Neue Berechnungen
Kernkraft: Stilllegung und Entsorgung kosten weniger als gedacht

Die Kernkraftwerksbetreiber rechnen für die Stilllegung der Kernkraftwerke und die Entsorgung ihrer Abfälle mit geringeren Kosten. Atomgegner protestieren.

Peter Walthard
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Effizienzgewinne möglich: Rückbauarbeiten im stillgelegten Kernkraftwerk Mühleberg.

Effizienzgewinne möglich: Rückbauarbeiten im stillgelegten Kernkraftwerk Mühleberg.

Keystone

Um die Kosten für eine zukünftige Stilllegung aller Kernkraftwerke und die Entsorgung der radioaktiven Abfälle in je einem Lager für schwach- und hochaktive Abfälle tragen zu können, brauchen die Betreiber rund 23,1 Milliarden Franken. Dies ergab die Neuberechnung der Stilllegungs- und Entsorgungskosten durch die Branche, wie deren Verband Swissnuclear am Freitag mitteilte. Die Kosten werden damit um 1,1 Milliarden Franken tiefer eingeschätzt als noch vor fünf Jahren.

Dies liegt unter anderem an den Erfahrungen mit der Stilllegung des Kernkraftwerks Mühleberg. Diese hätten gezeigt, dass Nachbetriebs- und Stilllegungsarbeiten auch parallel ausgeführt werden könnten. Die veranschlagten Kosten für die Stilllegung sinken gegenüber der letzten Berechnung von 2016 um drei Prozent, bereinigt um die Teuerung gar um 5 Prozent.

Entsorgung wird billiger

Auch bei der Entsorgung geht die Branche von tieferen Kosten aus. Grund dafür seien Optimierungen beim Verfüll- und Versiegelungskonzept sowie Zugangsbauwerken und Verpackungsanlagen. Insgesamt rechnet Swissnuclear für die Entsorgung mit Kosten von 19,4 Milliarden Franken.

Günstiger käme ein Kombi-Lager, bei dem die beiden getrennten Lager für schwach- und hochaktive Abfälle am selben Standort gebaut würden. «Aufgrund des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns aus den geologischen Untersuchungen der Nagra der letzten Jahre zeichnet sich ab, dass ein solches Kombi-Lager an allen drei möglichen Standorten sicher realisierbar ist», heisst es in der Mitteilung.

Finanzierung laut Betreibern gesichert – Atomgegner widersprechen

Gemäss den aktualisierten Berechnungen sei die Finanzierung von Stilllegung und Entsorgung gesichert, so der Branchenverband. In die Berechnungen sei eine ausgeprägte Sicherheitsreserve eingepreist worden. Von den Gesamtkosten seien 7,5 Milliarden bereits bezahlt und 8,9 Milliarden Franken im Fonds sichergestellt. Damit seien knapp drei Viertel der Gesamtkosten ausfinanziert. Weitere 4,9 Milliarden Franken werden nach den Berechnungen der Branche durch Kapitalgewinne des Fonds anfallen. Die Betreiber müssten demnach noch maximal 0,9 Milliarden in die Fonds zahlen, um die Kosten zu decken.

Bei Atomgegnern stösst die neue Kostenberechnung auf heftige Kritik. In einer ersten Reaktion bemängelt die Schweizerische Energiestiftung (SES), dass unvorhergesehene Ereignisse wie eine Rückholung der Abfälle aus den Lagern nicht mitkalkuliert worden seien. Auch würden die Kosten für eine Langzeitbeobachtung nach dem Verschluss der Endlager nicht berücksichtigt. Ausserdem könnten die Eigentümerkonzerne späteren Beitragserhöhungen und der Solidarhaftung entgehen, indem sie die als separate Gesellschaften organisierten Kernkraftwerke absichtlich in Insolvenz gehen lassen könnten.

Die SES fordert deshalb die für die Überprüfung zuständige Verwaltungskommission des Stilllegungs- und Entsorgungsfonds (Stenfo) auf, die Berechnung zu korrigieren. Diese legt die Höhe der Beiträge fest, welche die Kraftwerksbetreiber pro Jahr in die Fonds einzahlen müssen. Zuvor müssen die Berechnungen vom Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat (ENSI) und unabhängigen Kostenprüfern einer umfassenden Prüfung und Plausibilisierung unterzogen werden.

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