Kollaps des öffentlichen Lebens
Epidemiologe Salathé weibelt für «Quarantäne light» – Zürich und Ostschweiz wollen Isolation abschaffen

Um einen Kollaps des öffentlichen Lebens zu verhindern, schlägt Epidemiologe Marcel Salathé vor, Kontaktpersonen von Infizierten nur noch Selbsttests abzugeben. Das wäre das faktische Aus der Quarantäne. Rufe danach gibt es auch aus der Ostschweiz und aus Luzern.

Samuel Thomi
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Marcel Salathé (l.) schlägt vor, die Quarantäne durch Selbsttests zu ersetzen. Auch Natalie Rickli drängt auf Lockerungen. Nichts davon wissen will Gesundheitsdirektoren-Präsident Lukas Engelberger.

Marcel Salathé (l.) schlägt vor, die Quarantäne durch Selbsttests zu ersetzen. Auch Natalie Rickli drängt auf Lockerungen. Nichts davon wissen will Gesundheitsdirektoren-Präsident Lukas Engelberger.

Bilder: Keystone / Montage: NCH

Weil mit den stark steigenden Infektionszahlen immer mehr Personen in Quarantäne oder Isolation müssen, droht dem öffentlichen Leben in der fünften Coronawelle der Stillstand. Um diesen abzuwenden, forderte Economiesuisse vergangene Woche eine Verkürzung der Quarantäne von 7 auf 5 Tage. Erst am Jahreswechsel hatte das Bundesamt für Gesundheit (BAG) den Kantonen zugestanden, diese von 10 auf 7 Tage zu verkürzen. Die meisten Kantone sind der Empfehlung bereits nachgekommen.

Weniger dramatisch schätzt diese Situation der Arbeitgeberverband ein. Dies obwohl aktuell rund 120’000 Mitarbeitende in Isolation oder Quarantäne sitzen. Präsident Valentin Vogt sagte am Samstag in der «Schweiz am Wochenende»: «Das wirft die Schweizer Wirtschaft noch nicht aus der Bahn.» Obwohl die grosse Unsicherheit im Einzelfall schwierig sein könne, hätten die Betriebe in den vergangenen bald zwei Jahren gelernt, sich kurzfristig der epidemiologischen Situation anzupassen.

Zehn Tage selber Testen und zur Arbeit?

In der Sonntagspresse machen Politikerinnen und Epidemiologen nun aber weitere Vorschläge, wie der drohende Stillstand des öffentlichen Lebens abgewendet werden könnte. Marcel Salathé etwa wird in der «SonntagsZeitung» zitiert: Man müsste «jedem, der Kontakt mit einem Infizierten hatte, umgehend zehn Schnelltests zukommen lassen». In Salathés «Quarantäne light» sollen sich Kontaktpersonen von Infizierten täglich testen. Solange diese Tests negativ ausfallen, könne man «mit vorsichtigem Verhalten» auch weiter der Arbeit nachgehen.

Der Forscher der EPFL in Lausanne räumt zwar ein gewisses Restrisiko ein. Angesichts des drohenden Arbeitskräfteausfalls sei dieses aber verantwortbar, so Epidemiologe Marcel Salathé. Etwas vorsichtiger zum Vorschlag äussert sich Huldrych Günthard. Der Professor für Infektiologie am Unispital Zürich erachtet den Zeitpunkt für Lockerungen als verfrüht. «In zwei, drei Wochen können wir über eine Aufhebung der Quarantäne diskutieren», zitiert die «SonntagsZeitung» Huldrych Günthard.

Auch Guido Graf will Quarantäne nun abschaffen

Bereits am Montag hatte auch die wissenschaftliche Taskforce des Bundes in einer Stellungnahme zur allgemeinen Situation Selbsttests ins Gespräch gebracht. Dies jedoch mit der Idee, die am Limit laufenden Labors zu entlasten. Die Bereitstellung von Selbsttests könne «sicherstellen, dass sich alle Menschen weiter testen können und so notwendige Kontakte sicherer gemacht» würden, schrieb die Taskforce auf Twitter:

Dass Selbsttests auch die Quarantäne ersetzen könnten, wie dies deren Ex-Präsident Marcel Salathé fordert, dazu schrieb die Taskforce nichts.

Der Druck für eine Abschaffung der Quarantäne steigt derweil auch aus den Kantonen. Noch am Samstag sagte Guido Graf (Mitte) in der «Schweiz am Wochenende», er sei nicht für die Aufhebung der Quarantäne, wolle aber eine Diskussion dazu anregen. Tags darauf lässt sich der Luzerner Gesundheitsdirektor in der «SonntagsZeitung» bereits zitieren mit den Worten: «Eine Quarantäne von fünf Tagen ist einfach nicht umsetzbar.» Entsprechend unterstütze er den Vorschlag des Epidemiologen Salathé.

Zürich und Ostschweiz: Fünf Tage für alle

Gar noch einen Schritt weiter geht die Zürcher Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli in der «NZZ am Sonntag». Die SVP-Magistratin fordert Bundesbern auf, «jetzt dringend die Dauer der Quarantäne und Isolation auf fünf Tage zu reduzieren». Zusammen mit den Ostschweizer Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren habe sie dem Bundesrat am Freitag einen entsprechenden Brief geschrieben, sagt Rickli in dem Interview. «Sonst sitzen wir bald alle in einer Art Lockdown.»

Am Sonntag bestätigt Lukas Engelberger, Präsident aller kantonalen Gesundheitsdirektoren, das Schreiben seiner Ostschweizer Kolleginnen und Kollegen an den Bundesrat im Interview mit dem Westschweizer Portal «letemps.ch». Dieses sei von den Kantonen Thurgau, St. Gallen, Glarus, Zürich, Graubünden, Schaffhausen und beiden Appenzell unterzeichnet.

GDK fehlt wissenschaftliche Basis

Obwohl Engelberger Verständnis für den Ruf nach einheitlichen Quarantäneregeln äussert, lehnt er eine weitere Verkürzung oder gar deren Abschaffung ab – erst recht der Isolation. Wenn schon müsse dies wissenschaftlich und nicht nur wirtschaftlich oder politisch begründet sein.

Natalie Rickli begründet die Forderung Zürichs und der Ostschweizer Kantone damit, dass fünf Tage «eine einfache und nachvollziehbare Regelung» sei. Zudem würden Studien zeigen, dass Omikron eine kürzere Inkubationszeit habe als frühere Varianten des Coronavirus. Es komme nun eine «Monsterwelle» auf die Schweiz zu. Die Zürcher Regierungsrätin erwartet, dass diese «heftig, aber kurz» sein werde. «Dann dürfte das Virus endemisch werden, wie eine Grippe.» So schätzten es die Fachleute in ihrem Gesundheitsdepartement ein. Zuletzt hatten diese These auch mehrere andere Wissenschafterinnen und Experten vertreten.

«Quarantäne light»: Verständnis von Kantonsärzten – Gesundheitsdirektoren-Präsident Engelberger winkt ab

Rudolf Hauri, Präsident der Kantonsärzte, äussert derweil in der Sonntagspresse Verständnis für die Lockerungs-Rufe. «Auch ich würde es begrüssen, wenn der Bundesrat die Dauer von Isolation und Quarantäne verkürzen würde», zitiert die «NZZ am Sonntag» den Zuger Kantonsarzt.

Hauri begründet dies mit Hinweisen,  dass mit Omikron Infizierte weniger lang infektiös seien. In der «SonntagsZeitung» schränkt der Zuger Kantonsarzt aber gleichentags ein, diese Verkürzung oder gar Abschaffung müsse am Ende die Politik beschliessen.

Zweifel an Selbsttests

Davon wollen die Kantone vorerst allerdings nichts wissen. «Zu riskant» sei derzeit eine Verkürzung oder gar Abschaffung der Quarantäne, sagt Lukas Engelberger in der «SonntagsZeitung». Gegenüber «letemps.ch» gibt der Präsident der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren (GDK) gleichentags im Interview zu bedenken, dies «würde nicht dazu beitragen, dass die von Personalmangel betroffenen Bereiche funktionieren». Zudem gebe es bereits eine Ausnahmemöglichkeit, um die Quarantäne in gesellschaftlich bedeutsamen Wirtschaftssektoren zu vermeiden.

Und zu Marcel Salathés Vorschlag einer «Quarantäne Light» gibt der Basler Gesundheitsdirektor zu bedenken, Selbsttests seien einfach zu wenig zuverlässig. Gegenüber CH Media bestätigt Lukas Engelberger seine Aussagen. Für ihn wäre ein solches Vorgehen «höchstens in einer Übergangsphase denkbar.»  (sat)

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