Nationale Studie
Es summt immer weniger: Forscher warnen vor Situation der Insekten in Schweiz

Laut einem neuen Bericht sinken Bestände und Vielfalt der Insekten in der Schweiz nicht nur im Mittelland stark. Sondern auch in den Alpen. Zusätzliche Massnahmen sind laut den Forschenden dringend nötig.

Dario Pollice
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Besonders unter Druck sind in der Schweiz Insekten wie Libellen rund um Gewässer und auf Feucht- sowie Landwirtschaftsgebieten.

Besonders unter Druck sind in der Schweiz Insekten wie Libellen rund um Gewässer und auf Feucht- sowie Landwirtschaftsgebieten.

Keystone

Vielfach war zuletzt vom Globalen Insektensterben die Rede. Und das nicht nur in Wissenschaftskreisen, sondern auch in der breiten Öffentlichkeit. Doch wie sieht die Situation der Käfer, Libellen, Bienen und Schmetterlinge hierzulande aus? Leider nicht besonders gut, wie das Forum Biodiversität der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz (SCNAT) am Dienstag mitteilte.

Dieses hat gleichentags den umfassenden Zustandsbericht «Insektenvielfalt in der Schweiz» veröffentlicht. Darin werden alle verfügbaren Daten der Roten Listen, von Monitoringprogrammen sowie von Studien zusammengefasst und analysiert. Der Bericht zeigt auf, dass von den insgesamt 1153 bewerteten Insektenarten 43 Prozent gefährdet und 16 Prozent potenziell gefährdet sind. Insgesamt gelten 38 Arten als in der Schweiz ausgestorben, weitere 107 Arten sind vom Aussterben bedroht. Die Situation sei «besorgniserregend», schreiben die Forschenden.

Zunehmend gleiche Arten

Besonders unter Druck seien Insekten rund um Gewässer oder auf Feucht- und Landwirtschaftsgebieten. Die «Rote Liste» der Libellen der Schweiz zeige etwa, dass 36 Prozent der 75 einheimischen Arten bedroht seien. Dagegen hätten sich weit verbreitete und wärmeliebende Insekten in den vergangenen 20 Jahren eher weiter ausgebreitet, so die Naturwissenschafter. «Über grosse Landstriche hinweg kommen zunehmend die gleichen Arten vor», heisst es in der Mitteilung.

Der Rückgang bei der Insektenvielfalt und die sinkenden Populationsgrössen sind im Mittelland am ausgeprägtesten. Die Roten Listen würden jedoch zeigen, dass diese Entwicklungen zunehmend auch im Jura und in den Alpen feststellbar seien.

Das sei in vielerlei Hinsicht problematisch, denn Insekten haben eine «tragende Rolle» in fast allen Ökosystemen, heisst es im Bericht. Viele Nutzpflanzen sind auf die Bestäubung durch Insekten angewiesen. Ist die Vielfalt der Bestäuber gross, nehmen auch Qualität und Quantität der Bestäubung zu.

Aber auch im Boden spielen Insekten eine wichtige Rolle. So tragen sie zum Abbau von abgestorbenem Pflanzenmaterial bei und führen dem Boden Nährstoffe zurück. Nicht zuletzt bilden Insekten für viele Fledermäuse und Vögel die Nahrungsgrundlage.

Negative Entwicklungen überwiegen

Die Ursachen für den Rückgang der Insekten in der Schweiz sind gemäss den Forschenden mehrheitlich bekannt. Zum einen habe die Intensivierung der Landwirtschaft zum Verlust von Lebensräumen und Strukturen geführt. Zum andern nimmt die Qualität der verbliebenen Lebensräume weiter ab durch Überdüngung, Pestizide oder Lichtverschmutzung. Darüber hinaus setzten die Klimaerwärmung und invasive Arten die Insektenbestände zusätzlich unter Druck.

Zwar seien in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Instrumente für den Schutz und die Förderung gefährdeter Lebensräume und Arten eingeführt worden. «Insgesamt aber überwiegen die negativen Entwicklungen, die den Druck auf Lebensräume und Arten zusätzlich erhöhen», heisst es im Bericht. Deshalb seien zusätzliche Massnahmen dringend nötig.

Weniger Pestizide und Dünger - mehr Lebensräume

Um die Insektenvielfalt in der Schweiz langfristig zu erhalten, schlagen die Forschenden ein Zwölf-Punkte-Programm vor. Oberste Priorität hat demnach die Erhaltung von sogenannten Insektenhotspots - ökologisch wertvolle Flächen - ausserhalb von bestehenden Schutzgebieten. Allerdings müssten auch zusätzliche Lebensräume geschaffen werden.

Weiter schlagen die Forschenden vor, den Einsatz von Pestiziden und Stickstoffdüngern zu verringern sowie das Monitoring der Insekten und deren Erforschung zu intensivieren.

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