Coronavirus
Fast jeder Dritte hat Kontakt zu Freunden oder Familienmitgliedern abgebrochen

Streit, Konflikt und Polarisierung: Die Bevölkerung fürchtet sich vor gesellschaftlichen Spannungen und Verwerfungen wegen Corona. Eine Mehrheit will eine Impfpflicht für das Gesundheitspersonal und Lehrpersonen.

André Bissegger
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Der Ton wird schärfer: Die Bevölkerung nimmt die Stimmung zunehmend als aggressiv wahr.

Der Ton wird schärfer: Die Bevölkerung nimmt die Stimmung zunehmend als aggressiv wahr.

Keystone

Die Leichtigkeit des Sommers ist vorbei – und damit auch die gefühlte Pause von der Pandemie. Zwar sei die subjektive Gemütsverfassung der Befragten noch beinahe so gut wie in den warmen Monaten, dennoch werde die Stimmung in der Bevölkerung wieder deutlich schlechter eingeschätzt. Das zeigt die jüngste SRG-Umfrage zu Corona, die am Freitag veröffentlicht wurde. Konflikte, Streit und Polarisierung seien die grossen Themen dieses Corona-Herbstes.

So nimmt die Bevölkerung die Stimmung zunehmend aggressiv wahr. Die öffentliche und gesellschaftliche Diskussion zu den Corona-Massnahmen, den Kompetenzen des Bundes oder zur Impfpflicht wurde gemäss den Studienautoren stetig hitziger. Besonderen Zündstoff liefert die Impffrage, die häufig zu Konflikten führt. Vor allem nicht Geimpfte gaben an, dass sie wegen Corona Streit erleben.

Die Furcht vor gesellschaftlichen Verwerfungen scheint begründet: Beinahe ein Drittel hat wegen Corona bereits den Kontakt zu Freunden oder Familienmitgliedern abgebrochen. 45 Prozent fürchten sich vor Konflikten im privaten Umfeld – so viele wie nie zuvor. Und gesellschaftliche Konflikte werden «klar am häufigsten» genannt, wenn es um die befürchteten Folgen der Pandemie genannt.

Praktisch unverändert blieb dafür der Anteil derjenigen, die grosses Vertrauen in den Bundesrat bezüglich Pandemiepolitik setzen. Er liegt aktuell bei 53 Prozent. Von 26 auf 33 Prozent zugenommen hat allerdings der Anteil, der ihm nicht vertraut. Die Arbeit der einzelnen Bundesrätinnen und -räte wird von den Befragten unterschiedlich beurteilt. Die beste Note erhält nach wie vor der sehr exponierte Gesundheitsminister Alain Berset.

Geradezu «abgestürzt» ist Ueli Maurer: Als Grund dafür vermuten die Autoren Maurers Äusserungen und Auftritte im Zusammenhang mit den Demonstrationen gegen das Covid-Gesetz. Er posierte etwa im September im Hemd der «Freiheitstrychler».

Massnahmen des Bundesrats werden getragen – Impfpflicht gefordert

Ganz grundsätzlich befindet sich der Bundesrat mit seinen Entscheiden auf Kurs: Nach wie vor von 62 Prozent gutgeheissen wird die erweiterte Zertifikatspflicht. Abgelehnt wird dagegen eine bereits debattierte Zertifikatspflicht in Skigebieten. Weiter unterstützen 59 Prozent die am 11. Oktober in Kraft getretene Abschaffung der Gratis-Tests, wie es weiter heisst.

Eine deutliche Mehrheit sieht im Covid-19-Zertifikat einen indirekten Impfzwang. Der Anteil ist seit Juli von 69 auf 79 Prozent gestiegen. Zugenommen hat allerdings auch der Anteil derjenigen, die den indirekten Impfzwang positiv bewerten. Er beträgt neu 38 Prozent (Juli: 26 Prozent). Weiter sind 48 Prozent «klar an einer Booster-Auffrischungsimpfung interessiert». Weitere zehn Prozent sind eher dafür.

Das Thema Impfzwang dürfte künftig aber auch aus einem anderen Grund heftig diskutiert werden: Denn anders als noch in der letzten Befragung spricht sich neu gemäss der Umfrage mit 57 Prozent eine Mehrheit für eine Impfpflicht für das Gesundheits- und Pflegepersonal aus. 52 Prozent finden, dass sich auch Lehrpersonen impfen lassen müssen. Weitere 48 Prozent fordern eine Pflicht im Bereich von Gastronomie und Hotellerie.

Grösste Impfskepsis im SVP-Lager

Bezüglich Impfskepsis stechen vor allem die SVP-Anhängerinnen und -Anhänger hervor: Knapp die Hälfte will sich grundsätzlich nicht impfen lassen. Auch Personen aus dem Balkan und Südosteuropa hätten eine tiefe Impfquote, «aber die ist immer noch höher als die der SVP-Basis.» Zurückzuführen sei das auf die in den nationalkonservativen Milieus eher verbreitete Wissenschaftsskepsis.

Für die neunte Ausgabe der SRG-Corona-Umfrage hat das Forschungsinstitut Sotomo zwischen dem 20. und 25. Oktober 59'402 Personen aus allen Teilen der Schweiz online befragt.

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