Coronavirus
Epidemiologe Salathé kritisiert Bundesrat und fordert Krisenstab

Epidemiologe Marcel Salathé befürchtet, dass sich wegen Omikron «extrem viele Leute» anstecken werden – auch Geimpfte und Genesene. Dennoch glaubt er nicht, dass alles wieder von vorne losgeht.

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Marcel Salathé glaubt, dass Personen mit negativem Test vorzeitig aus Isolation oder Quarantäne entlassen werden könnten, wenn sie während der verbleibenden Tage FFP2-Masken tragen.

Marcel Salathé glaubt, dass Personen mit negativem Test vorzeitig aus Isolation oder Quarantäne entlassen werden könnten, wenn sie während der verbleibenden Tage FFP2-Masken tragen.

Keystone

Rechtzeitig zum Jahreswechsel rollt die Omikron-Welle über die Schweiz. Am Donnerstag meldete das Bundesamt für Gesundheit (BAG) erstmals über 19'000 Neuansteckungen. Epidemiologe Marcel Salathé befürchtet denn auch, dass «extrem viele Leute mit dem Virus in Kontakt kommen» werden, wie er am Freitag den Titeln von Tamedia sagte.

Von einer Durchseuchung der Bevölkerung will er allerdings nicht sprechen. «In vielen Kantonen waren ja schon vor Omikron rund 90 Prozent der Erwachsenen genesen oder geimpft», sagte er. Weil das neue Virus nun den Immunschutz teilweise umgehe, erwische es jetzt nicht nur die restlichen zehn Prozent, sondern es werde «auch Durchbruchs- und Reinfektionen geben». Trotzdem glaubt der Epidemiologe nicht, dass alles wieder von vorne beginnt: «Wir sind an einem ganz anderen Punkt als in der ersten Welle.» Geimpfte oder Genesene seien besser gegen eine schwere Erkrankung geschützt. Dennoch könne es für das System kritisch werden.

«Ärgerlich, jetzt wieder über Notbremse sprechen zu müssen»

Für ihn ist es jetzt der «komplett falsche Zeitpunkt», um über schärfere Massnahmen zu diskutieren – weil es schlicht zu spät sei. Der Bundesrat könne zwar noch immer die Notbremse ziehen – «sie wird aber wie immer erst mit einer beträchtlichen Verzögerung greifen». Salathé findet es ärgerlich, dass man jetzt wieder über solche Notbremsen sprechen müsse. Zu Beginn der Pandemie sei der Schweiz nur das Vorgehen mit dem Hammer geblieben, um den Kollaps des Gesundheitssystems zu verhindern. «Jetzt, zwei Jahre nach Beginn der Pandemie, hätte man feinere Werkzeuge.» Er denkt dabei an rechtzeitiges Boostern, viele Schnelltests oder digital unterstütztes Contact-Tracing.

Für den Epidemiologen ist daher klar: «Wir brauchen endlich einen Krisenstab, der dafür sorgt, dass die operative Koordination schneller und besser funktioniert.» Sonst sei die Schweiz in einem Jahr vielleicht wieder gleich weit. Hoffnung setzt er in die Wissenschaft, die liefere und liefere – beispielsweise neue Medikamente. (abi)

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