Landesausstellung
Algorithmen und Globalisierung: Svizra27 zeigt Szenarien für die Schweiz der Zukunft

Die Architektinnen Fabienne Hoelzel und Claudia Meier haben den Wettbewerb für die Landesausstellung Svizra27 gewonnen. Sie entwirft eine digitale und globalisierte Zukunft der Schweiz.

Peter Walthard
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Unterstützen Svizra27 ab 2022 als Creative Director: Fabienne Hoelzel (l.), Claudia Meier und ihr Team.

Unterstützen Svizra27 ab 2022 als Creative Director: Fabienne Hoelzel (l.), Claudia Meier und ihr Team.

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Philosophische Kongresse, Workshops, Slam-Poetry-Wettbewerbe und DJ-Gigs an neun verschiedenen Standorten in der Nordwestschweiz, dazu eine App, die zum Nachdenken über die Zukunft von Arbeiten und Zusammenleben anregen soll: So sieht das Siegerprojekt für die Landesausstellung Svizra27 in der Nordwestschweiz aus.

Ausgearbeitet wurde es von Fabienne Hoelzel, Architektin und Professorin an der Staatlichen Akademie der bildenden Künste in Stuttgart, und Claudia Meier, ebenfalls Architektin und Dozentin an der Hochschule Luzern. Der Verein Svizra27, dem kantonale Stellen und Wirtschaftsverbände angehören, teilte die Wahl am Montag mit.

Algorithmen statt «Normen und Zwänge»

In acht sogenannten Raumzeitkapseln entlang der Flüsse Rhein, Aare, Reuss, Limmat, Birs und Doubs sollen «verdichtete Zukünfte» durchgespielt werden. Die verschiedene Szenarien sollen von den Besuchern weitergedacht und mitentwickelt werden.

Sie sollen dabei herausfinden, wie sie zusammenleben und arbeiten wollen. Die Inputs werden von einem «Rat der Weisen» gefiltert, bei dem es sich um Intellektuelle, Kulturschaffende, Wissenschaftler und Journalisten handelt. Er wird unterstützt von «Laienberatern», zu denen Jugendliche, Migranten und Ältere gehören.

In einem der Szenarien leben die Menschen etwa in einer permanenten Pandemiesituation als «High-Tech-Eremiten» in einer Blase, in der sich der Geist vom Körper entkoppelt und eine «virtuelle, autoerotische Beziehung» mit sich selbst eingeht. In einem anderen Entwurf haben «alte Strukturen» wie Staat, politische Parteien und Kirche ausgedient, Kirchen, Kapellen und Kathedralen werden zu Kontaktbörsen für soziale Arbeit umfunktioniert. Anstelle der verschwundenen gesellschaftlichen Institutionen werden Kollektive aufgrund gemeinsamer «Lifestyle-Werte» gebildet.

Die Standorte konzentrieren sich auf die Achsen entlang der Nordwestschweizer Flüsse.

Die Standorte konzentrieren sich auf die Achsen entlang der Nordwestschweizer Flüsse.

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Während die Menschen ihre Werte selbst definieren, nehmen ihnen Algorithmen alle anderen Entscheidungen ab: Ein massgeschneidertes Lebenscoaching «vom Fitnessplan bis zur idealen Partnerwahl» führt zu einem «glücklicheren Leben frei von Normen, Zwängen und Erwartungen». Den Nationalstaat mit seinen Renten- und Vorsorgesystemen ist «überholt».

Klassische Erwerbsarbeit verliert so ihren Sinn. Das Leben gleicht sich jenem in den Ländern des «globalen Südens» an, wo Unsicherheit und Improvisation zum Alltag gehören. Die Menschen bieten ihre Arbeitskraft dort an, wo sie gerade benötigt wird. Besitz, Eigentum und Erspartes gibt es nicht mehr. Ernährt wird die Bevölkerung durch eine digitalisierte, unsichtbar gewordene High-Tech-Landwirtschaft. Die Tierhaltung ist abgeschafft und durch die Produktion von Laborfleisch ersetzt worden.

Wirtschaft finanziert die Hälfte der Kosten

Als Creative Director werden die Frauen und ihr Team ab 2022 die Projektleitung ergänzen. Basierend auf dem Siegerprojekt wird nun eine Machbarkeitsstudie in Angriff genommen. Das Budget liegt bei vier Millionen Franken und wir zu 50 Prozent von den Kantonen Aargau, Solothurn, Jura und den beiden Basel finanziert.

Diese hatten auch die Hälfte der Kosten für den Projektwettbewerb übernommen. Der Rest des Geldes wird von der regionalen Wirtschaft aufgebracht. Ziel ist es, 2023 mit dem Vernehmlassungsverfahren bei der öffentlichen Hand zu starten. Svizra27 soll 2027 als siebte Landesausstellung der Schweiz durchgeführt werden. Die letzte Landesausstellung Expo.02 fand 2002 am Bieler-, Murten- und Neuenburgersee statt.

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