Evakuation aus Afghanistan
Chaos in Kabul: Schweiz schickt Swiss-Flieger nach Taschkent

Mit einem Charterflug will die Schweiz zur Evakuation von Ausländern und Kollaborateuren aus Kabul beitragen. Vor Ort ist der Bund dagegen weitgehend machtlos.

Peter Walthard
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Begrenzter Handlungsspielraum für die Schweiz: Talibankämpfer vor dem Flughafen in Kabul.

Begrenzter Handlungsspielraum für die Schweiz: Talibankämpfer vor dem Flughafen in Kabul.

Keystone

Das Flugzeug bietet Platz für 300 Personen. Und auf dem Hinflug soll es sechs Angehörige des Korps für Humanitäre Hilfe in die usbekische Hauptstadt Taschkent bringen. Das erklärte Hans-Peter Lenz, Leiter der «Krisenzelle Afghanistan» im Aussendepartement (EDA), am Freitag in Bern vor den Medien. Ziel sei es, in Zusammenarbeit mit Deutschland möglichst viele Personen aus aus dem dortigen Flughafen wegzubringen und so einen Beitrag zu den internationalen Bemühungen zu leisten. Ob die Maschine auch Personen mit Bezug zur Schweiz ausfliegen werde, sei angesichts der chaotischen Lage noch offen.

Der Flughafen Taschkent ist Ziel der meisten Evakuierungsflüge aus der afghanischen Hauptstadt Kabul und funktioniert als eine Art Flaschenhals: Usbekistan erlaubt der internationalen Gemeinschaft nur so viele Leute aus Kabul einzufliegen, wie innerhalb von sechs Stunden weiterbefördert werden können. Vor Ort in Kabul seien die Möglichkeiten der Schweiz dagegen derzeit sehr begrenzt, sagte Hans-Peter Lenz. Die Schweizer Militärangehörigen befänden sich auf dem Flughafen und seien dort in engem Kontakt mit den US-Verantwortlichen, die diesen kontrollieren. Für diese hätten militärische Flüge derzeit Priorität. Es sei schwer, sich Gehör zu verschaffen, so Lenz.

Schweiz konnte noch keine lokalen Mitarbeiter evakuieren

Selbst Personen mit militärischen Eskorten zum Flughafen zu bringen, wie dies derzeit etwa von Nato-Staaten gemacht wird, sei für die Schweiz nicht möglich. Im Klartext: Schweizer Staatsangehörige, Afghaninnen und Afghanen mit Schweizer Aufenthaltsbewilligung sowie lokale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Schweiz mit ihren Kernfamilien müssen selber schauen, wie sie zum Flughafen Kabul kommen können.

Auch in den Flughafen hinein zu gelangen ist laut Lenz derzeit schwierig. Die Amerikaner öffneten die Tore jeweils nur kurz, wenn es neue Abflugmöglichkeiten gebe. Dies erfolge unregelmässig und unvorhersehbar. Wer nicht rund um die Uhr vor dem Flughafen ausharren könne, habe praktisch keine Chance. Besonders schwierig sei die Situation für Familien mit Kindern und gebrechlichen Personen. Dies weil es vor dem Flughafen immer wieder zu Einsätzen mit Tränengas, Schlagstöcken, Warnschüssen und darauffolgender Massenpanik komme.

Bund erachtet 10'000 Evakuationen als unrealistisch

Von den 223 Afghaninnen und Afghanen, welche die Schweiz evakuieren wollte, hat deshalb laut Lenz bislang noch niemand das Land verlassen können. Es handelt sich dabei um lokale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Schweizer Vertretung und deren Angehörige. Und von den insgesamt 40 Personen in Afghanistan, die eine ständige Aufenthaltsbewilligung für die Schweiz haben, hätten bislang nur acht ausreisen können; von 35 Personen mit Schweizer Staatsbürgerschaft deren elf.

Die Forderung links-grüner Parteien und Hilfswerke, sofort 10'000 Personen aus Afghanistan zu evakuieren, sei angesichts der Verhältnisse vor Ort unrealistisch, sagte am Freitag vor den Medien in Bern der stellvertretende Staatssekretär Johannes Matyassy. Bislang hätten alle Nato-Länder zusammen mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln ja auch lediglich 12'000 Personen evakuieren können. (wap)

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