde enorme Testkapazitäten beanspruchen, wobei je nach Gebiet das System schon heute am Anschlag ist.» Durch lange Wartezeiten würde «das frühe Entdecken von asymptomatischen Fällen nicht mehr erreicht». Zweitens bleibe das Testen für die Kinder immer freiwillig. «Ohne Akzeptanz und hohe Teilnahmequote in den Klassen erreicht das repetitive Testen ebenfalls zu wenige gute Resultate.» Sie sieht viel eher die Eltern in der Pflicht: «Der beste Schutz für Kinder sind Erwachsene, die geimpft sind und sich auch in der Freizeit verantwortungsvoll verhalten.»

Massnahmen kommen zu spät: In der Schweiz haben die Triagen begonnen

Dass Massnahmen aber grundsätzlich dringend notwendig sind, zeigt die Situation in den Spitälern. Die Not dort wird immer grösser. So musste die Intensivstation der Hirslanden Klinik Aarau diese Woche Triagen durchführen. «Wir haben bereits Patienten mit Begleiterkrankungen triagiert», sagt Christian Frey, stellvertretender Leiter der Intensivstation. So wurde ein Krebskranker mit seinem Einverständnis nicht in die Intensivstation aufgenommen, sondern auf einer normalen Station nicht invasiv beatmet.

«Steigen die Fallzahlen weiter, werden auch die Triagen zunehmen», sagt Frey. Die Triage ist eine massive Belastung für alle Beteiligten – auch für Pflegekräfte: «Sie müssen die triagierten Patienten und ihre Angehörigen betreuen», sagt Yvonne Ribi, Geschäftsführerin des Schweizer Pflegefachverbands. Dabei stehen sie ohnehin seit bald zwei Jahren unter Dauerdruck. Die Folgen sind Kündigungen und Pensumsreduktionen, was seit Pandemiebeginn zu einem Verlust der Personalressourcen auf Intensivstationen von rund 15 Prozent geführt hat.

Jetzt müssen Patienten warten, die Triagen in den Spitälern haben begonnen.

Jetzt müssen Patienten warten, die Triagen in den Spitälern haben begonnen.

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Für Olivia Keiser, Epidemiologin an der Uni Genf, steht deshalb fest: «Die aktuellen Massnahmen reichen nicht.» Die Situation in den Spitälern sei mittlerweile die einzige Zielgrösse der Politik, erklärt sie im SonntagsBlick. «Jetzt sind diese stark überlastet, und trotzdem passiert viel zu wenig.» SP-Nationalrat und Arzt Angelo Barrile ist bestürzt, dass jetzt in der Schweiz Triagen durchgeführt werden. Die Politik müsse aufwachen: «Das Hin und Her zwischen Bund und Kantonen hat Folgen. Offenbar ist noch nicht allen Beteiligten klar, dass es um Leben und Tod geht.» Für Barrile steht fest: «Es müssen schärfere Massnahmen kommen.»

Impfpflicht stösst bei Gesundheitsfachleuten auf Ablehnung

Eine generelle Impfpflicht, wie sie teilweise im Ausland zur Debatte steht, kommt für Gesundheitsfachleute und -politiker trotzdem nicht infrage. Christoph Berger, Präsident der Eidgenössischen Kommission für Impffragen (Ekif), sagt in der «NZZ am Sonntag»: «In der Schweiz gilt der Grundsatz, dass die Impfung ein individueller Entscheid sein soll, der aufgrund von guten Informationen gefällt werden soll.

Christoph Berger, Präsident der Eidgenössischen Kommission für Impffragen (Ekif).

Christoph Berger, Präsident der Eidgenössischen Kommission für Impffragen (Ekif).

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Mit einer allgemeinen Impfpflicht würde dieser Grundsatz verletzt.» Und es würde auch viel Vertrauen in den Staat verloren gehen. Der langfristige Schaden wäre gross.

«Die Ekif ist der Meinung, dass eine solche allgemeine Impfpflicht nicht infrage kommt – ausser es wurden zuvor schon alle anderen Massnahmen bis hin zum Lockdown erfolglos ausgeschöpft.»

Der Präsident der kantonalen Gesundheitsdirektorenkonferenz, Lukas Engelberger, sagt in der «NZZ am Sonntag»: «Ich glaube nicht, dass ein Obligatorium die Impfquote wesentlich erhöht.» Aber: «Wir würden eine gewaltige Drohkulisse aufbauen, die die Impfmotivation gefährden könnte. Denn um ein Impfobligatorium durchzusetzen, müssten wir so harte Methoden anwenden, dass das Verhältnis zwischen Bürgern und Staat langfristig schwer beschädigt würde. Weil wir das nicht wollen, wäre es vermutlich ein Papiertiger.»

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