Gesellschaft
«Städter verlieren Realitätsbezug»: Auf der Suche nach dem Stadt-Land-Graben

Ob CO2- oder Jagdgesetz: Bei Abstimmungen zeigt sich in der Schweiz ein Stadt-Land-Graben. Ökonom Reiner Eichenberger sagt, was es damit auf sich hat.

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Uni-Professor Reiner Eichenberger vertritt eine pointierte Meinung zum Stadt-Land-Graben.

Uni-Professor Reiner Eichenberger vertritt eine pointierte Meinung zum Stadt-Land-Graben.

zvg

Egal ob es um das CO2- oder das Jagdgesetz geht, der Stadt-Land-Graben löst den Rösti-Graben immer mehr ab. Ökonom Reiner Eichenberger, Professor an der Universität Freiburg, versucht in der «SonntagsZeitung», das unterschiedliche Abstimmungsverhalten zu erklären. Für ihn ist klar: «Städter verlieren den Realitätsbezug».

Zum Beispiel beim CO2-Gesetz. Die Stadt Zürich habe einen Anteil an gemeinnützigen Wohnungen von 29 Prozent, die weit unter Marktpreis vermietet würden. «Wer in einer gemeinnützigen Wohnung lebt, muss kaum damit rechnen, dass bei neuen Heizvorschriften die Miete steigt», sagte er. Auf dem Land hingegen müssten viele Hauseigentümer und Mieter mit empfindlichen Mehrkosten rechnen.

Beim Jagdgesetz habe die Mehrheit der Städter der Bergbevölkerung vorschreiben wollen, mit dem Wolf leben zu müssen. «Praktisch zeitgleich beschloss die Stadt Zürich einen verstärkten Leinenzwang für Hunde in den Parks», sagt der Ökonom. «Darüber kann ich nur lachen: Man ist mutig beim Wolf, den man nie sieht, hat aber Angst vor dem gezähmten Hund im eigenen Park.»

Städtesubventionierung ist «historisches Relikt»

Weiter ist Eichenberger der Meinung, dass nicht die wohlhabende Stadtbevölkerung die ländlichen Gebiete via Subventionen und Finanzausgleich finanziere, sondern eigentlich das Gegenteil der Fall sei. «Städtische Gemeinden behaupten ständig, sie seien wegen der sogenannten Zentrumslasten benachteiligt. Das ist längst überholt.» So hätten die grösseren Städte riesige Vorteile. Diese drückten sich beispielsweise in den Bodenpreisen oder der Finanzkraft aus.

Zudem würde die Stadt viele Zentrumslasten – dazu gehören beispielsweise Infrastrukturkosten – gar nicht tragen, sondern der Kanton. «Das Opernhaus, die Gymnasien, die Universität und einiges mehr werden vom Kanton finanziert, bringen aber der Stadt grosse Vorteile», sagt der Ökonom. «Auch die Verkehrsinfrastruktur wird zu einem beträchtlichen Teil vom Kanton oder vom Bund getragen.» Da die Stadt Kantonshauptstadt ist, könne sie weiter profitieren: «Viele gut bezahlte Beamte wohnen deshalb da und bezahlen Steuern.» Von Last könne keine Rede sein.

Für ihn ist klar: «Es gibt keine Belege, dass die Stadt Zentrumslasten in einem Ausmass trägt, die die hohen Abgeltungen rechtfertigen würden.» Die massive Subventionierung der Städte sei ein historisches Relikt, aber eigentlich längst überholt. (abi)

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