Digitalisierung
Studie zeigt: Corona hat den Leistungsdruck in der Gesellschaft gesenkt

Die Forschungsstelle Sotomo untersucht den digitalen Wandel in der Schweiz. Die neuste Studie zeigt, welche Auswirkungen Corona darauf hatte und welche Phänomene auch ohne Pandemie passiert sein dürften. Und sie illustriert das zwiespältige Verhältnis zwischen Datenschutz und Überwachung zum Schutz der Gesundheit.

Simon Scheidegger
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Im Homeoffice fühlen sich viele weniger stark kontrolliert. (Symbolbild)

Im Homeoffice fühlen sich viele weniger stark kontrolliert. (Symbolbild)

Keystone

Die seit 2018 durchgeführte Studienreihe habe bislang eine stetige Zunahme des digitalen Leistungsdrucks in der Bevölkerung und dabei insbesondere bei jungen Erwachsenen gezeigt, heisst es in der am Dienstag veröffentlichten Studie von Sotomo. Doch nun schreiben die Forschenden: Die Corona-Krise habe den erlebten Leistungsdruck reduziert. Besonders ausgeprägt sei dieser Rückgang im Berufsleben, wo statt 45 Prozent nur noch 18 Prozent den digitalen Wandel als zunehmenden Leistungsdruck erleben. Homeoffice und digitale Meetings hätten zudem dazu geführt, dass sich viele Arbeitnehmende weniger kontrolliert und zeitlich autonomer fühlten.

Ein Rückgang des digitalen Leistungsdrucks zeige sich aber auch im Privaten. Mit dem durch den Lockdown erzwungenen Rückzug in die eigenen vier Wände habe der «soziale Marktplatz» an Bedeutung verloren. Die erzwungene Entschleunigung werde so zum Gegenmittel zur sogenannten Fear of Missing Out (FoMO) – der Angst, etwas zu verpassen. Gerade bei den Jungen habe sich der mit den sozialen Medien verbundene Leistungsdruck reduziert. Parallel dazu sei auch die Nutzung sozialer Medien bei jungen Erwachsenen deutlich zurückgegangen, während sie insgesamt stagnierte.

Für viele Teilnehmenden der Studie ist der wahrgenommene Leistungsdruck im Alltag aufgrund der Pandemie tiefer als vorher.

Für viele Teilnehmenden der Studie ist der wahrgenommene Leistungsdruck im Alltag aufgrund der Pandemie tiefer als vorher.

chm/Sotomo

Videokonferenzen und Streaming gehören für viele mittlerweile zum Alltag. Überraschend kommt die Studie aber zum Schluss, dass dies nicht ausschliesslich auf die Pandemie zurückzuführen sei, sondern diese lediglich beschleunigend gewirkt habe auf einen ohnehin stattfindenden Strukturwandel in diesem Bereich. Gleiches gelte etwa für das Vertrauen in Bezahl-Apps wie Twint oder in die digitale Unterschrift.

Grosse Skepsis bei persönlichen Daten

Obwohl die allgemeine Verunsicherung gegenüber dem digitalen Wandel weiter abgenommen habe, stellen die Forschenden fest, dass bezüglich des Sammelns und Weitergebens von persönlichen Daten nach wie vor eine grosse Skepsis bestehe, auch im Gesundheitsbereich, wo im letzten Jahr mit der SwissCovid-App oder dem Registrieren in Restaurants Erfahrungen gesammelt wurden.

Bemerkenswert ist, dass sich trotz dieser Vorbehalte 45 Prozent aller Befragten wünschen würden, die Schweiz nähme sich in einer künftigen Pandemie Südkorea oder Taiwan zum Vorbild. Dort wurde vorübergehend eine Komplettüberwachung von Handydaten durchgeführt, um die Ausbreitung des Virus' zu unterbinden. Wenn mit Massnahmen mehr Freiheiten im Alltag möglich gemacht werden, steigt also die Bereitschaft, tiefgreifende Einschränkungen des Datenschutzes in Kauf zu nehmen.

Im Auftrag der Stiftung Sanitas Krankenversicherung untersucht die Forschungsstelle Sotomo seit 2018 den digitalen Wandel in der Schweiz. Die Forscherinnen und Forscher zeigen, wie sich das digitale Verhalten verändert und sich die Digitalisierung auf das gesellschaftliche Gefüge auswirkt. Die aktuelle vierte Befragung ist die erste, die während der Pandemie durchgeführt wurde, nach fast einem Jahr in einem gesellschaftlichen Ausnahmezustand. Die Datenerhebung erfolgte vom 8. bis 18. Januar 2021. Insgesamt nahmen 2344 Personen an der Umfrage teil.