Coronakrise
Bundeskanzler Thurnherr: Austausch von Wissenschaft und Politik muss intensiver werden

Die Schweiz hat die Coronapandemie vergleichsweise gut gemeistert, findet Bundeskanzler Walter Thurnherr. Jetzt gelte es aber, aus der Krise zu lernen.

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Bundeskanzler Walter Thurnherr prüft im Auftrag des Bundesrates, was bei der Pandemiebewältigung schief gelaufen ist.

Bundeskanzler Walter Thurnherr prüft im Auftrag des Bundesrates, was bei der Pandemiebewältigung schief gelaufen ist.

Keystone

Im internationalen Vergleich werde die Schweiz nicht so schlecht dastehen, sagt Walther Thurnherr gegenüber dem «Tagesanzeiger». «Ja, wir hatten eine beträchtliche Übersterblichkeit. Aber wir mussten keine Patienten in den Spitälern abweisen, wir hatten nie einen absoluten Lockdown.» Zudem habe der Staat schnell geholfen und das Bruttoinlandprodukt sei deutlich weniger stark gesunken als in anderen europäischen Ländern.

Dennoch dürfe sich die Schweiz jetzt nicht ausruhen, findet der Stabschef des Bundesrats. «Die Hauptgefahr ist, dass wir nach überstandener Krise nichts mehr von der Krise wissen wollen und so tun, als sei alles super gelaufen.» Denn es gebe einige Dinge, die die Schweiz besser machen könne, angefangen bei den Masken oder der Datenaufbereitung zu Beginn der Krise. «Wir hätten beim Testen oder beim Impfen besser sein können. Wir hätten bei der zweiten Welle früher einschreiten können», so Thurnherr weiter. Die Schwierigkeit werde nun sein, das Interesse daran aufrecht zu erhalten, aus der Krise zu lernen.

Krisen werden häufiger und komplexer

Ausführlich sprach der Bundeskanzler zudem über das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik. Dieses sei schon seit längerem zu wenig geklärt und teilweise angespannt. Die Wissenschaft sei heute «am äussersten Orbit» der Verwaltung angesiedelt, bei den ausserparlamentarischen Kommissionen. Die Wissenschaft sollte dann zum Zug kommen, wenn es darum ging, Reformen zu begründen. «Dass die Wissenschaft der Politik widersprechen könnte, war hingegen eher weniger vorgesehen», so Thurnherr.

Der Austausch müsse künftig intensiver und institutionalisierter werden. «In der Pandemie wurde die Taskforce erst am 30. März 2020 mandatiert, das war eindeutig zu spät», sagt der Bundeskanzler. Es dürften weitere Krisen folgen, wobei die Abstände kleiner und die Probleme komplexer würden. «Umso wichtiger wird der Kontakt zwischen den Experten, die wissen, worum es geht, und den Politikern, die die Gesamtabwägung vornehmen müssen.» Und das soll nicht nur während, sondern auch zwischen Krisen passieren. Auf diesen Aspekt will Thurnherr nun in der Evaluation der Krise, die er im Auftrag des Bundesrats leitet, grösseres Gewicht legen. (agl)