Wegen Coronavirus: Deutlich weniger Arztbesuche und Spitalbehandlungen

Während den ersten Wochen im Lockdown sind die Arztbesuche und medizinischen Behandlungen in der Schweiz um über die Hälfte zurückgegangen. Betroffen davon sind auch Notfälle.

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Ärzte und Spitäler haben weniger zu tun – auch weil Patientinnen und Patienten Termine absagen. (Symbolbild

Ärzte und Spitäler haben weniger zu tun – auch weil Patientinnen und Patienten Termine absagen. (Symbolbild

Martin Toengi

(sat) Konkret hat die Schweizer Bevölkerung in den vier Wochen seit Ende März sechs von zehn medizinische Behandlungen nicht beansprucht. Das zeigt eine am Freitag publizierte Umfrage der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) und der Universität Zürich. Abgesagt worden sind demnach Termine bei Haus- und Zahnärzten, im Spital oder bei Psychologen.

Die Absagen kamen laut dem sogenannten Covid-19-Social-Monitor vorab auf Initiative der Gesundheitspersonen und zu einem kleineren Teil von Patientinnen und Patienten. Während erstere in vielen Fällen aufgrund behördlicher Anweisungen nicht zwingende Behandlungen absagen mussten, sagten Patienten oft aus gesundheitlicher Bedenken oder wegen Einschränkungen der Bewegungsfreiheit ab.

Dass derart viele Menschen derzeit auf medizinische Behandlungen «verzichten oder verzichten müssen, hat uns etwas erstaunt», wird ZHAW-Forscher Marc Höglinger in der Mitteilung zitiert. Gemäss Umfrage waren 90 Prozent der nicht durchgeführten Behandlungen geplante Termine und Kontrolluntersuchungen. Bei einem Prozent habe es sich sogar um Notfälle gehandelt.

Damit scheint sich eine Befürchtung der Schweizerischen Gesellschaft für Notfall- und Rettungsmedizin zu bestätigen. Diese wies bereits kurz nach Beginn der Coronamassnahmen darauf hin, dass ihre Mitglieder mit «Stirnrunzeln» einen Rückgang der Herzinfarkt- und Schlaganfallpatienten festgestellten.

Ausgelassene Behandlungen können schwere Folgen haben

Sorgen bereiteten damals dem Bund zudem Hinweise aus Kinderspitälern und von Kinderärzten, dass Eltern ihren Nachwuchs wegen dem Coronavirus nicht mehr oder zu spät zum Arzt oder auf den Notfall brächten. Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit warnte Eltern darum vor falscher Zurückhaltung. Der Verzicht oder eine verspätete medizinische Behandlung könne in jedem Fall gravierendere Folgen haben. Die ZHAW-Studie kann zu einem allfälligen Behandlungsrückgang in der Pädiatrie jedoch nichts sagen, weil die Umfrage nur bei Erwachsenen durchgeführt und nicht nach Kindern gefragt wird, wie es auf Nachfrage bei den Studienautoren heisst.

«Mittel- und vor allem langfristig kann das Aufschieben oder Auslassen von Behandlungen negative Folgen haben», erklärt auch Oliver Hämmig von der Universität Zürich in der Mitteilung. «Es ist darum wichtig zu beobachten, wie sich die Situation entwickelt.» Immerhin scheint die Gesundheitsversorgung hinsichtlich Coronavirus laut Umfrage nicht beeinträchtigt zu sein. Allgemein stufen rund 85 Prozent der Menschen ihre Lebensqualität auch in der aktuellen Situation als gut oder sehr gut ein. 35 Prozent sehen eine Verschlechterung, neun Prozent gar eine Verbesserung gegenüber der Zeit vor dem Coronavirus.

Mehr psychische Beschwerden und Einsame

Im Vergleich zur Vorcoronazeit erwähnen rund 50 Prozent der 2000 Befragten – und damit mehr als sonst und in der Bevölkerung üblich – psychische Belastungs- und Erschöpfungssymptome. Darunter fallen etwa Ein- und Durchschlafstörungen oder Müdigkeitserscheinungen und Anzeichen allgemeiner Schwäche und Energielosigkeit. «Spannend wird sein, ob und wie sich diese Werte in den kommenden Wochen verändern», kommentiert Oliver Hämmig von der Universität Zürich. Rund neun Prozent der Befragten geben zudem an, sich gegenwärtig häufig oder sehr häufig einsam zu fühlen. Auch das seien einige Prozentpunkte mehr als in der letzten Schweizerischen Gesundheitsbefragung.

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