Jurakonflikt
Die aussergewöhnlichste Abstimmung der Schweiz ist vorbei: Moutier will nie mehr zu Bern gehören

Ein langer Konflikt endet: Die Bevölkerung des bernjurassichen Städtchens spricht sich für den Wechsel zum Kanton Jura aus. Sind damit alle Narben geheilt?

Lucien Fluri
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Die Freude war gross am Sonntag in Moutier. Es wurde gefeiert.

Die Freude war gross am Sonntag in Moutier. Es wurde gefeiert.

Anthony Anex/Keystone

Punkt 15 Uhr wird die Zweiteilung Moutiers deutlich. Beamte sperren die Gasse zum Rathaus des bernjurassischen Städtchens ab. Zumindest auf dem Papier gilt hier jetzt eine Grenze, die die Behörden vorsichtshalber durch die Ortschaft gezogen haben: Im Osten, beim Bahnhof, sollen sich nur noch die projurassischen Separatisten aufhalten – bis am Abend bekannt ist, ob Moutier beim Kanton Bern bleibt oder zum Kanton Jura wechselt. Der Westen dagegen wird zur Zone der Berntreuen erklärt. «Point de démarcation» nennen die Behörden die Grenzlinie, welche die demokratischen Gegner im langgezogenen Industriestädtchen auseinanderhalten soll. «Demarkationslinie»: Das tönt nach Nordirland oder Nordkorea. Aber das ist die Schweiz im Jahr 2021. Das ist Moutier.

Jahrzehntelang haben sich die Berntreuen und die Unabhängigkeitskämpfer hier wenig geschenkt. Es gab in den 1960er- und Anfangs der 1990er-Jahre von projurassicher Seite Sprengstoffanschläge; Bauernhäuser brannten. Diesen Sonntag nun sollte der Konflikt endgültig und demokratisch gelöst werden. Es war bereits der zweite Anlauf. 2017 wurde ein Versuch wegen Unregelmässigkeiten annulliert. Diesmal sollte nichts mehr schief gehen. Vertreter des Bundes überwachten die Stimmabgabe minutiös. In den Abstimmungszetteln waren Wasserzeichen eingelassen. Die Auszählung konnten alle mitverfolgen: Mittels Kamera wurde live aus dem Abstimmungsbüro ins Internet übertragen. «Peace of mind» (Seelenruhe) hiess das Musikstück, das die Gemeinde dazu in Endlosschleife laufen liess.

Die Berner sind ruhig, die Jurassier feiern schon früh

Am frühen Nachmittag herrscht im Lager der Berntreuen fast Totenstille. Niemand verirrt sich in deren Zentrum. Ganz anders sieht es zur selben Zeit beim Bahnhof aus: Je näher die Bekanntgabe des Resultats rückt, desto mehr Männer und Frauen strömen mit Juraflaggen zum Bahnhof. Einige Hundert sind es. Knallpetarden, hupende Autos, Bier im Becher und wehende Fahnen: Hier könnte auch eine Fussballnation in den WM-Final einziehen. Rund ums Rathaus haben die Wirte längst die Zapfhahnen auf die Strasse gestellt. Gewinnen die Projurassier, gibt es ein Volksfest, so viel steht fest.

Als sich Moutier 1975 entschied, bei Bern zu bleiben, kam es zu Krawallen.

Als sich Moutier 1975 entschied, bei Bern zu bleiben, kam es zu Krawallen.

Keystone

Und wenn sie verlieren? Die Polizei ist im Städtchen präsent. Die Angst ist nicht unbegründet: In den 70er-Jahren hatte Moutier sich einmal für den Kanton Bern entschieden. Es gab damals Krawallen.

Das Resultat ist deutlich

Punkt 18 Uhr endet die Anspannung. Der Präsident des Abstimmungsbüros verkündet das Resultat: 2114 Ja gegen 1740 Nein. Es ist ein deutliches Zeichen für den Kantonswechsel. Böller knallen. Und Valentin Zuber jubelt. Der 31-Jährige ist Gemeinderat und Sohn des langjährigen Stadtpräsidenten Maxime Zuber. Eine Projurassier aus Überzeugung. Seine Maturaarbeit hatte er schon zum Konflikt geschrieben. Nun hat er, in den letzten Jahren mächtig im Einsatz für den Wechsel, selbst an der Geschichte mitgeschrieben. Mit Anzug und Bier in der Hand steht er vor dem Hotel de Ville und spricht von einem unglaublichen Tag. Der Jurakonflikt sei nun mit demokratischen Mitteln gelöst worden.

Am Rathaus wurde eine grosse Juraflagge gehisst.

Am Rathaus wurde eine grosse Juraflagge gehisst.

Antohny Anex/Keystone

Noch bevor sich Stadtpräsident Marcel Winistoerfer im Hôtel de Ville äussert, fährt ein Lastwagen vor, um die Juraflagge ans Rathaus zu hängen. Als Winistoerfer das Rathaus verlässt, skandiert die Menge «Marcel, Marcel». Und dann, als die grosse Fahne aufgezogen wird: «Moutier bernois - plus jamais»: Nie mehr werde Moutier zu Bern gehören. Es folgt ein Volksfest, ein Meer wehender Jurafahnen. Ein Verzicht auf jegliche Coronamassnahmen.

Alle Seiten sprechen von der Lösung der Jurafrage

Ist diese jahrzehntealte Wunde nun geheilt? Oder bleiben in diesem politischen Konflikt Narben zurück, die jederzeit wieder aufbrechen können? Die Berntreuen warnten zwar vor Jahren der Ungewissheit, die auf Moutier zukommen werden: Es wird um Veränderungen, möglicherweise Einschnitte im Alltag gehen – etwa um die Frage, was mit dem Spital von Moutier passiert; ob der Kanton Jura bereit ist, dies weiterzuführen. Aushandeln müssen das nun die Kantone Bern und Jura. Am Ende werden die beiden Kantonsbevölkerungen dies an der Urne absegnen müssen.

Sowohl die Berntreuen als auch die Berner Kantonsregierung kündigten am Sonntag jedoch an, den Entschied zu akzeptierten, sobald er rechtsgültig sei: Die Jurafrage sei nun endgültig gelöst, sagte die Berner Regierung, auch wenn sie noch am Samstag einen Artikel des «Blick» bestätigt und von auffällig vielen Zuzügern gesprochen hatte, die Ende 2020 in die Stadt gezogen sind.

Alle müssten sich nun die Hand geben, sagte Gemeindepräsident Winistoerfer. Für den Projurassier gab es am Abend nur eine Gewinnerin: Die Stadt Moutier. Für sie gebe es jetzt eine besser Zukunft – in einem Kanton, der ihr kulturell, historisch und wirtschaftlich nahe stehe.